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Interview mit Luisa Neubauer: „Ich habe direkt vor einer Demo Morddrohungen bekommen“

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31.03.2026

Interview mit Luisa Neubauer „Ich habe direkt vor einer Demo Morddrohungen bekommen“

Interview | Berlin · Die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer berichtet von Aggressionen im Netz gegen sie, von digitaler Gewalt, Hassbotschaften und Morddrohungen. Und sie kritisiert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für seinen Umgang mit der Debatte um Gewalt gegen Frauen.

Luisa Neubauer ist selbst bereits Opfer von digitaler Gewalt und Deepfakes geworden. (Archivbild)

Frau Neubauer, Sie sind eine der bekanntesten Personen der Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“. Sie selbst sind auch bereits Opfer von digitaler Gewalt und Deepfakes geworden. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Neubauer Leider viele. Bereits zwei Monate nach meiner ersten Demonstration mit „Fridays for Future“ wurden im Internet Privatadressen und Telefonnummern von mir veröffentlicht, Handys wurden geknackt. Seitdem kann man in den Kommentarspalten auf meinen Social-Media-Kanälen vieles von dem sehen, was die Welt des Hasses im Angebot hat. Insbesondere Frauen, die zusätzlich noch von Rassismus betroffen sind, erleben aber noch ganz andere Ausmaße. Und vor anderthalb Jahren habe ich das erste Mal davon erfahren, dass es Deepfakes von mir gibt.

Sie können seit fünf Jahren nur noch mit Personenschutz zu Demonstrationen und Lesungen gehen. Was macht das mit Ihnen?

Neubauer Es ist mühsam, weil ich mich einfach ums Klima kümmern möchte. Ich bin konstant im Austausch mit dem Landeskriminalamt. Kürzlich habe ich direkt vor einer Demo eine Morddrohung erhalten. Jemand schrieb: ,Seh ich dich bei einer Demo, drücke ich dir eine Kugel in den Kopf.‘ Natürlich sorge ich mich dann um meine Sicherheit. Aber ich könnte meine Arbeit nicht machen, wenn ich die ganze Zeit Angst hätte und darüber nachdenken würde, was jetzt passieren könnte. Ich setze da eher auf eine strategische Verdrängung. Mehr Sorgen mache ich mir um die Sicherheit meiner Familie und um die meines Umfelds.

Sie sagen, zum Großteil kämen die Anfeindungen Ihnen gegenüber von Männern, häufig aus dem rechten Spektrum. Woher kommt diese Anti-Klima-Aggression der Rechten?

Neubauer Für Rechtsextremisten sind wir das Feindbild. Die Angriffe gegen mich und andere sind teilweise reiner Frauenhass. Oftmals aber vermischt sich das mit dem politisch-strategischen Versuch, gerade diejenigen kleinzuhalten, die sich gegen fossile Abhängigkeiten für das Klima engagieren. Das hängt paradoxerweise auch damit zusammen, dass wir mehr gewinnen als erwartet. Wir gehen trotz vieler Rückschritte in großen Schritten nach vorne, die Windräder drehen sich, wir haben in Hamburg den Volksentscheid für besseren Klimaschutz gewonnen. In München wurde mit Dominik Krause erstmals ein Grüner zum Oberbürgermeister gewählt.

Warum sprechen Sie und viele andere Betroffene jetzt öffentlich über die Bedrohungen, die sich gegen Frauen richten?

Neubauer Frauen suchen es sich nicht aus, die Gewalt gegen sie anzusprechen und dagegen zu protestieren. Die Kombination aus Diskriminierungsstrukturen, unregulierten Social-Media-Plattformen, fehlendem politischem Schutz und Relativierung seitens des eigenen Kanzlers sorgen dafür, dass digitale Gewalt in unserem Alltag stattfindet – deswegen müssen wir uns dagegen wehren.

Spielen Sie damit auch auf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) an, der vergangene Woche im Bundestag einen Zusammenhang zwischen Gewalt gegen Frauen und Migration herstellte?

Neubauer Genau. Es wäre der Moment gewesen, wo der Kanzler einfach hätte sagen können: ,Liebe Frauen, ich höre euch, ich sehe euch, ich stelle mich vor euch und hinter euch und neben euch.‘ Und stattdessen unterstreicht er mit seinem einseitigen Dreh Richtung Migration, dass er scheinbar vollkommen überfordert mit der Aufgabe ist, 40 Millionen Mädchen und Frauen in diesem Land angemessen zu schützen.

Sie haben gemeinsam mit anderen prominenten Frauen einen Forderungskatalog gegen sexualisierte digitale Gewalt unterzeichnet. Was ist Ihr Anliegen?

Neubauer Es ist jetzt entscheidend, dass die Politik reagiert. Wir müssen gegen die Betreiber von Social-Media-Plattformen vorgehen, wir brauchen klare Regulierungspflichten. Aber es geht auch um eine ganz grundsätzliche Kultur der Diskriminierung, der Missachtung, der Degradierung. Die manifestiert sich nicht nur im Gesetz, sondern an jedem Küchentisch, in jeder Kneipe, in jedem Sportklub. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir über die Geschlechter hinweg auf Solidarität setzen müssen. Wir sind auf Männer angewiesen, die das verstehen und die sich aufgerufen fühlen, ihren Teil dazu beizutragen.


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