Von Möhren und Mehrn
11. September 2026 – 29. Elul 5786
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Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte
Wer eine Möhre pflanzt, sieht nur das Grüne über der Erde. Man kann hoffen, dass sie gedeiht – und gießen. Ob aber unten auch etwas wächst, kann man nur erahnen. So ähnlich geht es manchen Juden im Elul, dem letzten Monat im jüdischen Jahr: Wir versuchen, die guten Eigenschaften zu nähren und die schlechten loszuwerden. Doch wie die Ernte ausfällt, ja wie das neue Jahr wird, wissen wir nicht.
Im Elul wandelt der König durch die Felder, sagen die Kabbalisten. Er sitzt nicht oben in seinem Palast. Gott ist nah und macht es uns einfach, zu ihm zurückzukehren. Was für ein Druck!Der Sommer ist längst über den Zenit. Die Blätter der Bäume vor dem Balkon rascheln, ausgedörrt von den vergangenen Hitzewellen. Die Sonnenblume ist welk. Die Chilis sind überfällig. Sie müssen dringend geerntet werden.
29 Tage, um ein besserer Mensch zu werden
Im Nachbarhaus treffen sich jeden Morgen fromme Männer zum Gebet in einem kargen Raum. Heute schallt es herüber: »Hodu LaSchem ki tow – ki leolam chasdo!« – »Danket dem Ewigen, denn Er ist gut, denn ewig währt Seine Güte!« Ihr Hallel-Gebet leitet diesen so bedeutsamen Monat ein. 29 Tage, um ein besserer Mensch zu werden. Ich starre auf meine Pflanzen – und fühle mich so kraftlos wie sie.
Drei Tage später habe ich die Chilis immer noch nicht geerntet. Zum ersten Mal in meinem Stadtkindleben hatte ich im Frühjahr Samen in die nasskalte Erde gedrückt, hellgrüne, erste Sprossen mit Wasser besprüht, jeden Morgen mit vom Schlaf verquollenen Augen beobachtet, wie sich die Triebe ein paar Millimeter weiter streckten. Ich sah, wie Gott die Natur zum Blühen bringt, und betete, dass er meine Pflänzchen nicht sterben lässt. Vielleicht brauche ich zur Vorbereitung auf das Neujahr eine Pflanze, die mich an die göttliche Nähe erinnert. Wenn der König im Elul über die Felder wandelt, wieso dann nicht auch über meinen Balkon?
Mein Kollege bringt mich auf die glorreiche Idee, eine Möhre zu pflanzen. »Passend zu Rosch Haschana!«, ruft er begeistert. Denn die Möhre steht bei vielen jüdischen Familien am Neujahrsabend als »Siman« auf dem Tisch, als symbolisches Zeichen. In der aschkenasischen Tradition isst man das orange Gemüse und wünscht sich in Anspielung auf die Möhren, die man im Jiddischen »Mehrn« nennt, dass sich die Segen im kommenden Jahr vermehren.
Vor Neujahr wandelt der König in den Feldern. Wieso dann nicht auch über meinen Balkon?
Vor Neujahr wandelt der König in den Feldern. Wieso dann nicht auch über meinen Balkon?
Mir gefällt die Vorstellung, eine selbst gezogene Möhre zu Neujahr zu verspeisen. Doch dafür will ich mehr über diese Tradition wissen. Ich rufe Jake Schneider an. Er ist Teil einer Gruppe, die versucht, in Deutschland das Jiddische wiederzubeleben. Regelmäßig treffen sie sich in Berliner Bars und Cafés, um die Sprache zu sprechen, die Jake als seine eigentlich eigene begreift – die er aber als Kind nie richtig gelernt hat.........
