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Warum Hamlet schwerer fällt als der Gang zur Wahlurne

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18.03.2026

Frei entscheiden : Warum Hamlet schwerer fällt als der Gang zur Wahlurne

Qual der Wahl in der Wahlkabine? Dabei ist das Entscheiden dort so einfach. Nie ist die Wahl so klar wie als Bürger. In der Kunst ist das ganz anders.

Wehe, Sie waren am Wochenende nicht wählen. In einer Zeit, in der man in der Lebensmittelabteilung zwischen Dutzenden Varianten eines Produkts wählen kann und das ohne größeres Nachdenken meist auch erfolgreich bewältigt, sollte man fähig sein, sein Kreuzchen bei einer der zahlreichen Parteien und Gruppierungen zu machen, die bei der hessischen Kommunalwahl die Gunst der Wähler erringen wollten. Der große Frankfurter Wahlzettel war ein Supermarkt der Möglichkeiten. Und selten sind Entscheidungen so leicht zu fällen wie im Falle der Wahlhandlung.

Viel schwerer hat man es mit ihnen in den Künsten. Denn dort trainiert man sie nicht. Andere haben sie zu treffen. In Romanen sind es die Figuren. Ob Jane Eyre sich dafür entscheidet, Mr. Rochester zu verlassen, den sie gerade fast geheiratet hätte, oder Raskolnikow zum Beil greift, um zu töten – wir schauen nur zu, empfinden mit, raten ab, schaudern, müssen jedenfalls nur Anteil nehmen. Mittendrin im prallen Leben mit seinen Entscheidungen und deren Konsequenzen stecken ausschließlich die Gouvernante, der ihr zukünftiger Mann eine wahnsinnige erste Ehefrau auf dem Dachboden verschwiegen hat, und der verarmte Student, der aus Größenwahn und Geldgier tötet.

In der Oper oder vor der Kinoleinwand hat man sich erst recht nur zurückzulehnen und von Musik und Bildern umflort dabei zuzuschauen, wie Superhelden die Welt retten oder Aidas Flucht mit Radamès aus Ägypten katastrophal schiefgeht.

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Zwar enthält jedes gute Kunstwerk Ambivalenzen, die das Mitdenken erfordern. Zwischen den Zeilen lesen, das müssen nicht nur die Leser eines Buches. Auch die Bestandteile einer Oper oder eines Gemäldes sind miteinander in Beziehung zu setzen. Und da wird es kompliziert. Ist man allen Figuren von „Krieg und Frieden“ mit Anteilnahme gefolgt, steht man am Ende da und versteht Positionen, die sich gegenseitig ausschließen.

Man fühlt sich wie Hamlet, der alles, was ihn umgibt, extrem gut durchschaut, aber sich in manchem nur schwer entscheiden kann und andere Entscheidungen trifft, die eine hohe Bühnentod-Quote zur Folge haben. Nie ist die Wahl so klar und einfach wie als Bürger.

Florian BalkeKulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.


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