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In den USA regiert nicht der Präsident, sondern der Irrwitz

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06.02.2026

Nicht wahnsinnig zu werden, ist wie immer das Gebot der Stunde. Es passt aber auch hervorragend zu einer Wortschöpfung, die derzeit dringender kaum gebraucht werden könnte:

Sanewashing.

Sprachlich handelt es sich um die Zusammenziehung von »sane« mit einem ungefähren Bedeutungsraum zwischen »vernünftig«, »normal« und »geistig gesund«. Und »washing« als Wortteil, ursprünglich stammend von »whitewashing«, weißwaschen, also aktiv so zu tun, als sei etwas recht Dreckiges sauber: etwas schönreden. Ein uralter sozialer Vorgang, der Elemente der Täuschung des Publikums beinhaltet, ebenso wie Verharmlosung, Beschönigung und Bigotterie.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Autor und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und digitale Technologien. Gemeinsam mit Jule Lobo beschäftigt er sich im Podcast »Feel the News – Was Deutschland bewegt«  mit aktuellen Debattenthemen.

Die zeitgenössische, amerikanische Kommunikationskultur gehört mit ihren Wort-, Satz- und Meme-Erfindungen ohnehin zu den größten Zivilisationserrungenschaften des 21. Jahrhunderts. Ab und zu entgleisen Begriffe wie »Wokeness« und verschlachtfelden dann aktivistisch, aber ohne Bezeichnungen wie »Ghosting«, »Whataboutism« oder »Gaslighting« würden wir die Welt viel schlechter bewältigen.

Sanewashing bedeutet, Irrationalität, Extremismus und Wahn in Wort und Tat so zu behandeln, als handele es sich um rationale, gemäßigte und irgendwie normale, akzeptable Aktivitäten. Erfunden oder zumindest geprägt worden zu sein scheint das Wort um 2016 auf Twitter. Der Hauptgrund von damals ist auch heute mitverantwortlich für das derzeitige Hoch von Sanewashing: Donald Trump.

Aber nur mitverantwortlich. Denn zum einen ist im Fahrwasser Donald Trumps Sanewashing auch anderswo salonfähiger geworden. Und zum anderen geht damit ein mediales Phänomen einher.

Sanewashing ist inzwischen skalierbar, weil es zu einer Art Verzweiflungsstandard redaktioneller Nachrichtenmedien geworden zu sein scheint. Wie soll man auch den offenkundigen Wahn anders fassen als mit spitzen Nachrichtenfingern und rationalisierendem Abstand? Ja, nein. Tut mir leid. Zwei zentrale Vorwürfe möchte ich dagegen erheben.

Erstens wird der tiefe Irrsinn der Trump-Regierung nicht im Ansatz angemessen dargestellt. Horkheimer sprach von »instrumenteller Vernunft« und meinte, dass man kollektiv so tut, als sei Werkzeugrationalität eigentlich das Gleiche wie Vernunft. Viele Leitmedien kritisieren Einzelvorgänge, aber sie tun ansonsten, als sei Trumps »Justizministerium« noch ein Justizministerium. Man dürfte es eigentlich nur in Anführungszeichen schreiben, die Justizministerin war Trumps Anwältin, und sie ist es noch.

Zweitens wird Trumps offenkundiger, geistiger Niedergang mit wenigen Ausnahmen (im Vergleich zum Gesamtnachrichtenvolumen über Trump) als Nebensache behandelt oder sogar ignoriert. Trump redet schon lange recht speziell. In den letzten vielleicht anderthalb Jahren aber hat Trump nicht einen einzigen kohärenten, klaren, politischen Gedanken öffentlich formulieren können.

Dass öffentlich trotzdem noch oft so getan wird, als könne man diese beiden Wahn-Aspekte der Trump-Politik ausblenden, verstört mich. Sanewashing wird zum Default-Modus der Berichterstattung. Das ist keine bloße Behauptung, wie man an der Berichterstattung rund um Grönland  zu Beginn des Jahres gut nachvollziehen kann.

Denn was ist Trumps Grönland-Episode? Ein Irrwitz in fast jeder Hinsicht. Denn jedes........

© Spiegel Online