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Gedenken ohne Juden

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23.07.2026

23. Juli 2026 – 9. Aw 5786

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Die Erinnerungskultur macht den Holocaust zunehmend zu einer allgemeinen Mahnung gegen Intoleranz und verliert dabei die jüdischen Opfer aus dem Blick

Mein verstorbener Mann, Rabbiner Leo Trepp, liebte den Rhein. Wenn er in seiner Geburtsstadt Mainz lehrte, saßen wir an lauen Sommerabenden manchmal am Ufer und schauten auf das Wasser, beobachteten die Menschen, die auf den Passagierschiffen zu sehen waren, und wunderten uns über die schweren Frachtschiffe, die sich beharrlich wie Nilpferde durch den Fluss schoben. »Während der Kreuzzüge war der Rhein rot mit dem Blut der Juden«, sagte er einmal in die Stille hinein.

In den darauffolgenden Jahrhunderten starben Juden in Pogromen in England, Frankreich oder Russland und wo immer die Mehrheitsgesellschaft einen Grund herbeifantasierte, eine winzige Minderheit auszubeuten, zu berauben und zu töten. Und dann kam die Schoa. Neben meinem Mann überlebten in seiner Familie sein Bruder und ein Cousin.

Der industrialisierte Massenmord als Kulmination eines Antisemitismus

Für Leo Trepp war der industrialisierte Massenmord die Kulmination eines Antisemitismus, dem die Juden allein nicht in der Lage waren, etwas entgegenzusetzen. Öffentlich sprach er über seine Erlebnisse auf beinahe analytische Weise. Seine Gefühle – der Schmerz und die Trauer – fanden erst in seinen letzten Wochen einen Weg, als er aus Albträumen erwachte und erzählte.

Wie kann man das als Gesellschaft erinnern? Den Verlust einer Familie? Einer Kultur? Einer Welt? Der Holocaust gehöre zu den Erfahrungen, die einen zum Schweigen verdammten, sagte der israelische Autor Aharon Appelfeld einmal in einem Gespräch mit Philip Roth. »Jede Aussage, jede Feststellung, jede Antwort ist klein, ohne Bedeutung und manchmal lächerlich. Und selbst die beste Antwort scheint belanglos.«

Vielleicht sollten wir heute fragen, worauf wir überhaupt eine Antwort wollen. Was sollen die Erfahrungen der Überlebenden uns lehren? Oder die Holocaust-Museen und zahlreiche andere Institutionen, die diese Erfahrungen vermitteln, indem sie an den Völkermord erinnern, und auf die wir uns, wenn auch die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden, ausschließlich verlassen müssen?

Was soll die Lehre aus der Schoa sein?

Was also soll die Lehre aus der Schoa sein? Für den amerikanischen Vizepräsidenten James David »JD« Vance ist sie beispielsweise das Versprechen, »nie wieder den dunkelsten Weg« zu gehen. Was das bedeutet, konnte man in seinem Tweet am diesjährigen Internationalen Holocaust-Erinnerungstag allerdings nicht erkennen. Die Juden kamen zumindest nicht vor. So ließ sich aus seinem »Nie wieder« alles machen. Oder eben nichts. Zumindest nichts Konkretes, das die Antisemiten in den Reihen seiner eigenen Partei, den Republikanern, verstören könnte.

In der Blase des universellen Nichtsagens fühlen sich Redner, Dozenten, Lehrer und Publizisten zunehmend sicher, wenn sie über die Schoa sprechen. Anfang des Jahres strahlte die BBC einen Beitrag über die Kindertransporte aus. Die überwältigende Mehrheit der rund 10.000 Jungen........

© Juedische Allgemeine