Die sieben Bedingungen für eine gemeinsame europäische Armee
Link in die Zwischenablage kopieren
Die sieben Bedingungen für eine gemeinsame europäische Armee
13. Oktober 2026 | Jörg Nackmayr | Burghard Jepsen
Europa einigt sich erst, wenn es von außen dazu gezwungen wird. Beenden Trump und Putin ungewollte die Zersplitterung des Kontinents?
VON JÖRG-DIETRICH NACKMAYR UND BURGHARD JEPSEN
Der NATO-Gipfel von Ankara hat mehrfach, insbesondere im Juli 2026, die Geschlossenheit des Bündnisses und die Beistandspflicht des Artikels 5 bekräftigt. Zugleich wiederholte sich eine Forderung, die Europa seit Jahren begleitet: Die Europäer müssen mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen. Diese politische Formel findet in Brüssel, Berlin, Paris und Warschau viel Zustimmung. Doch sie wird sehr unterschiedlich verstanden.
Für Frankreich geht es dabei um strategische Autonomie, Deutschland um einen stärkeren europäischen Pfeiler innerhalb der NATO, Polen und den baltischen Staaten vor allem um eine größere amerikanische Präsenz. Alle sprechen von Europa, aber nicht alle meinen dasselbe Europa. Und deshalb erwächst aus der gemeinsamen Bedrohung noch keine gemeinsame Handlungsfähigkeit.
Die Europäische Union verfügt über einen riesigen Binnenmarkt, eine hochentwickelte Industrie, technologische Fähigkeiten und mehr als genügend Bevölkerung, um ihr internationales Gewicht zu vergrößern. Dennoch verhandeln die USA, China und Russland immer wieder über europäische Interessen hinweg. Europa bleibt wirtschaftlich ein Schwergewicht, politisch ein Staatenverbund und militärisch in zentralen Bereichen abhängig. Das ist kein vorübergehendes Missverständnis, sondern das Ergebnis seiner Geschichte und seiner Konstruktion.
Die EU ist dort am stärksten, wo Interessen berechenbar verrechnet und Entscheidungen rechtlich kontrolliert werden können. Sie ist dort am schwächsten, wo Gefahr, Zeitdruck und ungleich verteilte Opfer den politischen Willen auf die Probe stellen. Beim Binnenmarkt lässt sich ein Nachteil durch Geld oder Übergangsfristen ausgleichen. In einer militärischen Krise geht es um Menschenleben, Territorium und die Gefahr der Eskalation. Dann tritt hinter der europäischen Rhetorik wieder der Nationalstaat hervor, weil nur er bisher über die volle demokratische Legitimation und die Machtmittel verfügt.
Das alte europäische Machtproblem
Die europäische Einigung entstand als Friedensprojekt. Sie sollte Macht zwischen den Mitgliedstaaten binden, nicht neue Macht nach außen bündeln. Der Binnenmarkt, die gemeinsame Rechtsordnung und später die Währung folgten dieser Logik. Sie schufen Regeln, Abhängigkeiten und Ausgleich. Für die Organisation militärischer Macht, für strategische Führung und für Entscheidungen unter Zeitdruck wurde die Europäische Union dagegen nie gebaut.
Dahinter steht eine geopolitische Konstante: Jede große europäische Macht ist für dauerhafte Vorherrschaft zu klein und für ein stabiles Gleichgewicht zu groß. Frankreich, Deutschland, Großbritannien und zeitweise Russland konnten das europäische Kräfteverhältnis verändern, aber keiner dieser Staaten vermochte eine von den anderen dauerhaft akzeptierte Ordnung zu errichten. Versuche der Dominanz erzeugten Gegenkoalitionen; Phasen des Gleichgewichts blieben prekär.
Seit 1945 lösten die Vereinigten Staaten dieses Problem von außen. Sie garantierten die Sicherheit Westeuropas, hielten Deutschland eingebunden, Frankreich beteiligt und die Sowjetunion auf Abstand. Nach 1989 wurde daraus die Ordnung fast des gesamten Kontinents. Die amerikanische Präsenz war deshalb mehr als ein militärischer Schutzschirm. Sie ersparte den Europäern die Entscheidung, wer sie führen, wer für ihre Sicherheit zahlen und wer im äußersten Fall über Krieg und Frieden entscheiden sollte.
Solange Washington diese Rolle glaubwürdig ausfüllte, konnte die EU ihre innere Integration vertiefen, ohne die Machtfrage zu beantworten. Nun richten die USA ihren strategischen Blick immer stärker auf China und den Indopazifik. Selbst die in Ankara erneut bekräftigte Beistandsgarantie hebt diese langfristige Verschiebung nicht auf. Europa muss damit rechnen, dass amerikanische Unterstützung künftig stärker von........
