Finger weg vom Ruhegeld
Kommentar
Alle gehen mal in Rente
Finger weg vom Ruhegeld
Von Christopher Dömges
In Rente gehen wir alle mal. Jedenfalls ist das der Plan. Wer jahrzehntelang arbeitet, Steuern zahlt, Kinder großzieht, Schichtdienste übernimmt, den Laden im Büro zusammenhält oder auf dem Bau, in der Pflege, im Supermarkt, in der Werkstatt seinen Beitrag leistet, der darf erwarten, dass am Ende nicht nur eine Zahl auf dem Rentenbescheid steht – sondern eine echte Lebensphase: der wohlverdiente Ruhestand. Doch genau dieses Versprechen gerät immer stärker unter Druck. Mal heißt es, wir müssten eben länger arbeiten. Mal wird über späteren Renteneintritt diskutiert. Mal über Kürzungen, mal über „Anreize“, die in Wahrheit vor allem eines bedeuten: Der normale Arbeitnehmer soll noch mehr tragen, noch länger durchhalten, noch mehr verzichten. Als wäre es selbstverständlich, dass Menschen bis 70 oder darüber hinaus leistungsfähig, gesund und belastbar bleiben. Das ist nicht realistisch. Und vor allem ist es sozial blind.
Nicht jeder altert am Schreibtisch
Wer fordert, die Menschen müssten eben länger arbeiten, denkt oft in den Kategorien gut bezahlter Bürojobs. Aber Deutschland besteht nicht nur aus Konferenzräumen, Homeoffice und ergonomischen Stühlen. Es besteht auch aus Krankenpflegern mit kaputtem Rücken, Erzieherinnen am Limit, Dachdeckern mit verschlissenen Knien, Verkäufern im Dauereinsatz, Busfahrern unter Stress, Produktionsarbeitern im Schichtsystem.
Für viele ist die Arbeit nicht bloß geistig fordernd, sondern körperlich zermürbend. Andere tragen psychische Lasten, die man nicht auf dem Röntgenbild sieht. Wer mit 62, 64 oder 67 schon kaum noch kann, dem hilft kein politischer Vortrag über „aktive Lebensarbeitszeit“. Der braucht Schutz, Sicherheit und Respekt.
Die Forderung nach Arbeit bis 70 wirkt deshalb auf viele wie Hohn. Sie trifft vor allem jene, die ohnehin schon die härtesten Jahre hinter sich haben – und die oft nicht die finanziellen Reserven besitzen, um Abschläge einfach wegzustecken.
Der Ruhestand ist........© Neue Rheinische Zeitung
