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Als „Lotte“ in Innsbruck: Eine jüdische Überlebende erzählt

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08.05.2026

Als die jüdische Polin Leokadia Justman mit 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater Jakob Justman inmitten des Zweiten Weltkrieges nach Tirol kam, war die Annahme einer neuen Identität eine bittere Notwendigkeit, um zu überleben. Hinter ihnen lag ihre Heimat Polen, wo Leokadias Mutter Sofia bereits von den Nazis ermordet worden war. 1944 wurde Leokadia Justman mit ihrer besten Freundin Marysia in das Innsbrucker Polizeigefängnis in der Adamgasse gebracht. Während sie dort in Haft saßen, wurde Leokadia Justmans Vater im NS-Lager Reichenau ermordet. Mit der Hilfe einiger Polizeibeamter gelang den beiden jedoch im Jänner 1945 die Flucht. Eine aktuelle Ausstellung im Tiroler Landhaus rückt diese Geschichte nun wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

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Zwischen Ghetto und Vernichtungslager

Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurden Leokadia Justman und ihre jüdische Familie aus ihrer Heimatstadt Łódź vertrieben und zunächst in das Warschauer Ghetto deportiert. Im Dezember 1940 wurde der Überlebenskampf für die Familie Justman zur täglichen Realität. Leokadia Justman behielt die verstörenden Bilder hungernder Kinder und ihre Begegnung mit Janusz Korczak zeitlebens im Gedächtnis, wie sie in ihren autobiografischen Aufzeichnungen niederschrieb. Korczak war ein jüdisch-polnischer Arzt und Pädagoge, der im Ghetto ein Waisenhaus leitete. Vor allem durch sein selbstloses Handeln ging Korczak in die Geschichte ein: Als die Kinder seines Waisenhauses 1942 von der SS aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden, hätte er die Möglichkeit gehabt, sich selbst zu retten. Doch er entschied sich, bei der Deportation bei ihnen zu bleiben – und begleitete sie freiwillig in den Tod.

In einer erschütternden Parallele zu Korczaks Schicksal wurde auch Leokadia Justman Mutter Sofia im selben Jahr in Treblinka von den Nazis ermordet. Am 17. Oktober 1942 entschied sie sich im polnischen Dorf Gorzkowice dazu, anstelle ihrer Tochter in den Deportationszug einzusteigen. Während Korczak seine Schützlinge in den Tod begleitete, ermöglichte Sofia durch ihr Opfer Leokadia die Chance auf ein Weiterleben.

Flucht nach Tirol und ein Leben unter falscher Identität

Die Erinnerung an Sofia Justmans Opfer führt heute auch nach Innsbruck. Auf dem jüdischen Teil des Westfriedhofs in Wilten, der durch eine Mauer vom übrigen Gräberfeld getrennt ist, erinnert eine Steintafel an die Opfer des Nationalsozialismus. Unweit davon befindet sich das Grab von Jakob Justman, auf dessen Grabstein auch Leokadias Mutter Sofia namentlich angeführt ist. Sie wurde zwar weit weg im Vernichtungslager Treblinka ermordet, doch weil sie dort kein Grab erhalten konnte, hält dieser Stein in Tirol ihr Andenken wach. Er schlägt die Brücke von ihrem gewaltsamen Tod in Polen zur späteren Geschichte ihres Mannes und ihrer Tochter in Innsbruck.

Damals noch in Polen war es Leokadias Vater Jakob, der über seine Kontakte jene gefälschten Dokumente beschaffte, die ihnen die Flucht nach Tirol ermöglichten. Um zu überleben, mussten sie ihre jüdische Identität vollständig ablegen und sich als Angehörige des römisch-katholischen Glaubens ausgeben. Aus Leokadia Justman wurde Leokadia Gralińska, wobei man sie meist „Lotte“ nannte. Jakob Justman gab sich von nun an als Leokadias Bruder Jan........

© Wiener Zeitung