Kirche setzt Sprachpolizei auf «den:die Seelsorger:in» an
Kirche setzt Sprachpolizei auf «den:die Seelsorger:in» an
Die Katholische Kirche Stadt Luzern kommuniziert neuerdings «vielfaltbewusst». Dabei überspannt sie den Bogen bis ins Absurde.
«Der:die Seelsorger:in ist ein:e engagierte:r Mitarbeiter:in»: Was sich wie ein Scherz liest, ist für die katholische Kirchgemeinde Stadt Luzern purer Ernst. Seit Mitte Februar gelten dort neue Sprachregeln, an die sich sämtliche Mitarbeitenden zu halten haben. Sobald von Menschen und Funktionen die Rede ist, muss zwingend ein Doppelpunkt verwendet werden – nicht nur beim Hauptwort, sondern auch bei Pronomen und Adjektiven. Selbst geschlechtsneutrale Formen wie «Seelsorgende» sind tabu, denn diese würden die «Vielfalt nicht sichtbar» machen, wie es im Leitfaden «Vielfaltbewusste Sprache» heisst.
Nur der Doppelpunkt, so klärt uns besagter Leitfaden auf, mache sämtliche Geschlechter von Frau bis Mann sichtbar.
Tabu ist gemäss dem Leitfaden neuerdings auch die Formulierung «Mädchen und Buben». Gemäss Luzern-katholischer Lehre ist ab sofort nur noch «Kinder» oder «Jugendliche» erlaubt. Auch die «Eltern» verschwinden aus dem kirchlichen Sprachgebrauch – es könnte diskriminierend wirken auf Erziehungsberechtigte, die keine biologischen Eltern sind.
Die katholische Kirche Stadt Luzern belässt es nicht nur bei Schreibregeln. Sie will auch, dass ihre Mitarbeitenden so sprechen. Es ist zwar keine Vorschrift, doch wird es allen empfohlen, beim Sprechen den Doppelpunkt mit einer kurzen Pause hörbar zu machen. Wenn die Sonntagspredigt nun plötzlich länger dauert, könnte dies also an den vielen Doppelpunkten liegen.
Doch irgendwann kommt auch die abenteuerlichste Sprachakrobatik an ihre Grenzen. Beim Genitiv («Empfehlung eines:r Mitarbeiters:in») müssen selbst die katholischen Sprachwächter:innen Forfait geben: In diesem Fall solle man einfach von einer «mitarbeitenden Person» sprechen. Auch das am Anfang dieses Artikels erwähnte Beispiel könnte ein Grenzfall sein: Wenn ein Satz derart unleserlich wird, dann dürfe man ausnahmsweise auch von der Sprachregel abweichen. Aber Achtung: «Die Messlatte setzen wir möglichst hoch an», wie es unmissverständlich heisst.
Mit diesen rigiden Vorschriften schiesst die Kirche völlig übers Ziel hinaus. Dass es auch vernünftig geht, zeigt die Luzerner Stadtverwaltung, die neuerdings ebenfalls Genderzeichen benutzt – gleichzeitig aber zur sparsamen Verwendung mahnt. Wenn man's nämlich mit den Sternchen und Doppelpunkten allzu arg übertreibe, riskiere man, Menschen mit Leseschwäche zu überfordern. Dann wird die angebliche Inklusion zum Eigentor.
Quizfrage zum Schluss: Muss man jetzt auch «Priester:in» schreiben? Ausgerechnet dieses Beispiel fehlt im katholischen Leitfaden. Das beweist, dass die Kirche in Sachen Inklusion eigentlich dringendere Baustellen hätte.
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