FU Berlin: „Man kann auch scheinbar aussichtslose Kämpfe gewinnen, wenn man sich gut vorbereitet“
FU Berlin: „Man kann auch scheinbar aussichtslose Kämpfe gewinnen, wenn man sich gut vorbereitet“
Interview mit Claudius Naumann, der viele Jahre lang als kämpferischer Gewerkschafter in der ver.di-Betriebsgruppe und im Personalrat an der FU Berlin aktiv war.
Lieber Claudius, heute endet mit Deinem Renteneintritt ein langer Abschnitt an der Freien Universität. Wie lange warst Du an der FU beschäftigt und welche Verbindung hattest Du schon zuvor zur Universität – etwa als Student?
Die Stelle im Institut für Iranistik, auf der ich bis gestern gearbeitet habe, habe ich seit 1995 innegehabt. Aber mit der FU verbunden war ich mit wenigen Unterbrechungen praktisch mein ganzes Erwachsenenleben, seit ich 1981 – also vor 45 Jahren – zum Studium an der FU in das damalige Westberlin kam, um das Hauptfach Osteuropäische Geschichte sowie die Nebenfächer Politik und Ethnologie zu studieren. Letztere ersetzte ich dann 1985 aus Interesse für das sowjetische Mittelasien mit dem zweiten Hauptfach Iranistik. Bei der Iranistik war ich in den 90er Jahren zuerst als studentische Hilfskraft tätig, dann zeitweise prekär über Werkverträge und bekam dann 1995 eine feste Stelle als „Angestellter in der EDV“, wie es damals hieß.
Was war deine Arbeit?
In der zweiten Hälfte der 80er Jahre begannen in Verwaltung und Wissenschaft PCs die Schreibmaschinen abzulösen. Im Vergleich zu heute waren Hard- und Software noch recht primitiv, meist ohne graphische Oberflächen und mit Programmen unter DOS, wem das noch etwas sagt. Andererseits waren die Anforderungen in den „Orchideenfächern“ wie Iranistik, Arabistik, Turkologie usw., wo man sich mit vielen toten und lebendigen Sprachen und Schriften beschäftigt, sehr komplex. Die damaligen Informatikprofis kannten sich mit den orientalistischen Bedürfnissen nicht aus und umgekehrt kannten sich die wissenschaftlich Arbeitenden mit der PC-Technik meist nicht aus. Ich hatte mir als Student schon in den 80ern einen 286er PC angeschafft und mich in diese Probleme „reingehängt“, so dass ich zuerst schnell zum berühmten „Einäugigen unter den Blinden“ wurde und durch die Mitarbeit bei verschiedenen Projekten meine Kenntnisse vertiefen konnte, v.a. bei Langzeitprojekten zur Erstellung kurdischer Wörterbücher und dann bei Redaktion und Satz der Bücher der vom Institut herausgegebenen wissenschaftlichen Reihe, eine Arbeit, die ich bis gestern gemacht habe, als ich die letzte Druckvorlage abgeliefert habe. Da es damals noch keinen relevanten IT-Support für die Bereiche gab, war ich anfangs für alle IT-Fragen zuständig, vom Kauf der Geräte bis zur ersten Inhousevernetzung.
Ich hatte persönlich großes Glück mit einer interessanten Arbeit an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und IT, die mir aber auch exemplarisch zeigte, wie unsinnig die Spaltung, um nicht zu sagen die Hierarchisierung zwischen „WiMis“(Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen) und „SoMis“ („Sonstige Mitarbeiter/innen“ , wie sie im früheren Sprachgebrauch genannt wurden) war und ist. Es gibt nicht „wichtige“ und „unwichtige“ Beschäftigte; alle sind notwendig für das Funktionieren unseres Betriebs.
Du hast die Freie Universität über viele Jahrzehnte erlebt – als Beschäftigter, Gewerkschafter und Interessenvertreter. Wenn Du auf diese Zeit zurückblickst: Was hat sich aus deiner Sicht am stärksten verändert?
Das ist eine schwierige Frage für mich, da ich über die Jahrzehnte verschiedene Rollen innehatte. Zudem befand sich mein Institut bis 2014 in einer der berühmten „Dahlemer Villen“, wo man zwar einen engen Zusammenhalt mit den unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen hatte, aber ziemlich isoliert war vom Rest der Universität. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar seit 1982 Gewerkschaftsmitglied bin (zuerst GEW und dann ötv/ver.di), aber erst 2007 anlässlich der Ehrung zu meiner 25-jährigen Mitgliedschaft in der Betriebsgruppe aktiv geworden bin, nachdem ich die damals Aktiven kennengelernt hatte. Zuvor hatte ich außer Einladungen zu Versammlungen von der Gewerkschaft nichts mitbekommen. Das zeigt, wie wichtig die persönliche Ansprache der Beschäftigten durch die gewerkschaftlichen Vertrauensleute ist.
