Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde
18. Juni 2026 – 3. Tamus 5786
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Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde
Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde
Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber
Der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt nutzt Künstliche Intelligenz. Oder sagen wir es gleich präziser: Wahrscheinlich nutzte sein Redenschreiber Künstliche Intelligenz. Und auch der ehemalige Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff hat es getan. Teile der Gesellschaft und Medien stehen Kopf, einige Zeitungen depublizieren die betreffenden Texte. Auch die Jüdische Allgemeine hat sich zu diesem Schritt entschlossen.
Die Aufregung über das Geschehene sagt weniger über die Technologie aus, als über die Naivität ihrer Kritiker oder deren Befindlichkeit, die in der journalistischen Blase gerne noch größer ist als im Rest des Publikums. Plötzlich wird beklagt, dass Politiker, Personen des öffentlichen Lebens und sogar Journalisten ihre Texte nicht mehr selbst schreiben. Dabei beruhte öffentliche Kommunikation schon immer auf Zusammenarbeit und intellektuellem Austausch.
Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff
Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden
Die Fragen, die diskutiert werden, lautet: Darf man politische Reden, Gastbeiträge oder journalistische Texte mit Hilfe von KI oder gar gänzlich von einer KI schreiben lassen? Und wie sollen Redaktionen mit Texten umgehen, bei denen KI zum Einsatz gekommen ist? Der Subtext darunter ist nicht selten natürlich auchder Neid darüber, ob sich hier nicht jemand mit fremden Federn schmückt oder auf Kosten anderer profiliert.
Die eigentliche Frage sollte aber vielmehr lauten, warum wir plötzlich so tun, als seien öffentliche Texte früher ausschließlich das Werk ihrer namentlich genannten Autoren gewesen? Woher kamen denn immer all die Argumente, Ideen und Formulierungen, die wir über Jahrzehnte gelesen haben? Warum störte sich niemand am gewohnten Procedere? Denn wer tatsächlich glaubt, politische Reden, Gastbeiträge und programmatische Texte seien bislang im Alleingang entstanden, sollte sich einem Realitätscheck unterziehen. Seit Jahrzehnten werden sie von Referenten, Redenschreibern, und Kommunikationsberatern formuliert und vorgelegt. Niemand erfährt im Einzelfall, welche Gedanken vom Politiker selbst stammen, welche von Mitarbeitern entwickelt und welche von Beratern oder Mentoren vorgeschlagen wurden.
Und auch die meisten Journalisten sind keine Alleinkämpfer: Essays, Analysen und Kommentare waren schon immer auch Gemeinschaftsleistungen.........
