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Wir alle liegen einander auf der Tasche – zum Glück

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02.03.2026

Wir alle liegen einander auf der Tasche – zum Glück

Gastkolumnistin Samantha Zaugg muss sich für ein Stipendium rechtfertigen. Zu Unrecht, wie die Autorin findet – und den Spiess umdreht.

Landwirtschaft oder Kunst? In diesem Fall beides: Werk in der Ausstellung Landart im Mai 2006 in Neuheim ZG.

Auf meine letzte Kolumne habe ich recht unanständige Zuschriften bekommen. Im Text ging es um ein Stipendium, das ich erhalten habe: Für eine bestimmte Zeit bekomme ich eine Wohnung und einen monatlichen Betrag. Das nahm ich zum Anlass, um über Arbeitsbedingungen im Kulturbereich zu schreiben.

Bisweilen haben mich die Missgunst und Aggression der Reaktionen erschreckt. Ein Leser wies mich darauf hin, dass es Leute gebe, die für ihr Geld arbeiten müssten. Dass es unverschämt sei, dass Künstlerinnen auf der faulen Haut liegen, auf Kosten der Allgemeinheit. Solche Nachrichten gab es einige.

Erfreulich hingegen war der Kontakt mit einem anderen Leser. Wir hatten einen recht konstruktiven Austausch. Dabei habe ich gemerkt, dass Kulturförderung für viele ein Buch mit sieben Siegeln ist. Das hat mich motiviert, nochmals einen Anlauf zu nehmen und einige Dinge etwas genauer zu beschreiben.

Beginnen wir mit der vielleicht grundlegendsten Frage: Wer bezahlt für öffentliche Kulturförderung? Der grösste Anteil der Kulturförderung wird von Gemeinden und Kantonen entrichtet . Danach kommt der Bund, Föderalismus lässt grüssen. Die Gemeinden leisten knapp die Hälfte der gesamten Kulturausgaben. Danach kommen die Kantone mit 40 Prozent und der Bund mit rund zehn Prozent. Kantone und Gemeinden haben so grosse Autonomie, man spricht auch vom Subsidiaritätsprinzip.

Wie viel Geld wird für Kulturförderung ausgegeben? Insgesamt wendet das Gemeinwesen rund drei Milliarden Franken pro Jahr für Kulturförderung auf. 320 Millionen davon kommen jährlich vom Bund. Zum Vergleich: Für die Landwirtschaft wendet der Bund jedes Jahr rund 2,8 Milliarden Franken Steuergelder für Direktzahlungen auf. Damit sind wir beim nächsten Punkt.

Samantha Zaugg ist freischaffende Autorin und Künstlerin.

Wird Kultur durch Steuern finanziert? Ja und nein. Ein Teil der Kulturförderung kommt aus den regulären Ausgaben des Staatshaushalts, also Steuereinnahmen. Auf kantonaler und kommunaler Ebene kommt ein Teil auch aus dem nationalen Lotteriefonds . Also aus den Gewinnen aus Losverkäufen, Sportwetten und Zahlenlotterie. Pro Jahr verteilt der nationale Swisslos-Fonds 500 Millionen Franken an die kantonalen Fonds . Die Anteile setzen sich zusammen aus der jeweiligen Bevölkerungszahl und den Spielumsätzen. Dieses Geld ist zweckgebunden, es muss von den Kantonen eingesetzt werden, um kulturelle, sportliche oder gemeinnützige Projekte zu finanzieren.

Eine weitere Leseraussage kreist auch immer wieder in meinem Kopf. Dass es eben Leute gibt, die für ihr Geld arbeiten müssen und Teil der Wirtschaft sind. Und dass Kultur halt selbsttragend sein müsse.

Ich verstehe den Ansatz. Doch ich entgegne, dass es zahlreiche Bereiche gibt, die nicht selbsttragend sind. Und es auch nicht sein werden. Ich habe bereits den Bogen zur Landwirtschaft gespannt, zu den jährlichen 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen, die der Bund entrichtet. Das Beispiel zeigt gut, dass Wirtschaftlichkeit nicht nur nach Profitlogik gemessen werden kann. Sonst müssten wir alle Lebensmittel aus dem Ausland importieren. Schliesslich werden sie dort günstiger produziert.

Doch das ist verkürzt, so funktioniert die Rechnung nicht. Nebst den Kosten gehören Faktoren wie lokale Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit, Landschaftsschutz und vieles mehr dazu. Diese Lesart lässt sich auf verschiedenste Bereiche anwenden. Denken wir an die Volksschule, das Gesundheitswesen, den öffentlichen Verkehr oder eben die Kultur. Nie käme es mir in den Sinn, den Landwirten vorzuwerfen, sie lägen auf der faulen Haut, auf Kosten der Steuerzahlenden.

Genau das wird jedoch dem Kultursektor unterstellt. Zirkeln wir damit zurück zum Anfang, zu einem Leserkommentar.

Ein Mann schrieb mir, ich solle ja nicht in seinen Kanton ziehen. Auf keinen Fall sollten Leute wie ich seine Steuern bekommen. In diesem Fall kann ich beruhigen, mein Stipendium kommt aus einem Lotteriefonds und einem anderen Kanton. Ich lag ihm also vermutlich noch nie auf der Tasche. Obwohl, vielleicht auch doch?

Möglicherweise wurde auch schon ein Steuerfranken aus seinem Portemonnaie für eine Zugstrecke eingesetzt, die ich mal gefahren bin. Umgekehrt habe ich vielleicht Geld in die AHV einbezahlt, die er bezieht. Liegen wir uns also alle ständig gegenseitig auf dem Portemonnaie? Man könnte es so betrachten, es wäre allerdings recht freudlos. Man könnte auch sagen, so ist es mit den Steuern und mit dem Leben: Man ist Teil einer Gemeinschaft, auch wenn man nicht alles daran gut findet. Man zahlt für etwas, von dem man vielleicht nicht direkt oder unmittelbar profitiert. Das aber wichtig ist für andere und für die Allgemeinheit.

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