Aber zurück zur Frage. Die FU ist ein Kind des kalten Krieges und des „alten“ Westberlins mit seinem spezifischen „Filz“, was man teilweise bis heute strukturell und personell sehen kann, wenn man sich z.B. die Verhältnisse in der Veterinärmedizin auf dem „Rittergut“ Düppel oder in der zentralen Verwaltung anschaut. Da hat sich nicht viel verändert. Was sich von meinen Erfahrungen her geändert hat, ist die zunehmende Unterwerfung der FU unter die Bedürfnisse von Staat und Kapital und die zunehmende „Ökonomisierung“. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass die FU wie auch andere Hochschulen schon vor den aktuellen Kürzungen chronisch unterfinanziert war und sich nur durch die immensen Drittmittel über Wasser halten kann. Eine zentrale Aufgabe von Forschenden ist es heutzutage, für Drittmittelprojekte „anschaffen“ zu gehen. Damit entscheiden meist entweder die mit Steuergeldern finanzierte Deutsche Forschungsgemeinschaft oder Stiftungen von großkapitalistischen Unternehmen wie VW, Siemens usw. darüber, was geforscht wird und was nicht. Mit der sogenannren „Freiheit von Forschung und Lehre“ hat das nicht mehr viel zu tun. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ gilt auch hier. Und das „Brot“ wird in Zukunft von der Rüstungsindustrie und den Vertretern des Kriegskurses kommen.
Und auch die FU selbst wurde und wird zunehmend wie ein kapitalistisches Unternehmen geführt, mit Arbeitsverdichtung, „Flexibilisierung“ und Outsourcing. Die aktuellen Pläne für die Berliner Hochschulbaugesellschaft sind hier nur die neueste Blüte.
Dramatisch sind auch die Veränderungen für die Studierenden, die mit der Einführung der BA- und MA-Studiengänge größeren Stress und Leistungsdruck erfahren, aber keine bessere Ausbildung bekommen. Gleichzeitig müssen sie darum kämpfen, ihren Lebenunterhalt zu finanzieren und eine bezahlbare Bleibe zu finden. In den 80er Jahren war das in Westberlin noch relativ gut zu schaffen, aber jetzt für viele kaum noch möglich, wenn sie nicht Unterstützung von gut genug verdienenden Eltern bekommen.
Die FU war immer wieder Schauplatz studentischer Proteste und politischer Auseinandersetzungen. Wie hast Du die Entwicklung der Studierendenbewegung im Laufe der Jahre erlebt?
Als Student in einem „Orchideenfach“ habe ich früher relativ wenig von studentischen Initiativen mitbekommen. Als Kreuzberger hatte ich mehr zu tun mit der „Bewegung“ vor meiner Haustür wie Hausbesetzungen, Reagan-Besuch und – Parallele zu heute – mit Hochrüstung und Antikriegsbewegung. Mit meiner gewerkschaftlichen und politischen Aktivität seit den 2000er Jahren als Beschäftigter hat sich das geändert, weil mir klar wurde, dass wir als Gewerkschaft nur erfolgreich sein können, wenn alle an der Universität Beschäftigten und Studierenden einen gemeinsamen Kampf führen und uns nicht spalten bzw. gegeneinander ausspielen lassen. Es ist äußerst erfreulich, dass sich Hunderte Studierende in ver.di und GEW organisieren; wir sollten schauen, dass es Tausende werden! Während früher Beschäftigte und Studierende meist in „getrennten Welten“ lebten, haben sich die Verbindungen zwischen studentischen Initiativen und den Beschäftigten in den letzten Jahren deutlich verbessert, zum einen über die gemeinsamen Tarifrunden zu TV-L und TVStud, zum anderen über Themen wie Kürzungen, Krieg und Frieden oder Palästina. Angesichts der Fluktuation unter den Studierenden ist diese Verbindung aber kein Selbstläufer und muss immer wieder neu geknüpft werden.
Die offizielle Selbstdarstellung, wie sie vom FU-Präsidium erfolgt, kokettiert gerne mit einem 68er-Studentenbewegungs-Image – z.B. indem der Weg neben der Holzlaube „Rudi-Dutschke-Weg“ benannt wurde – und kombiniert das mit einer vermeintlichen und scheinheiligen oberflächlichen „Progressivität“ in Gender-,........
