Wie wir uns erfolgreich einreden, Hochdeutsch sei eine Fremdsprache
Wie wir uns erfolgreich einreden, Hochdeutsch sei eine Fremdsprache
Wie steht die Schweizer Bevölkerung zur Sprache des nördlichen Nachbarn? Darüber schreibt der Zofinger Adrian Leemann, Professor für Deutsche Soziolinguistik an der Universität Bern, in dieser Kolumne.
Im Alltag fühlt sich Hochdeutsch für viele vertraut an.
Im Schweizer Alltag wechseln wir je nach Situation ganz selbstverständlich zwischen Dialekt und Hochdeutsch. Doch wie erleben wir dieses Verhältnis? Ist Hochdeutsch für uns eine Fremdsprache, ähnlich wie Englisch oder Französisch?
Darüber wird seit Jahrzehnten diskutiert. Fachleute sprechen teilweise von «asymmetrischer Zweisprachigkeit» (wir hören und lesen Hochdeutsch öfter, als wir es sprechen). Andere Linguistinnen und Linguisten etablierten hingegen den Begriff der «Sekundärsprache»: Hochdeutsch sei weder unsere Erstsprache noch völlig fremd, da wir es in der Schule lernen und tagtäglich als Lese- und Schreibsprache nutzen. Wiederum andere sehen Hochdeutsch wegen der emotionalen Distanz gar als Fremdsprache.
In einer neuen Studie haben Selma Vonlanthen, Florian Busch und ich dazu rund 400 Personen befragt. Das Ergebnis zeigt ein kurioses sprachliches Paradox: Geht es um unser persönliches Empfinden, fühlt sich Hochdeutsch im Alltag überhaupt nicht fremd an. Fragt man uns jedoch, wie es für die Schweizerinnen und Schweizer im Allgemeinen ist, tappen wir sofort in die Klischeefalle und nennen es wieder eine Fremdsprache.
Wie lässt sich diese Kluft erklären? Die Forschung führt dies auf ein mangelndes «Plurizentrizitätsbewusstsein» zurück. Das bedeutet: Viele vergessen, dass die deutsche Sprache nicht nur ein Zentrum hat, sondern mehrere gleichberechtigte – neben dem Bundesdeutschen gibt es auch das Österreichische und eben das Schweizer Hochdeutsch. Uns fehlt oft das Bewusstsein für diese Vielfalt. Stattdessen nehmen wir das Deutsch unserer nördlichen Nachbarn als alleinigen Massstab. Weil wir anders klingen und in der Minderheit sind, werten wir unser eigenes Hochdeutsch als fehlerhaft ab und projizieren dieses Defizitgefühl auf die ganze Nation.
Interessant ist dabei ein Blick auf die Landkarte: Für Personen aus der grenznahen Nordwestschweiz fühlt sich Hochdeutsch ironischerweise eher wie eine Fremdsprache an als für Menschen aus dem Wallis. Wer in der Nordwestschweiz lebt, hat öfter das Bundesdeutsche im Ohr – was das eigene, schweizerisch geprägte Hochdeutsch im direkten Kontrast gleich fremder wirken lässt. Walliserinnen und Walliser wiederum sind es eher gewohnt, sich sprachlich anzupassen. Weil ihr Dialekt für den Rest der Deutschschweiz schwer verständlich ist, flachen sie ihn im Alltag immer mal wieder ab oder wechseln vereinzelt gar ins Hochdeutsche – selbst im Inland. So wird das Hochdeutsche für sie möglicherweise zu einem vertrauteren Werkzeug.
Letztlich zeigt sich: Wenn man auf den Einzelnen schaut, stimmt das Klischee der Fremdsprache nicht. Im Alltag nutzen wir das Hochdeutsche ganz selbstverständlich. Unser Schweizer Hochdeutsch ist dabei kein holpriger Kompromiss, sondern eine völlig korrekte Variante. Der Vergleich mit Deutschland ist also gar nicht nötig. Wir können unser Hochdeutsch einfach so sprechen, ohne uns dabei verstellen zu müssen.
Adrian Leemann ist Professor für Deutsche Soziolinguistik an der Universität Bern. In der Kolumne «Profässer Leeme» schreibt der Zofinger über Dialekte und Sprache. www.adrianleemann.com
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