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Ein Geächteter überwindet seine Nazi-Verfolger

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28.01.2026

Er war kein großer Mann, eher ein „Nobody“. Ein „Zigeuner“, wie er diskriminierend von den Nazis genannt wurde. Ein Mensch ohne großartige Schulbildung, eine Roma-Angehöriger, der sein Leben lang Hilfsarbeiter war.

Doch das, was Josef Horvath in den Jahren der Nazi-Diktatur 1938 bis 1945 erlebt und geleistet hat, ist ungewöhnlich, um nicht zu sagen einzigartig. Nicht nur, dass er einer der wenigen der 8.000 Burgenland-Roma war, die den Holocaust, die Vernichtungsmaschinerie der Nazis, überlebt hat: Er kämpfte als – in der Sprache der Nationalsozialisten – „Untermensch“ in der Wehrmacht, desertierte und schlug sich nach Marseille durch. Er entkam den Kontrollposten und deutschen Razzien, konnte sich als Flüchtling nach Algerien retten. Schließlich heuerte er bei der Fremdenlegion an und marschierte als Angehöriger der französischen Elitetruppe im Jahr 1945 in Vorarlberg ein: Josef Horvath ist einer der wenigen Roma, die sich im Zweiten Weltkrieg erfolgreich gegen ihre Ermordung wehrten und am Schluss als Sieger hervorgingen.

Die WZ hat versucht, anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Jänner – da wurde 1945 das KZ Auschwitz von den Sowjets befreit – Horvaths Geschichte anhand der Angaben von Zeitzeug:innen, Historiker:innen und einer Verwandten nachzuzeichnen.

Geboren 1914, aufgewachsen in Althodis bei Rechnitz, überlebte Horvath, weil er seine Identität verschleierte, untertauchte und sich seinen Verfolgern durch Flucht entzog. Er habe ab dem „Anschluss“ 1938 permanent in panischer Angst gelebt, als Rom erkannt zu werden und „aufzufliegen“, erzählt seine Tochter, Maria Biegelmyer, der WZ. Doch Horvath hatte unglaublichen Widerstandsgeist und großes Glück. Es ist ihm immer wieder gelungen, durch die Maschen des NS-Verfolgungsapparates zu schlüpfen.

Horvath entkam dem sicheren Tod zunächst dadurch, dass er nicht im Burgenland, wo seine Identität bekannt war, blieb, sondern nach 1938 als „Gastarbeiter“ in der Fremde arbeitete. Zuerst noch in Wiener Neustadt, dann auf dem Militärflughafen im deutschen Diepholz. Er wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen, weil er von den Behörden nicht als Rom identifiziert wurde, und rückte in eine Kaserne in Bremen ein. Aus rassischen Gründen oder weil sie aus Nazi-Sicht als „Asoziale“ galten, waren die rund 30.000 damals in Deutschland lebenden Roma und Sinti eigentlich „unwürdig“, das „deutsche Ehrenkleid“, also die Uniform der Wehrmacht, zu tragen. Die Nazi-Verfolgung war, anders als bei Jüdinnen und Juden, im Fall von sogenannten „Zigeunern“ zu Beginn nicht lückenlos. Die Roma und Sinti, die in der Wehrmacht Dienst taten, galten bei Vorgesetzten und Mitsoldaten oft als „minderwertig“, wurden schikaniert und gedemütigt.

Horvath hat als Soldat der 290. Infanteriedivision am Frankreich-Feldzug teilgenommen und ist im März 1941 auf Fronturlaub in seine Heimatgemeinde Althodis gekommen. Gerade weil er sein Leben lang Diskriminierungserfahrungen gemacht hatte, wollte er sich dort stolz als schneidiger Soldat präsentieren. Als „Meldereiter“, „in Uniform und mit Pistole“ sei er nach Hause gekommen, erzählte er in den 1980er-Jahren dem........

© Wiener Zeitung