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Ein Jahr hielt der Frieden: Die Linke zerlegt sich wieder

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Gysi im Kreuzfeuer junger Aktivisten: Machtkampf in der Linken eskaliert

Ein Jahr hielt der Frieden: Die Linke zerlegt sich wieder

Die Linkspartei hat nach dem „Antizionismus“-Beschluss auf dem Landesparteitag Niedersachsen ein großes Problem. Hinter der Nahost-Debatte steht ein innerparteilicher Machtkampf.

Es wäre leicht übertrieben, zu schreiben, dass die Linke nach ihrem überraschenden Wiedereinzug in den Bundestag vor einem Jahr als Zombie auferstanden ist. Näher an der Realität ist, dass jetzt durch den Mitgliederboom und den Erfolg bei den ganz Jungen ein neuer Generationenkonflikt durchbricht - zwischen „Silberlocken“-Veteranen auf der einen Seite und „Free Gaza“-Lifestyle-Aktivist*innen auf der anderen.

Die ganz Jungen missachten eine zentrale Lehre der immer schon streitfreudigen Linken: Wenn man sich schon an die Gurgel gehen muss, dann bitte hinter verschlossenen Türen. Und nicht per offenem Brief, in dem sich die „Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke“ über „Silberlocken“-Senior Gregor Gysi beschwerte.

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Dieser reproduziere „rassistische Narrative“, indem er einen wachsenden Antisemitismus in der Partei mit einer wachsenden Zahl migrantischer Mitglieder in Beziehung setze.

Ausgerechnet Gysi zu attackieren, einen der wenigen Linken mit jüdischen Vorfahren, macht das Vorgehen besonders fragwürdig.

Bodo Ramelow spricht von „innerparteilichem Landgewinn“

Einer hat klar ausgesprochen, worum es geht: Bodo Ramelow. Auch er scheint in seiner Partei inzwischen in der Minderheit. Der einzige Ex-Ministerpräsident der Linkspartei, der Häuptling der „Silberlocken“, sieht die Linke auf dem Weg zur Sektenwerdung. Er warnte im „Spiegel“: „Wer den Kampf gegen den Zionismus zum Zentrum von Parteitagen der Linken in Deutschland macht, wer mehr Kraft aufwendet, die innerparteiliche Debatte in der deutschen Linken gegen die Existenz Israels zu richten, der missbraucht das Leid der Palästinenser zum innerparteilichen Landgewinn“.

Ramelow, 70, kann den Zustand seiner Partei in jeder Sitzungswoche vom Pult des Bundestags-Vizepräsidenten verfolgen. Er sieht Wassermelonen-Anstecker, Palästinensertücher als modisches Accessoire (die er verteidigte), Provokation mit Palästina-Fahnen.

Fraktionschefin Heidi Reichinnek blockt alle Anfragen dazu ab, warum sie nicht eingeschritten ist, als ihr Landesverband Niedersachsen am Wochenende beschloss, den „real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Die Parteichefs Jan van Aken und Ines Schwerdtner verweisen ein ums andere Mal auf einen Kompromiss, den sie vor zwei Jahren mühevoll zustande brachten. Damit stellen sie sich selbst in die Schusslinie: Jeder, der mit der Parteispitze unzufrieden ist, muss nur den Kufiya-Extremen mehr Raum geben.

„Rassistische Narrative“: Gysi erntet scharfe Kritik von migrantischen Linken

Kostenpflichtig„Um politische Gräben zu überwinden, müssen wir mehr über Leid sprechen“

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Dabei wäre es alles so einfach: Die israelische Regierung Netanjahu ist längst Teil einer Achse der extremen Rechten von Trump über Weidel bis Orbán. Das anzugreifen, und nicht das Existenzrecht Israels, wäre echte linke Politik.

Stattdessen wird die Linkspartei - auch wegen der zur Unzeit eskalierten Debatte - am Sonntag vermutlich den Sprung in den Mainzer Landtag verpassen. Nach Baden-Württemberg der zweite Dämpfer. Die Krise wäre dann voll da.


© Die Harke