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Deutschland verliert sich in Bequemlichkeit

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was ist zumutbar? : Deutschland verliert sich in Bequemlichkeit

Was hindert Pendler daran, die 25 Kilometer, die sie abends im Fitnessstudio auf dem Spinning Bike zurücklegen, mit dem Fahrrad zu fahren? Muten wir uns denn gar nichts mehr zu?

Der Spruch „Wer saufen kann, kann auch rennen“, früher gerne vom Kippe rauchenden Fußballtrainer in der Halbzeitpause des B-Jugend-Spiels am Sonntagvormittag an diejenigen Spieler adressiert, bei denen es Samstagnacht mal wieder etwas länger geworden war, hatte mal eine so große Evidenz, dass sie im Grunde nur vergleichbar war mit den berühmten Worten Winston Churchills: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.“

Angesichts der Tatsache, dass sich heute viele Politiker für Wiedergänger Churchills halten, etwa Markus Söder, der schon in Corona-Zeiten eine Churchill-Rede nach der anderen hielt, ist es erstaunlich, dass sie den Bürgern gar nichts mehr zumuten wollen, vor allem dann, wenn es das Auto oder die wohlige Wohnstubenwärme betrifft. Kaum steigen Energie- und insbesondere Benzinpreise um einige Cent und könnten so die von der Politik doch eigentlich intendierte Lenkungswirkung entfalten, wird gepuffert und gepampert, als gäbe es kein Morgen.

Was Marie-Antoinette, Sarrazin und Kretschmann rieten

Wann hat das angefangen? Womöglich mit dem zynischen „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“, das Marie-Antoinette freilich nur in den Mund gelegt wurde. Zu den späten Adepten gehörte Thilo Sarrazin, der den Menschen angesichts hoher Energiekosten empfahl zu überlegen, „ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können“. In eine ähnliche Richtung dachte Winfried Kretschmann, als er in Zeiten der Gas-Engpässe ob des Kriegs in der Ukraine von sich auf andere schloss: „Wir heizen in der Regel nur ein Zimmer.“ Außerdem müsse man nicht dauernd duschen. „Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“

Sarrazin wie Kretschmann wurden als Menschenschinder hingestellt. Dabei hatten sie völlig recht. Was spricht dagegen, dass Leute, die sonst extra zum Eisbaden gehen, sich in der eigenen Wohnung abhärten oder von den vielen Oberteilen, die sie bei Primark zum Schnäppchenpreise gekauft haben, einfach ein paar aus dem Altkleidersack holen und sie übereinanderziehen? Was hindert Pendler daran, die 25 Kilometer, die sie abends im Fitnessstudio auf dem Spinning Bike zurücklegen, einfach mit dem Fahrrad zu fahren? Gegenwind? Stärkt der nicht den Trainingseffekt wie die Taste „Steigung“ auf dem Laufband? Was ist mit Regen? Es hieß mal, es gebe kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

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Heute heißt es, Deutschland müsse kriegstüchtig werden. Doch mit Leuten, denen man noch nicht mal zumutet, mit dem E-Bike zur Teilzeitarbeit zu zuckeln, ist kein Krieg zu gewinnen, schon gar nicht gegen potentielle Feinde, die vielleicht Samstagabend gerne mal einen zwitschern, dann aber auch am Sonntag bei fünf Grad minus mit Badelatschen und kurzer Hose beim Grillen im Freien das Zauberwort Resilienz ausbuchstabieren.

Timo FraschPolitischer Korrespondent in München.

Politischer Korrespondent in München.


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