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Bürgergeld und Armut: Keine faszinierende Geschichte

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13.02.2026

Bürgergeld und Armut: Keine faszinierende Geschichte

Stand: 11.02.2026, 16:28 Uhr

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Von dem Obdachlosen trennen dich nur eine Krankheit oder eine falsche Entscheidung. Die Kolumne.

Es passiert nur selten, dass ich Presseanfragen kriege. Das hat auch seinen Grund: Weder bin ich Experte für irgendwas, noch habe ich klar umzirkelte Positionen, die sich bedarfsweise abrufen und beispielsweise in ein Talkshowkonzept integrieren lassen. Ich habe eher so einen blubbernden Meinungsbrei im Kopf, aus dem mal diese, mal jene Position an die Oberfläche schwappt, ohne größeren Zusammenhang. Fürs Kolumnenschreiben reicht’s, für „starke Auftritte“ in der Arena der Öffentlichkeit jedoch nicht. Das spüren Journalist:innen intuitiv – und verschonen mich glücklicherweise mit Anfragen.

Das änderte sich jedoch, als ich auf Social Media im Zusammenhang mit dem Bürgergeld in einem Halbsatz davon erzählte, dass mir selbst vor vielen Jahren mal der Strom abgestellt wurde und ich faktisch kurz vor der Obdachlosigkeit stand. Plötzlich konnte ich mich vor Presseanfragen nicht retten. Das sei ja schon sehr ungewöhnlich, wie es denn dazu gekommen sei? Ob ich nicht diese Geschichte einmal in einem großen Medium erzählen wolle?

Ich fühlte mich durch die Anfragen zunächst geschmeichelt. Versuchte, meine Erinnerungen zu ordnen, alles brav zu notieren – und ertappte mich dann bei der Erkenntnis, wie banal das alles war. Es sind völlig banale Gründe, die in die Armut führen. Es liegt kein Mysterium darin, keine große, spannende Geschichte. Es ist die Art und Weise, wie diese Gesellschaft eingerichtet ist, sie braucht Armut und schafft sie notfalls künstlich. Und ich war sogar in meiner Armut noch privilegiert: Ich hatte Hilfe, ein Netzwerk, Leute, die auf mich achtgegeben haben – viele haben das nicht.

Ich begann, mich über die Anfragen zu ärgern. Ich ärgerte mich über die dahinterstehenden Erwartungen und Vorurteile. Natürlich, Armut gibt es, schlimmschlimm, aber wir, wir mitten im Leben stehende Medienmenschen und Mittelschichtskinder, sind doch nicht davon betroffen – umso schrecklicher, was dem Leo da passiert ist. Das sagt doch was! Wenn es sogar den Leo treffen konnte, dann ist das System vielleicht wirklich ungerecht! Meine Rolle in der Geschichte war klar: der „gefallene Akademiker”, Elend mit Abitur.

Ich verstehe natürlich das ehrliche Interesse, das hinter den Anfragen steckt. Aber warum rührt sich Solidarität immer erst dann, wenn man glaubt, auch das eigene Milieu könnte gefährdet sein? Millionen Menschen in Deutschland haben das Gleiche erlebt und erleben es immer noch. In Frankfurt ist es völlig normal, bei einem Stadtbummel Wohnungslose auf den Straßen zu sehen; man hebt nicht mal mehr eine Augenbraue.

Ein bestimmtes Milieu redet sich ein, dass Armut etwas ist, was nur anderen passiert, Leuten, die irgendwie anders sind. Sie reden sich ein, dass es sie ja nicht treffen kann, dass sie den Sozialstaat niemals brauchen und wenn doch, dass die Demütigungsmaschine sie anders behandeln wird als die anderen. Sie reden sich ein, dass die Millionen Armen es halt schon auch irgendwie verdient haben, ich meine, ich schaffe es doch auch, über die Runden zu kommen!

Doch von dem Mann, der in einem Zelt im U-Bahn-Tunnel schläft, trennen dich nur eine Krankheit oder eine falsche Entscheidung – keine faszinierende Geschichte.


© Frankfurter Rundschau