«Keine Zeit» – die perfekte Tarnung
«Keine Zeit» – die perfekte Tarnung
Ein Schüler der Kantonsschule Sursee sinniert darüber, warum wir unsere Stunden vollstopfen, als wäre der Tag ein Koffer.
Ich sitze im Klassenzimmer, dritte Stunde Deutsch, als mein Mitschüler neben mir seufzt: «Boah, ich habe echt keine Zeit für die Hausaufgaben.» Der Satz hängt noch in der Luft, während die Lehrerin vorne über Stilmittel spricht – Ironie des Moments, könnte man sagen.
Und plötzlich denke ich darüber nach, wie absurd es eigentlich ist: Wir leben in einer Welt voller Zeitmanagement-Tipps, Apps und Kalendern mit Erinnerungen im Minutentakt – und trotzdem sagen wir ständig, wir hätten keine Zeit. Ein Paradox, glänzend verpackt in vier einfachen Wörtern, die wir so routiniert aussprechen wie ein automatisches «Gesundheit» nach einem Niesen.
Doch warum tun wir das? Vielleicht, weil «keine Zeit» heute bedeutet: Ich bin beschäftigt, also bin ich relevant. Wer viel zu tun hat, wirkt wichtig. «Stress» ist zum Statussymbol geworden, zur unsichtbaren Medaille im Wettbewerb darum, wer am härtesten durch den Alltag sprintet.
Natürlich gibt es Tage, die voll sind. Aber mal Hand aufs Herz: Wie oft versteckt sich hinter «keine Zeit» etwas anderes? Bequemlichkeit. Unsicherheit. Unlust. «Keine Zeit» ist die perfekte Tarnung. Niemand hinterfragt sie, sie ist die sozial akzeptierte Ausrede der modernen Gesellschaft. Ein rhetorisches Schutzschild, hinter dem wir uns verschanzen, wenn uns etwas überfordert – oder langweilt.
Gleichzeitig stopfen wir unsere Stunden voll, als wäre der Tag ein Koffer, in den wir mit Gewalt noch ein drittes Paar Schuhe pressen. Und wenn er schliesslich nicht mehr zugeht, wundern wir uns über die Überlastung. Aber wer entscheidet eigentlich, welche Dinge in diesen Koffer gehören? Genau: wir selbst.
Am Ende bleibt eine einfache, aber unbequeme Frage: Haben wir wirklich zu wenig Zeit – oder nur zu wenig Mut, sie bewusst zu gestalten?
Rayen Belfeiez ist 17 Jahre alt und Schülerin an der Kantonsschule Sursee. In der U20-Kolumne äussern sich jeweils alle zwei Wochen Lernende von Kantonsschulen zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.
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