Warum Russland kein normaler Partner Europas ist – und auf absehbare Zeit nicht wird
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Warum Russland kein normaler Partner Europas ist – und auf absehbare Zeit nicht wird
03. August 2026 | Jörg Nackmayr | Burghard Jepsen
Deutschland hat Moskaus Motive lange falsch eingeschätzt. Daraus muss Europa für seine Sicherheit wichtige Lehren ziehen.
VON JÖRG-DIETRICH NACKMAYR UND BURGHARD JEPSEN
Vor viereinhalb Jahren, im Februar 2022, hat der russische Angriff auf die Ukraine viele westliche Beobachter überrascht. Zwar war die militärische Bedrohung bekannt, doch das Ausmaß der Eskalation, die Bereitschaft zu hohen eigenen Verlusten und die langfristige Konfrontation mit dem Westen wurden vielfach unterschätzt.
Russland gehört geografisch zu Europa, zumindest bis zum Ural. Politisch folgt es jedoch einer anderen Ordnungsvorstellung. Trotzdem hält sich in Deutschland immer noch die Hoffnung, nach einem Ende des Ukrainekrieges zur Partnerschaft mit Moskau zurückkehren zu können. Diese Hoffnung beruht auf einem grundlegenden Irrtum.
„Russland ist für die EU ein unverzichtbarer Partner von strategischer Bedeutung“, schrieb der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier 2007. Eine gesamteuropäische Friedensordnung lasse sich „nur mit und nicht ohne oder gar gegen Russland erreichen“. Die wirtschaftliche Verflechtung sollte Moskau dauerhaft an Europa binden.
Auch nach der Annexion der Krim hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Gedanken fest. „Dauerhafte Sicherheit werden wir nur mit Russland erreichen“, erklärte sie vor dem NATO-Gipfel von Warschau im Juli 2016. Abschreckung und Dialog seien keine Gegensätze.
Noch während des russischen Angriffskrieges erklärte der damalige thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow am 4. August 2024 in einem Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Wir brauchen eine europäische Friedensordnung, die Russland einbezieht.“ Europa müsse „endlich als Ganzes“ gedacht werden, „und da gehört Russland auch dazu“.
Gleichwohl hielt er eine solche Ordnung unter den gegenwärtigen russischen Verhältnissen selbst nicht für unmittelbar möglich. Er sagte ebenfalls: „Natürlich geht das nicht mit einer Diktatur, einem Unterdrückungsapparat, und Putin ist auch kein Vertreter von Freiheit und Frieden.“
Im Juni 2025 verlangten prominente Sozialdemokraten um Rolf Mützenich, Ralf Stegner, Norbert Walter-Borjans und Hans Eichel eine „schrittweise Rückkehr zur Entspannung der Beziehungen und einer Zusammenarbeit mit Russland“. Frieden und Sicherheit sollten nicht gegen Russland erzwungen, sondern durch Rüstungskontrolle und „gegenseitige Friedensfähigkeit“ ermöglicht werden.
Und im Mai 2026 erklärte der frühere SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck, Deutschland sei nach einem Friedensschluss in der Ukraine gut beraten, „mit Russland wieder einen Draht zu suchen“. Dabei verwies er ausdrücklich auch auf die Energiebeziehungen.
Diese Aussagen stammen aus unterschiedlichen Zeiten und politischen Lagern. Sie verbindet eine Annahme: Russland sei trotz aller Konflikte grundsätzlich ein europäischer Staat, mit dem nach Krisen, Kriegen und Regierungswechseln wieder eine normale Partnerschaft aufgebaut werden könne. Man müsse Moskau einen angemessenen Platz in einer europäischen Friedensordnung anbieten, seine Sicherheitsinteressen berücksichtigen und die wirtschaftlichen Beziehungen erneut beleben. Der Wunsch ist verständlich. Als strategische Grundlage ist er gefährlich.
Geografisch europäisch, politisch imperial
Zweifelsfrei gehört ein bedeutender Teil Russlands geografisch zu Europa. Seine Literatur, Musik, Wissenschaft und Geschichte sind ohne Europa nicht zu verstehen. Daraus folgt jedoch keine politische Zugehörigkeit zur europäischen Ordnung. Geografie schafft Nachbarschaft, aber noch keine gemeinsamen Vorstellungen von Staat, Souveränität und Recht.
Langsam setzt sich deswegen die Erkenntnis durch, den russischen Krieg gegen die Ukraine als Teil eines größeren Konflikts zwischen zwei Ordnungsmodellen zu verstehen. Die eine Seite vertritt das völkerrechtliche Prinzip formal gleichberechtigter und souveräner Staaten, das in der Charta der Vereinten Nationen bekräftigt wird. Auf der anderen Seite steht die imperiale Vorstellung, nach der Großmächte über Einflusszonen verfügen und kleineren Staaten Grenzen ihrer Souveränität setzen dürfen.
Vorbild Monroe-Doktrin?
In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die Monroe-Doktrin der USA verwiesen, die US-Einflusszonen festschreiben würde. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass Russlands Anspruch auf Sonderrechte im postsowjetischen Raum Parallelen zur amerikanischen Monroe-Doktrin aufweist. Beide folgen derselben großmachtpolitischen Logik: Entwicklungen in der eigenen Nachbarschaft berühren die nationale Sicherheit stärker als die Interessen entfernter Mächte. Daraus leiten Großmächte – das gilt auch für China - ein besonderes Mitspracherecht ab und versuchen, konkurrierende Mächte aus ihrem strategischen Vorraum fernzuhalten. Da dieser Vergleich in der politischen Debatte permanent auftaucht, untersuchen wir ihn hier etwas genauer.
Als Argument der Gleichwertigkeit amerikanischen und russischen Verhaltens in den internationalen Beziehungen wird u.a. die Kubakrise 1962 angeführt. Die USA betrachteten sowjetische Raketen auf Kuba als existenzielle Bedrohung; Russland bewertet eine NATO-Mitgliedschaft der........
