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Magazin: Land oder Meer: China, die USA und die Kontrolle der Weltwirtschaft

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11.01.2026

Um den Umbruch in der Weltordnung zu verstehen, blickt die Politikwissenschaft in die Flottentheorie des klassischen imperialistischen Zeitalters. Kann der Marxismus ihre Erkenntnisse aufnehmen?

Wir leben in einer Zeit der Wiederkehr.1 Die neue Hinterhofpolitik der USA gegen Venezuela ist das jüngste Beispiel dafür. Während in der Weltordnung von Jalta (zwischen den USA und der Sowjetunion bis 1991)2 die Grenzen abgesteckt und Konflikte größtenteils in die Peripherie verbannt waren, finden wir seit Beginn des Kriegs um die Ukraine 2022 wieder in einer „klassischeren“ imperialistischen Weltordnung vor, einen Kampf „aller gegen alle“, wie ihn der prophetische Analyst Thomas Hobbes zu seiner Zeit nannte. Die Jalta-Ordnung hatte diesen Kampf im Zentrum mit einem Klassenkompromiss teilweise eingefroren, die bürgerliche Restauration mit der kurzen unipolaren Ordnung von etwa 1991 bis 2008 hatte ihn hinausgezögert. Die jetzige Weltordnung ist vom widerspruchsvollen Niedergang der Hegemonie der USA geprägt, die in ihrer Schwäche die Monroe-Doktrin neu auflegt. Sie ist geprägt vom ebenso widersprüchlichen Aufstieg Chinas. Und sie ist geprägt vom Verlust ordnender, anerkannter Kräfte im Weltsystem, wie es in Jalta die USA und die Sowjetunion waren, in den Jahren ab 1991 nur noch die USA.

Zumal US-Präsident Trump die sogenannte regelbasierte Ordnung nicht nur in Frage stellt, sondern Trümmer hinterlässt, wo er nur kann, befassen sich auch pro-imperialistische Theoretiker:innen kritisch mit seiner Strategie, wobei wir hier die US-Historikerin und Militärforscherin Sarah Paine diskutieren wollen. Die regelbasierte Ordnung, von der der Liberalismus – im weitesten US-amerikanischen Sinne des Wortes – spricht, ist dabei eine Ordnung, in der es anerkannte Regeln für das Akkumulieren von kapitalistischen Profiten zwischen Staaten gibt. Sie umfasst insbesondere die internationalen Institutionen, die in der Jalta-Ordnung geschaffen wurden, wie die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Vereinten Nationen (UN), die Welthandelsorganisation (WTO), humanitäre Übereinkünfte und Organisationen, aber auch die NATO oder die Europäischen Union (EU) – also Institutionen des Multilateralismus, die vom Trump-Regime zum Teil unterminiert werden (wie die NATO), zum Teil offen angegriffen (wie die EU im Zollkrieg oder UN-Institutionen mit Defunding und Sanktionen). Diese Institutionen waren Sedimente eines weltweiten Klassenkompromisses zwischen den USA und der Sowjetunion, den es nicht mehr gibt, und sie zerfallen seit 1990 notwendigerweise.

Gleichzeitig ist die Freiheit des Welthandels, die während der Jalta-Ordnung eine gewisse Prosperität des Kapitalismus versprach und damit Teile der Arbeiter:innenaristokratie zumindest in den Zentren bestechen konnte, besonders in Deutschland, in Frage gestellt: Der relative Pazifismus des Handels, aus dem die BRD lange ihre „Friedensdividende“ zog, ist in einer historischen Krise. Wir erleben die Rückkehr einer Politik der Kanonenboote, sei es der Putschversuch der USA in Venezuela oder seien es die Spannungen im Südchinesischen Meer sowie vor Taiwan durch die Volksrepublik (VR) China. Und das Meer findet auf dem Waren- und Finanzmarkt insgesamt seinen Spiegel mit der Rückkehr massiver Strafzölle und Zweifel an der Souveränität von Zentralbanken.

Die Frage, die sich Intellektuelle des US-Imperialismus stellen, ist: Wie können die USA entweder ihre hegemoniale Rolle in der Weltordnung erhalten oder – wenn das nicht möglich ist – zumindest eine so starke Rolle wie möglich in einer neuen Weltordnung entwickeln, die dauerhaft maximale Profite für das US-Kapital ermöglicht? Damit verbunden ist die Frage: Wie sollen die USA auf den Aufstieg Chinas in der Weltordnung reagieren? Und: Welche internationalen Institutionen und Bündnissysteme sind dafür nützlich, welche Strategien zu Land und Meer müssen durch den Imperialismus eingesetzt und welche gemieden werden?

Wir wollen diese Fragestellungen des US-Imperialismus verfolgen, um eigene Fragestellungen der Arbeiter:innenklasse aus den Widersprüchen des Kapitalismus zu entwickeln. Dazu befassen wir uns in diesem Artikel mit einer theoretischen Trennung der Politik- und Militärwissenschaft, nämlich der zwischen Land- und Seemächten und deren Strategien (maritime und kontinentale Ordnungen), diskutieren damit im Anschluss aktuelle weltpolitische Beispiele des sino-amerikanischen Konflikts und kommen zum Schluss zur Rolle der Arbeiter:innenklasse selbst bezüglich „Land und Meer“. 

