Sensitivity Reading: Zwischen politischer Korrektheit und Kunstfreiheit
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Sensitivity Reading: Zwischen politischer Korrektheit und Kunstfreiheit
17. Mai 2026 | Benedikt Mancini
Literaturagenten und Verlage nutzen die neue Praxis, um (nicht nur) Literatur von möglicherweise diskriminierenden Formulierungen zu bereinigen. Der hohe moralische Anspruch fordert die Kunstfreiheit heraus
Sensitivity Reading hat Abitur! 2026 wurde das Phänomen in Baden-Württemberg zum Gegenstand des Aufgabenformats „Kommentar“ in der schriftlichen Prüfung des Faches Deutsch. Schülerinnen und Schüler setzten sich mit Vor- und Nachteilen auseinander, um schließlich eine dezidierte eigene Meinung zu formulieren. Auch nach der Prüfung wurde das Thema intensiv diskutiert in der Altersgruppe, die ihren ethischen Kompass auszurichten sucht.
Sensitivity Reading ist eine Praxis, die von Literaturagenten und Verlagen angeboten wird, um Literatur auf möglicherweise diskriminierende Formulierungen hin zu überprüfen und ggf. zu bereinigen. Der hohe moralische Anspruch fordert die Kunstfreiheit heraus und folgt manchmal schlichtweg ökonomischen Interessen.
Das Phänomen als solches ist nicht neu: Dürfen insbesondere in Kinderbüchern diskriminierende Stereotypen transportiert werden? Titel wie „Zehn kleine Negerlein“, die in den 1990er Jahren noch massenweise verkauft wurden, sind mittlerweile aus den Verlagsprogrammen verschwunden (während sie bei Ebay zu Höchstpreisen angeboten werden). Kaum jemand wird bezweifeln, dass solche Bücher, die einen pädagogisch-didaktischen Anspruch erheben, dem sie nach heutigen Maßstäben nicht gerecht werden oder gar zuwiderlaufen, vom Markt verschwinden sollten.
Sehr viel schwieriger ist die Debatte um Werke von Charles Dickens, Mark Twain, Karl May, Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Auguste Lechner. Hier geht es allerdings nicht darum, Werke der Jugendliteratur aus dem Verkauf zu nehmen, sondern um mögliche sprachliche Eingriffe oder Kommentierungen.
"Maßnahmen, die man nur aus totalitären Systemen kennt"
Der Kinderbuchautor und Übersetzer Andreas Steinhöfel übersetzte einige Bücher des britischen Autors Roald Dahl (1916-1990) ins Deutsche und sah sich mit der Frage konfrontiert, wie mit diskriminierungssensiblen Formulierungen umzugehen sei. Für ihn kam es nicht in Frage, diese........
