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Fall Fernandes und die Folgen: Wechselt die Scham gerade die Seite?

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25.03.2026

Fall Fernandes und die Folgen Wechselt die Scham gerade die Seite?

Kolumne | Düsseldorf · In Deutschland gibt es eine breite Debatte über digitale sexualisierte Gewalt – und das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen. Welche Rolle Scham dabei spielt.

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Die Schauspielerin Collien Fernandes.

Diesmal äußern sich auch Männer. Vor wenigen Tagen hat die Schauspielerin Collien Fernandes öffentlich gemacht, dass sie ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen digitaler sexueller Gewalt angezeigt hat. Jahrelang soll er durch KI erstellte, gefälschte Nacktbilder und Pornos unter ihrem Namen im Netz verbreitet und mit ihrer künstlich erzeugten Stimme Telefonate geführt haben. So berichtet es der „Spiegel“. Sein Anwalt sprach von der Verbreitung „unwahrer Tatsachen“ und einer „unzulässigen Verdachtsberichterstattung“. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Seither haben sich zwar überwiegend Frauen mit Fernandes solidarisiert, es gab eine Kundgebung, eine Petition, zahlreiche Stellungnahmen. Aber es melden sich auch Männer zu Wort. Unter ihnen der Comedian Till Reiners, der den wirkungsvollen Satz der französischen Kämpferin gegen sexualisierte Gewalt, Gisèle Pelicot, aufgriff, die Scham müsse die Seite wechseln. Die Scham habe längst die Seite gewechselt, meint Reiners. Das sehe man an all den Abwehrmechanismen, mit denen Männer reagierten, wenn schwere Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich werden.

Scham ist ein Gefühl, das Unangenehmes verschwinden lassen soll. Wer sich schämt, wendet den Blick ab, möchte im Boden versinken. Pelicot hat die Forderung kämpferisch gemeint. Wenn Frauen öffentlich machen, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben, werden sie bisher oft beschämt, ihre Schilderungen bezweifelt, ihnen selbst die Schuld zugeschoben – damit sie schweigen. Damit muss Schluss sein, fordert Pelicot.

Doch Scham auf der Täterseite nützt auch wenig, weil sie das wichtigste verhindert: die Augen für das zu öffnen, was wirklich geschieht. 2024 gab es allein laut polizeilicher Statistik 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten. 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Dafür sollten Männer sich nicht schämen, es gibt keine kollektive Schuld. Sie sollten kühl überlegen, mit welchen Denkmustern, Reflexen, unüberlegten Gesten die Herabwürdigung von Frauen beginnt. Und welche davon sie kennen.


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