Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit
09. Oktober 2026 – 28. Tischri 5787
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Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit
Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit
Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?
Drei Jahre nach dem 7. Oktober fällt es mir schwer, noch einmal zu schreiben, dass sich jüdisches Leben verändert habe. Natürlich hat es sich verändert. Viele von uns haben gelernt, Räume anders wahrzunehmen, Gespräche früher abzuschätzen, manche Formulierungen schneller zu erkennen und bei anderen längst nicht mehr überrascht zu sein. Auch die Universitäten haben reagiert. Es gibt Erklärungen, Beauftragte, Beratungsstellen, Fortbildungen und Sicherheitskonzepte. Vieles davon war notwendig.
Und doch bleibt bei mir eine Irritation. Je länger diese neue Wirklichkeit dauert, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung, wir hätten es vor allem mit einem Mangel an Wissen oder Sensibilität zu tun. Drei Jahre nach dem 7. Oktober wissen Universitäten, dass Antisemitismus ein Problem ist. Sie wissen auch, dass jüdische Studierende und Wissenschaftler Situationen erleben, in denen sie sich nicht sicher, nicht gehört oder auf eine politische Position reduziert fühlen. Schwieriger wird es dort, wo aus diesem Wissen Urteil werden soll.
Genau hier geraten Universitäten erstaunlich schnell an ihre eigenen Grenzen.
Wenn jüdische Erfahrung nicht ins Raster passt
Ein Teil des Problems liegt in der Art, wie wir heute über Macht sprechen.
Universitäten haben in den vergangenen Jahrzehnten viel darüber gelernt, gesellschaftliche Ungleichheit sichtbar zu machen. Das war notwendig und hat unsere Wahrnehmung verändert. Wir sprechen differenzierter über Rassismus, Geschlecht, soziale Herkunft, Kolonialismus und strukturelle Ausschlüsse. Schwieriger wird es dort, wo jüdische Erfahrung sich diesen Ordnungen nicht eindeutig fügt.
Antisemitismus folgt dabei einer besonderen Logik. Er imaginiert Jüdinnen und Juden häufig gerade als mächtig: als einflussreich, privilegiert, geschützt, überrepräsentiert oder besonders gut vernetzt. Feindseligkeit kann dadurch als Kritik an Macht erscheinen. Der Angegriffene erscheint selbst auf der Seite jener Herrschaft, gegen die sich die Kritik zu richten meint.
Nach dem 7. Oktober ist diese Grenze schmerzhaft sichtbar geworden. Jüdische Verletzbarkeit steht im universitären Diskurs unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck, sobald Israel ins Spiel kommt. Die konkrete Erfahrung eines jüdischen Menschen kann hinter einer geopolitischen Zuschreibung verschwinden: Aus der Zugehörigkeit zu einer kleinen Minderheit wird symbolisch Nähe zu Staatlichkeit und militärischer Macht, aus biografischer oder familiärer Verbundenheit eine politische Position, aus Angst etwas, das zunächst in das größere Bild des Nahostkonflikts eingeordnet werden soll.
Das ist mehr als ein Missverständnis. Es zeigt, wie Vorstellungen von Macht Wahrnehmung organisieren. Wer bereits der mächtigeren Seite zugerechnet wird, dessen Verwundbarkeit lässt sich leichter relativieren, kontextualisieren oder mit einem »Ja, aber« versehen. Darin liegt eine besondere Schwierigkeit antisemitismuskritischer Wahrnehmung: Das Ressentiment kann eine Sprache annehmen, die nach Kritik an Herrschaft klingt und dadurch seinen eigenen antisemitischen Gehalt verdeckt. Wo dies geschieht, wird jüdische Verwundbarkeit nicht einfach übersehen; sie wird durch eine bereits feststehende politische Lesart überformt.
Genau deshalb reicht es nicht, jüdische Erfahrung einfach in vorhandene Kategorien einzutragen. Antisemitismuskritik zwingt dazu, auch die Kategorien selbst zu prüfen. Eine Theorie kann mit emanzipatorischem Anspruch entwickelt worden sein und trotzdem Erfahrungen unlesbar machen, wenn sie schon vor der Begegnung mit ihnen weiß, wer mächtig und wer verletzlich zu sein hat.
Das Problem sitzt dann nicht nur bei denen, die noch nicht genügend »sensibilisiert« wurden. Es kann mitten in einer reflektierten, politisch engagierten akademischen Kultur entstehen.
Das führt zu einem Punkt, der mich seit dem 7. Oktober besonders beschäftigt. Die Universität versteht sich als Ort der Kritik, und sie hat allen Grund dazu. Wissenschaft soll Gewissheiten überprüfen, Herrschaftsverhältnisse untersuchen und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten irritieren.
Aber was geschieht, wenn Kritik selbst zur Gewissheit wird?
In den Tagen nach dem 7. Oktober war für mich verstörend, wie schnell manche Deutungen feststanden. Noch während die Dimension des Massakers sichtbar wurde, lagen die theoretischen Raster bereits bereit: Besatzung, Widerstand, Dekolonisierung, Unterdrücker und Unterdrückte. Begriffe, die analytisch wichtig sein können, waren mitunter schneller als die Wahrnehmung des konkreten Ereignisses.
Das beschäftigt mich bis heute stärker als manche einzelne empörende Äußerung. Denn hier zeigte sich ein Problem wissenschaftlicher Kultur. Theorie hilft uns zu sehen. Sie kann unserer Wahrnehmung........
