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Olympias Ohnmacht vor der Weltpolitik

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22.02.2026

Die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina sind Geschichte. Und während sich die Sportszene auf den Heimweg macht, 116 neue Olympioniken kennt, schwere Unfälle von Lindsey Vonn und von dem Bobfahrer Jakob Mandlbauer gesehen hat und auch über zwei coram publico in Zielräumen gestellte Heiratsanträge freut, bleiben hinter den Kulissen wie immer Fragen unbeantwortet. Waren diese Spiele ein Erfolg, haben sie ein „Erbe“ geschaffen für Gastgeberland und Natur? Wie geht es mit Winter-Olympia weiter, im Würgegriff von Kommerz und Politik, im zwanghaften Suchen nach traditionellen, vor allem schneereichen, Pardon: finanzstarken Austragungsorten?

Ehe sich die Welt der Pisten, Loipen, Schanzen und Eiskanäle 2030 in Frankreich wiedersieht und abermals in einem weit verteilten Spielfeld wiederfindet, das die gleichen Probleme birgt mit Transport und lokal inexistenter Olympiastimmung, sollte sich das Internationale Olympische Komitee auch einer Selbstkontrolle unterziehen. Denn die Charta, die bei jeder noch so minimalen Verfehlung anderer eisern greift, scheint in den eigenen Reihen von keinerlei Relevanz. Und, es ist längst an der Zeit, mit dieser ambivalenten Heuchelei im Umgang mit der Weltpolitik abzuschließen.

Irritierende politische Stilnote

Der Fall des ukrainischen Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch zeigte deutlich, was es mit Meinungsfreiheit und Nächstenliebe im Strafraum Olympia auf sich hat. Freilich, politische Botschaften sollte man auslassen. Nur, muss man in solch Spannungsfeldern nicht auch als vermeintlich neutrale Institution aus seinem Schneckenhaus treten und einmal klar Stellung beziehen? Stattdessen bot man ihm Trainingsläufe und einen Trauerflor für sein Rennen an – weil er ablehnte, wurde er im gleichen Atemzug, der russischen Athletinnen und Athleten trotz laufenden Angriffskrieges die vorzeitige Rückkehr auf die Weltbühne des Sports unter eigener Flagge ermöglich soll, disqualifiziert.

Dieses Signal ist fatal, irritiert und ist doch keinesfalls auffällig, weil sich das IOC auch unter Präsidentin Kirsty Coventry in diesen Punkten nicht verändert. Die Olympiamacher sind von der Weltpolitik überfordert, also blockt man alles stur weg. Diesen Eindruck kann man gewinnen als rational denkender Beobachter. Warum sonst wurden Grönland-Flaggen schwingende Eishockeyfans in Mailand durch Sicherheitspersonal davon abgehalten? Wieso gibt es bei den Spielen kein Taiwan, dafür Chinese Taipeh? Wenn man Irans Sportvertreter ohne menschenrechtsrelevante Forderungen ins Geschäftsgebaren, also den Ablauf der Spiele und dem Schaffen für alle Teilnehmer geforderter „Safe Spaces“, einbaut, werden da Vergehen nicht geduldet und normalisiert?

Im Fall des Wegschauens respektive „Übersehens“ wurde auch der T-Shirt-Verkauf im eigenen Olympia-Shop während dieser Spiele auffällig. Man verkaufte, für 39 Euro, das Shirt der Winterspiele von 1936 in Garmisch-Partenkirchen. Mit dem offiziellen Poster als Aufdruck, entworfen von Ludwig Hohlwein, einem Mitglied von Joseph Goebbels Propaganda-Apparat im Nazi-Regime. Ob der Athlet auf dem IOC-Shirt die Hand emporreckt zum olympischen Gruß oder Hitlergruß, ist nicht ersichtlich. Es ist ausverkauft. Ob es nach dem Wirbel erneut aufgelegt wird, bleibt abzuwarten.

Offen ist auch die weitere Karriere von Fifa-Präsident Gianni Infantino. Er ist Mitglied des IOC, wäre an manch Vorgabe wie die Neutralitätsregel gebunden. In der angekündigten Partnerschaft des Fußball-Weltverbandes mit Donald Trumps Friedensrat sieht man jedenfalls keinen Verstoß dagegen. Er unterstütze ein umfassendes Investitionsprogramm zur Wiederbelebung des Sports in Gaza. Der Schweizer hatte auf dem Podium Platz genommen, neben Argentiniens Präsident Javier Milei und Ungarns Regierungschef Viktor Orban, er trug eine rote USA-Kappe.

2028: Wiedersehen in LA

Sport und Politik, es gibt keine Grenzen. Die Interpretation, was verboten ist, mutet so diffus an wie die Interpretation von Abseits und Handspiel im Strafraum. Solidarität ist ein geflügeltes Wort mit extremer Spannweite, unter Verbänden, Parteien – und Geschäftspartnern. 2028 ist das IOC in den USA zu Gast, stehen Sommerspiele in Los Angeles an.

E-Mails: markku.datler@diepesse.obfuscationcom

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