Positive Kipppunkte: Wenn Nachhaltigkeit zum Selbstläufer wird
Im Gastblogbeitrag schreibt Martin Auer im dritten Teil darüber, wie positive Kipppunkte in Technologie, Politik und Gesellschaft den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise selbsttragend machen können, und warum dieser Wandel trotz Rückschlägen aktiv unterstützt und sozial gerecht gestaltet werden muss. Hier ist der erste Teil zu finden und hier der zweite Teil.
Der jüngste Global Tipping Points Report betont nicht nur die wachsenden Risiken gefährlicher Kipppunkte im Erdsystem, sondern auch die Notwendigkeit, gezielt positive Kipppunkte auszulösen. Damit sind gesellschaftliche und technologische Wendepunkte gemeint, an denen sich nachhaltige Entwicklungen so stark beschleunigen, dass sie sich selbst weitertragen.
Positive Kipppunkte folgen derselben Grundlogik wie negative: Sobald verstärkende Rückkopplungen stark genug werden, entsteht ein Wandel hin zu einem neuen Systemzustand. In diesem Fall bedeutet das: weg von fossilen Strukturen, hin zu einer dekarbonisierten und nachhaltigeren Wirtschaftsweise. Der Bericht versteht diese positiven Kipppunkte als zentrale Strategie, um den Klimaschutz schneller voranzubringen und gleichzeitig die Risiken irreversibler Veränderungen im Erdsystem zu begrenzen.
Damit Menschen Innovationen aufnehmen, müssen sie als erstes natürlich von der Existenz der Innovation erfahren. Doch bevor sie sie annehmen, müssen sie auch zumindest in Ansätzen verstehen, wie die Innovation funktioniert und wie sie angewendet werden kann. Die erste Gruppe, die sich an Innovationen heranwagt, eben die "Innovator:innen", eignen sich auch tiefer gehendes Wissen an. Sie sind besonders risikofreudig, nehmen in Kauf, dass es eventuell schiefgehen kann, aber haben auch die Mittel und Fähigkeiten, einen Misserfolg auszuhalten. Frühzeitige Anwender:innen, sogenannte "Early Adopters" sind oft besser ausgebildet, haben einen höheren sozialen Status, setzen sich mit Massenmedien auseinander, haben mehr Kontakte, mit denen sie kommunizieren und sind im Großen und Ganzen weltoffener. Die frühe Mehrheit wartet erst ab, bis andere positive Erfahrungen gemacht haben. Doch wenn die frühzeitigen Anwender:innen überzeugt sind, steigt die Zahl der Anwender:innen steil an, wie es die Grafik zeigt. Die Kurve wird erst wieder flacher, wenn eine gewisse Sättigung erreicht ist. Die späte Mehrheit ist besonders skeptisch und aus verschiedenen Gründen wenig risikofreudig. Nachzügler hängen oft an Traditionen, haben wenig Kontakte und sind oft älter.
Einige positive Kipppunkte sind schon überschritten
Die Analyse des Tipping Points Report zeigt, dass in einigen Bereichen solche Kipppunkte bereits überschritten wurden. Besonders deutlich ist dies in der Energieversorgung: Solarstrom, ergänzt durch Batteriespeicher, ist in vielen Ländern inzwischen die günstigste Form der Stromerzeugung. Auch Windenergie hat in zahlreichen Märkten einen entscheidenden Durchbruch erreicht. Ein weiteres Beispiel ist die Elektromobilität. In Norwegen etwa hat sich der Markt innerhalb weniger Jahre fast vollständig zu Elektrofahrzeugen verschoben, nachdem diese wirtschaftlich attraktiver wurden als Benzin- und Dieselautos. Der Anteil an den Neuzulassungen betrug im letzten Jahr 95,9 Prozent. In China und Teilen Europas schreitet dieser Wandel ebenfalls schnell voran, während andere große Märkte noch hinterherhinken.
Andere Technologien, etwa elektrische Lkw, Wärmepumpen oder großskalige Batteriespeicherung, nähern sich zwar Kipppunkten, benötigen aber noch zusätzliche Investitionen und politische Unterstützung. Wiederum andere Bereiche befinden sich noch in frühen Entwicklungsphasen oder stoßen auf strukturelle Hindernisse, die den Wandel verlangsamen.
Auch Selbstläufer brauchen Unterstützung
Als eine "handlungsorientierte Theorie des Wandels" bezeichnet Tom Powell vom Global Systems Institute der Universität Exeter die Theorie positiver Kipppunkte. Um positive Kipppunkte zu beschleunigen, müssen wir zunächst die bremsenden Rückkopplungen überwinden, die das aktuelle System festhält. Gleichzeitig müssen wir die sich selbst verstärkenden Rückkopplungen stärken, die den Wandel vorantreiben. Das Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, in denen nachhaltige Technologien oder Verhaltensweisen zur attraktivsten, günstigsten und zugänglichsten Option werden. Dann wird der Wandel nicht mehr als radikale Veränderung empfunden – sondern als das Offensichtliche. Und sobald dieser Punkt erreicht ist, wird die Veränderung selbsttragend und kaum noch umkehrbar.
Dabei zeigt sich, dass Politik je nach Phase der Transformation unterschiedliche Aufgaben hat. In frühen Phasen geht es darum, Innovationen zu fördern und neue Technologien in Nischen zu etablieren. Später müssen sie so unterstützt werden, dass sie zum Mainstream werden. Besonders wirksam sind dabei klare Vorgaben und verbindliche Zieltermine, weil sie Investoren, Unternehmen und Verbraucherinnen Planungssicherheit geben und Wandel beschleunigen können.
Ein Backlash ist immer möglich
Die Frage ist natürlich, was "die Politik" jeweils veranlassen kann, die guten Ratschläge des Tipping Points Reports zu befolgen − oder genau das Gegenteil zu tun. Wir sehen gerade, wie die Trump-Regierung brutal Errungenschaften, die als gefestigt gegolten haben, eine nach der anderen zerstört, zuletzt den Befund der Umweltschutzbehörde EPA von 2009, der Treibhausgase als gefährlich für die Gesundheit eingestuft hat, womit die gesetzliche Grundlage für die Regulierung von Treibhausgasen beseitigt wurde. Trump lässt Genehmigungsverfahren für Wind- und Solaranlagen stoppen, streicht Steuervergünstigungen und fördert mit allen Mitteln die Nutzung von Kohle, