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Fatale Geschichtsvergessenheit – Die Linke und der Antisemitismus

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05.10.2026

05. Oktober 2026 – 24. Tischri 5787

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Fatale Geschichtsvergessenheit – Die Linke und der Antisemitismus

Klaus Lederer, ehemaliger Politiker der Partei »Die Linke« und aktuell Co-Sprecher der »Progressiven Linken e.V.«, zum dritten Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023

»Am 7. Oktober hörte das Herz der Linken auf, zu schlagen«, schrieb die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz wenige Wochen nach dem Massaker der Hamas und ihrer Verbündeten am 7. Oktober 2023, dem größten Massenmord an Jüdinnen und Juden seit der Schoa. Dieser Satz ist Ausdruck des Entsetzens, das Eva Illouz empfand, als Teile der politischen Linken, der sie sich selbst zugehörig fühlt, den Terrorakt in New York, in Berlin und vielen europäischen Städten und in Einklang mit islamistischen Agitatoren in aller Welt feierten. Eva Illouz dürfte kaum überrascht haben, dass Antisemitismus auch in sich als links verstehenden Milieus zu finden ist. Der Antisemitismus ist als »negative Leitidee der Moderne« fest in den Tiefenströmungen unserer heutigen, vermeintlich aufgeklärten gesellschaftlichen Diskurse und Vorstellungen verankert. Nur mit großer Naivität ließe sich annehmen, irgendeine politische Strömung sei dagegen grundsätzlich immun.

Dass es aber keine kleinen Teile der sich für fortschrittlich haltenden globalen Linken waren, nicht nur einige Splittergruppen, sondern auch zahlreiche ihrer prominentesten Stimmen, die frei von Empathie für die tausenden Toten und Verletzten auf das bestialische, von den mordenden Tätern multimedial übertragene Schlachten blickten, das veränderte alles. Kaum war die furchtbare Nachricht eingetroffen, begannen sie sofort mit großer Leidenschaft, die Taten zu leugnen, zu relativieren und zu »kontextualisieren«, wenn sie nicht sogar offen für die Mörder Partei ergriffen. Das hat in dieser Vehemenz und Schärfe nicht nur Eva Illouz überrascht, sondern auch mich und viele meiner linken Bekannten.

Die Historie der sozialistischen Bewegung verzeichnet eine lange und starke Traditionslinie des Kampfes gegen Antisemitismus und des Engagements wie intellektuellen Einflusses jüdischer Linker. Aber ebenso ist zu konzedieren, dass diese Bewegungsgeschichte auch manch finstere antisemitische Weltsichten und Traditionen in sich trägt.

Die Historie der sozialistischen Bewegung verzeichnet eine lange und starke Traditionslinie des Kampfes gegen Antisemitismus und des Engagements wie intellektuellen Einflusses jüdischer Linker. Aber ebenso ist zu konzedieren, dass diese Bewegungsgeschichte auch manch finstere antisemitische Weltsichten und Traditionen in sich trägt.

Wie konnte so etwas in der Linken geschehen, die sich doch definitionsgemäß der universellen und emanzipatorischen Sache verpflichtet fühlt? »Die Internationale erkämpft das Menschenrecht« heißt es in der bedeutendsten Hymne linker Bewegungsgeschichte … Ihr Kampf galt doch allen unterdrückten, gepeinigten, erniedrigten Menschen, ausnahmslos allen! Wie kann sein, dass davon nicht mehr die Rede ist, wenn Juden und andere Opfer dieses Massakers mit kraftvoller emotionaler Aufwallung aus dem Geltungsanspruch der Menschenrechte exkludiert werden, wenn Anti-Humanismus so unverhohlen und geradezu obsessiv propagiert, ja, gefeiert wird? Wie war es möglich, dass Linke ihre Ansprüche und Ziele derart verraten?

Die Historie der sozialistischen Bewegung verzeichnet eine lange und starke Traditionslinie des Kampfes gegen Antisemitismus und des Engagements wie intellektuellen Einflusses jüdischer Linker. Aber ebenso ist zu konzedieren, dass diese Bewegungsgeschichte auch manch finstere antisemitische Weltsichten und Traditionen in sich trägt. Sie wurzeln in einem Gesellschaftsverständnis, das oberflächlich bei den Erscheinungen kapitalistischer Dynamik verharrt. Man sucht kollektive Schuldige für soziale Missstände, statt die moderne kapitalistische Gesellschaftsform als Form abstrakter, verdinglichter Herrschaft zu begreifen.

Das 20. Jahrhundert, das »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm), kennt vor allem ein zutiefst instrumentelles Verhältnis des in den Staatsparteien der Ostblock-Diktaturen zum Dogma geronnenen Sozialismus zum Antisemitismus: Diente es dem Machterhalt oder den außenpolitischen Zielen, sah der Parteikommunismus im Rückgriff auf und in der Aktivierung antisemitischer Deutungsmuster in der Bevölkerung eine völlig legitime Strategie. Die vielfältige, auch jüdische, sozialistische Geschichte war ein Steinbruch, in dem man sich selektiv und machtlegitimierend bediente, wie es sich gerade anbot.

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