Sarah Paine, Grand Strategy Emerita am U.S. Naval War College, schreibt in der Foreign Affairs über die Rivalität zwischen China und den USA sowie die Probleme der Weltordnung anhand von Land- und Seestrategien (bzw. kontinentalen und maritimen Ordnungen) in ihrem Artikel „By Land or By Sea“.3 Sie greift dabei auf die klassische politik- und militärwissenschaftliche Trennung zwischen See- und Landmächten zurück, wie sie historisch unter anderem von Alfred Thayer Mahan und Julian Corbett entwickelt und differenziert wurden.4 Für Paine besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Land- und Seemächten, der geographischen Ursprung hat, aber ebenson eine Frage der Grand Strategy einer Nation ist, im Sicherheitsregime eines Landes: Wird nationale Sicherheit durch Eroberung von Land, große Armeen, „Alles-oder-nichts“-Kriege, Schwächung der Nachbarstaaten und allgemein militärische Nullsummenspiel hergestellt, spricht sie von Landmächten. Geht die Macht einer Nation vornehmlich von ihrer Kontrolle über den Welthandel durch stehende Hochseemarinen und der Ausübung von Zwang durch den Hebel der Wirtschaft aus, spricht Paine von Seemächten. Maritime oder kontinentale Strategie hängen also, wie schon Mahan sagt, nicht nur von der Geographie ab, sondern auch vom Charakter des Volkes und der Regierung eines Staats.5

Die Unterscheidung und Bewertung von Land- und Seemächten sind umstritten: Der Begründer der großen Seemacht-Theorie, Admiral Mahan6, ging fast von einer Identität von Kontrolle über die Meere und volkswirtschaftlicher Prosperität durch Handel aus, befasste sich vor allem mit der Seemacht als Hegemonie über die Weltmeere für das Wohl einer Nation und leitete aus dem Vorbild Großbritannien die Überlegenheit der Meere ab, wohl auch nicht ganz uneigennützig, da er als Marineoffizier auch Werbung für die in den USA noch schwache Kriegsmarine machte. Sein politisches Ziel, das er erreichte, war der 

Aufbau einer Hochseeflotte für die Vereinigten Staaten, die nach seinem Ableben die Hegemonie Großbritanniens ablöste – die Transformation der USA von einer isolationistischen Landmacht zu einer weltweit offensiv agierenden Seemacht bestätigte historisch Mahans Grundgedanken. Kein Wunder also, dass seit den 1990er Jahren Mahan in der VR China stärker rezipiert wird, um eine eigene Hochseeflotte aufzustellen, wo das Land doch mit den USA konkurrieren möchte und im 20. Jahrhundert eine historisch schwache Marine hatte. Die Seedoktrin Mahans spiegelte den Wiederaufbau einer Hochseeflotte gegen die Dominanz der USA im Pazifikraum wieder.7

Mahans Zeitgenosse und Rivale Corbett8 baute auf der Kokonstitution von Handel und Seemacht auf, betonte aber das Zusammenwirken von See- und Landmacht, Diplomatie und Handel für den militärischen und wirtschaftlichen Erfolg von Nationen. Der wohlhabende Zivilist wollte sein Heimatland Großbritannien überzeugen, dass es sich nicht nur auf die Seemacht verlassen kann, sondern es mit einer Landmacht kombiniert Kriege tatsächlich gewinnt, da niemand die Meere als Territorium besitzen kann. Für Corbett besteht die „Command of the Sea“ als Spektrum.9 Mit Corbett lassen sich nationale Strategien abbilden, die nicht einen einzigen Seeschwerpunkt setzen, sondern wie etwa die chinesische sowohl im südchinesischen Meer als auch Richtung indischen Ozean und der Straße von Malakka eine strategische Marinepräsenz entwickeln muss, um um eine lokale Hegemonie zu kämpfen, die den Handel der Volksrepublik vor der globalen US-Hegemonie sowie gegen Indien schützt, ein Militäreingreifen der USA gegen China erschwert und den Einfluss im eigenen Hegemoniestreben mit der „Maritime Silk Road“ (MSR) ausweitet.10

Basierend auf der Unterscheidung von Land- und Seemacht diskutiert Sarah Paine Thesen zur strategischen Ausrichtung Chinas und den USA, die sich zunächst auf die Weltmeere beziehen, aber darüber hinaus wichtige Fragen der Weltordnung insgesamt ausmachen: China ist als Landmacht demnach strategisch beschränkt, da die Seemacht effizienter wirtschaften kann. Chinas unzureichende Souveränität über den eigenen Hinterhof beschränkt seine Möglichkeit, mit den USA um die Hegemonie zu konkurrieren. Die USA können im Rennen mit China gewinnen, wenn sie Doktrinen der Seemacht (Freihandel, „regelbasierte Ordnung“, Militär vor allem als Schutzmacht der freien Wirtschaft) dominieren, aber verlieren, wenn sie Doktrinen der Landmacht stärker annehmen (Kontinentalkriege, Unterminierung der multilateralen Ordnung, Außenpolitik der Eroberung), wie es aktuell unter Trump passiert. Soweit die These, die offensichtlich eine maritime Ordnung bevorzugt.

Paine fasst das militärstrategische Dilemma Chinas in Vergleich mit Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg – einem Land,........

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