Die EU-Kommission setzt auf Mini-Reaktoren – doch die gibt es noch gar nicht
Die EU-Kommission setzt auf Mini-Reaktoren – doch die gibt es noch gar nicht
Stand: 11.03.2026, 17:18 Uhr
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Ursula von der Leyen will Milliarden in Mini-Reaktoren investieren. Doch die Technologie existiert bisher nur auf dem Papier.
Ausgerechnet zum 15. Jahrestag der Fukushima-Katastrophe beschwor EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Renaissance der Atomkraft. Es sei ein Fehler gewesen, den Anteil der Kernenergie im europäischen Strommix auf nur noch knapp 15 Prozent sinken zu lassen, erklärte sie auf einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich. Und postulierte: Die EU müsse „ein globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation werden“. Die Atomkraft sei schließlich verlässlich und preiswert. Ist das wahr?
Von der Leyen will die EU-Konten dafür aufbohren. Anders als bisher wäre die Förderung nicht mehr auf Forschung beschränkt. Geld aus EU-Programmen soll auch fließen für die Laufzeitverlängerung von Alt-Reaktoren, für Neubauten – und besonders für eine Technologie, auf die viele Atomfreunde große Hoffnungen setzen: Mini-Reaktoren, SMR genannt, die, da modular angelegt, angeblich schneller und günstiger gebaut werden können als die bisherigen AKW.
Kann von der Leyen eine Atomrenaissance herbeisubventionieren, die weltweit nicht stattfindet? Tatsächlich sinkt die Bedeutung der Kernkraft seit rund zwei Jahrzehnten, von China abgesehen. Außerhalb dieses Landes ist die globale Atomstromproduktion seit dem letzten Rekordjahr 2006 um 14 Prozent zurückgegangen. Die meisten Reaktoren kamen Mitte der 1980er Jahre ans Netz, der höchste Anteil der Atomkraft am weltweiten Strommix wurde 1996 erreicht. Der neue globale Stromrekord von 2024, ganz knapp über dem von 2006, ist ausschließlich auf Pekings Atomkurs zurückzuführen.
Hauptproblem beim Neubau von AKW ist: Sie sind extrem teuer geworden. Praktisch jedes große Projekt in Europa und Nordamerika hat massive Kosten- und Bauzeitüberschreitungen erlebt, ob in Finnland, Frankreich, Großbritannien oder USA. Es ist eine negative Lernkurve: Anders als bei Solar- und Windkraft werden neue Anlagen nicht billiger, sondern immer teurer. Der letzte Kostenstand für den französisch-chinesischen Doppel-Reaktor vom Typ EPR in Großbritannien, der nach mindestens 13 Jahren Bauzeit wohl frühestens 2030 ans Netz geht, lautet umgerechnet 41 statt geplanter 21 Milliarden Euro.
Eine Atom-Renaissance, für die EU-weit zig Reaktoren nötig wären, käme für Energiesicherheit und Klimaschutz sehr spät und wäre kaum bezahlbar, auch nicht mit Zuschüssen aus Brüssel. Die Hoffnung einiger Regierungen und der Kommission richtet sich deshalb auf Mini-Reaktoren. Doch auch hier klafft eine Lücke zwischen Vision und Realität.
SMR sollen in Fabriken serienmäßig produziert werden, was Kosten spare. In der Praxis existiert eine solche industrielle Fertigung bisher nirgends. Selbst die Internationale Atomenergiebehörde rechnet bis 2030 nur mit einigen Demonstrationsprojekten. Erst im Laufe der 2030er Jahre könnte eine Fabrikfertigung stehen – falls sich die Hoffnung auf niedrige Kosten bewahrheitet und die Sicherheits- und Akzeptanzprobleme gelöst sind. Die „Mini-Nukes“ würden nahe an Siedlungen stehen. Von den Fragen der Uranbeschaffung und Atommüll-Endlagerung ganz zu schweigen.
Die Brüsseler Atomvision ist weit von der Realität abgehoben, entstanden unter dem Druck vor allem von Frankreich, dessen Präsident Emmanuel Macron an seinem Atomkurs festhalten will, obwohl der zum finanziellen Debakel zu werden droht. Von der Leyen hätte sich dafür nicht einspannen lassen sollen. Das Erneuerbaren-Energiesystem voranzubringen, ist die realistischere Alternative.
