Wie ein grausames Märchen
07. Juni 2026 – 22. Siwan 5786
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Wie ein grausames Märchen
In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert
Es gibt Bücher, die einen im wahrsten Sinne des Wortes auf eine Zeitreise schicken. Der Schlüssel würde noch passen ist trotz seines vielleicht etwas sperrig klingenden Titels genau so eines. Seine Autorin, Irina Scherbakowa, eine mittlerweile im Exil in Berlin und Israel lebende Historikerin und Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation »Memorial«, nimmt die Leser darin mit in das Russland der Umbruchjahre der Perestroika, genau in die Phase der Geschichte, als es für einen Moment so aussah, als ob das Land sich von seiner Jahrzehnte andauernden Diktatur befreien könnte. Wie man weiß, kam alles anders: Heute gibt es in Russland eine neue Form des Autoritarismus, für die Politologen noch keine adäquate Bezeichnung gefunden haben.
Es zeigen sich Mechanismen der Repression und Einschüchterung, die Experten der russischen Vergangenheit nur allzu bekannt sind. »Das Tragikomische daran ist: Die Geschichte der Stalin-Ära, mit der ich mich mein Leben lang beschäftigt hatte, holte mich nun in Form einer widerlichen Farce ein.« Denn wie zu Zeiten der Sowjetunion sind Menschen dazu gezwungen, deshalb das Land zu verlassen.
»Erst kam die Pest, dann der Krieg«
»Aber es war wie in einem grausamen Märchen: Erst kam die Pest, dann der Krieg«, schreibt die 1949 in Moskau geborene Scherbakowa über diesen Moment, in dem der Entschluss gefasst wird, zu gehen. Für sie war es der Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. »Mein Mann, der schon immer gesagt hatte, man dürfe in Russland nichts besitzen, von dem man sich nicht trennen könnte, sollte recht behalten.«
Dennoch sind es die zwangsweise zurückgelassenen Sachen, die zu Ausgangspunkten ihrer Reflexionen und Geschichten werden – auch wenn manches davon auf verschlungenen Pfaden den Weg nach Tel Aviv oder Berlin fand. Es geht um Möbel, Bücher oder Bilder und Briefe, die mit den Erinnerungen an Menschen und ihre Schicksale verknüpft sind. Und genau davon handelt ihr Buch.
Der erinnerungspolitische Rollback setzte ganz langsam ein. Dazu kam die Stalin-Rehabilitierung.
Der erinnerungspolitische Rollback setzte ganz langsam ein. Dazu kam die Stalin-Rehabilitierung.
Eng verwoben stehen diese auch im Zusammenhang mit Memorial. Deren Arbeit wurde sukzessiv von der Propagandamaschinerie........
