„Nicht auf Antisemiten setzen“
16. September 2026 – 5. Tischri 5787
AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service
AboAngebote PrintAngebote E-PaperAbo-Service
»Nicht auf Antisemiten setzen«
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über Prävention von Judenhass an Schulen, die Angst ihrer Mutter und die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus
Frau Prien, Sie haben diese Woche in Ihrem Ministerium ein Symposium zu Antisemitismusprävention in der Schule veranstaltet. Was ist der Ansatz?Es war ein Symposion mit ungefähr 80 Teilnehmern aus Wissenschaft, schulischer und außerschulischer Bildung und aus der Fachpraxis. Auch einige Antisemitismusbeauftragte der Länder waren dabei.
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?Es ist dabei offenkundig geworden: Antisemitisches Verhalten muss klar als solches identifiziert werden – ob von Schülerinnen und Schülern oder von Lehrkräften. Auch dann, wenn es sich um scheinbar »kleine Situationen« handelt, also um den Gebrauch von Schimpfwörtern, oder wenn »Du Jude« fällt. Also wenn Formen von Ausgrenzung, stereotypen Zuschreibungen oder antisemitischen Witzen stattfinden, auch wenn sie als Provokation oder Jugendsprache daherkommen. Es geht darum, Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher so zu schulen, dass sie Konflikte über diese Fragen tatsächlich führen und pädagogisch sinnvoll bearbeiten können – im Rahmen der Prävention. Wir haben nicht über Interventionen und Verhinderung gesprochen, was sicherlich weitere Bestandteile der Antisemitismusbekämpfung sind. Die zweite wichtige Einsicht war: Man muss dieses Thema strukturell angehen. Also nicht nur punktuell an einzelnen Schulen, nicht mithilfe von einzelnen Lehrkräften, die sich besonders engagieren, die es ja immer gegeben hat, sondern umfassender. Prävention darf nicht erst dann beginnen, wenn es einzelne Vorfälle an Schulen gibt, sondern sie muss nachhaltig und Teil der Schulentwicklung sein. Dafür brauchen wir Strukturen, zum Beispiel transparente Beschwerdewege und klare Verfahren, auch mit Blick auf die Einbeziehung von Eltern. Jüdische Schülerinnen und Schüler müssen erleben: Die Schule sieht mich, nimmt mich wahr und sie schützt mich aktiv. Antisemitismus wird nicht geduldet.
Inwiefern hat Antisemitismus an Schulen nach dem 7. Oktober 2023 zugenommen?Wir haben über die Recherche- und Informationsstellen in den Ländern einen relativ guten Überblick. Grundsätzlich kann man sagen, dass ein erheblicher Anstieg zu beobachten ist, wenn auch in den Bundesländern mit leicht unterschiedlichen Ausprägungen. Wahrscheinlich bilden die Zahlen nicht das tatsächliche Ausmaß ab, weil viele Vorfälle nicht gemeldet werden.
Sie haben sich im ARD-Talk von Caren Miosga sehr emotional über den AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt geäußert und gesagt: »Ich bin froh, dass meine Mutter das nicht mehr erlebt, denn meine Mutter hätte Angst, wenn sie noch leben würde.« Angenommen, die AfD würde tatsächlich in Sachsen-Anhalt in Zukunft den Ministerpräsidenten stellen: Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit der neuen Landesregierung in puncto Antisemitismusprävention vor?Darüber........
