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Pakistan sucht Sündenböcke im Ausland

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27.02.2026

Von einem »offenen Krieg« mit Afghanistan spricht die pakistanische Regierung inzwischen, nachdem die Luftwaffe die Hauptstadt Kabul und die heimliche Hauptstadt der Taliban, Kandahar, angegriffen hat. Die Regierung in Islamabad macht die De-facto-Regierung der Taliban für Attentate in Pakistan verantwortlich und wählt militärische Gewalt als Mittel der Lösung, anstatt mit den Machthabern in Kabul in einen Dialog zu treten.

Die afghanischen Taliban sollen aus Sicht Pakistans ihre schützende Hand über die pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP)) halten, ihnen Unterschlupf gewähren, sodass diese von Afghanistan aus in Pakistan mit Bombenterror zuschlagen können. Die Taliban weisen dies zurück, auszuschließen ist es freilich auch nicht. Es stimmt, dass sich die Taliban diesseits und jenseits der rund 2600 Kilometer langen Grenze ideologisch zum Teil nahestehen und sich vorwiegend aus Kämpfern mit paschtunischer Herkunft rekrutieren, aber sie haben doch unterschiedliche Ziele: Die TTP sind eher ein loser Zusammenschluss mehr oder weniger eigenständiger radikalislamischer Netzwerke, die den pakistanischen Staat bekämpfen, Attentate gegen die Armee, gegen Schiiten und Sufis oder auch Christen verüben.

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Die afghanischen Taliban dagegen herrschen in einem Staat, stellen de facto dessen Regierung, die auf die Kooperation mit den Nachbarländern angewiesen sind. Konflikte, gar Kriege können sie sich kaum erlauben, schon allein deshalb nicht, weil ihre Kämpfer der pakistanischen Armee weit unterlegen sind. Weder verfügen die Taliban in Afghanistan über eine Luftwaffe noch über Panzer. Einen militärischen Konflikt können sie also nur verlieren.

Doch Spannungen mit Pakistan gibt es einige: Die Regierung in Islamabad hat wie der Iran Hunderttausende afghanische Geflüchtete nach Afghanistan abgeschoben und so die humanitäre Lage im Land noch verschärft. Und Afghanistan hat die von der britischen Kolonialmacht gezogene Grenze zwischen den beiden Ländern nie anerkannt, weil sie das Siedlungsgebiet der Paschtunen in zwei Teile zerschnitt. Gründe genug also, um Islamabad mit Nadelstichen zu ärgern? Dass die pakistanische Regierung mit Luftangriffen reagiert, zeigt vor allem, dass das Land sein ureigenstes innenpolitisches Problem mit radikalislamischen Gruppierungen nie hat lösen können und Sündenböcke im benachbarten Ausland ausmacht. Das ist einfacher, als im eigenen Haus nach Lösungen zu suchen, die viel Geduld erfordern.


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