menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Im Säurebad des Fanatismus

33 0
25.02.2026

Kindheit im Kalifat : Im Säurebad des Fanatismus

„Der letzte Sommer der Tauben“: In seinem neuen Roman beschreibt Abbas Khider das Ende einer Kindheit im Kalifat der Mudschahedin. Er zeigt die paternalistische Seite des Terrors sowie das nackte Grauen.

Tauben glauben nicht an Gott. Von ihren Ausflügen in den Lüften wissen sie, dass der Himmel leer ist. Wenn Tauben reden könnten, würden sie sich mit diesem Wissen um Kopf und Kragen reden. Aber Tauben reden nicht. Sie flüstern mit den Flügeln, wie Noah sagt, ein vierzehnjähriger Taubenzüchter, dessen Welt Schritt um Schritt zerstört wird, als die Gotteskrieger des „Islamischen Staats“ mit ihren Gewehren und ihren Geboten in seine Stadt kommen. Sie sind die Vertreter des Kalifats, des von Menschen errichteten Gottesstaats, der für einige Jahre in Teilen des Iraks und Syriens bestanden hat.

Wie umfassend und grausam ihre Herrschaft sein wird, zeigt sich erst nach und nach. Doch schon im ersten Absatz seines neuen Romans findet Abbas Khider ein Bild für das, was passiert, wenn ein Land unter den Druck einer Zwangsherrschaft gerät. Drei Hubschrauber der Mudschahedin überfliegen die Stadt, und Noahs Schwarm, der gerade ausgeflogen ist, gerät in Panik: „Drei meiner Tauben schließen sich fremden Gruppen an, zwei driften nach Westen, und ein weiteres Trio entschwindet hinter den Dächern.“ Die Tauben haben die Botschaft der Rotorblätter auf Anhieb verstanden. Ihre Gemeinschaft zerfällt.

Überlebt, aber im Umerziehungslager

Nicht anders geht es Noahs Familie, ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn. Sein Schwager Walid, der unter der vorherigen Regierung Polizist war, hat den Regimewechsel zwar überlebt, wird aber in einem Umerziehungslager der Mudschahedin festgehalten. Onkel Ali, der zusammen mit anderen Taubenzüchtern Nachrichten aus dem abgeschotteten Land schmuggelt, muss eines Nachts Hals über Kopf fliehen und kann den Häschern nur mit knapper Not entkommen. Josef, der Schwager von Noahs Mutter, hat sich bereits mit den neuen Machthabern arrangiert. Nach wie vor ist er der Vorsteher des Viertels, trägt jetzt aber einen langen Bart. Würden........

© Frankfurter Allgemeine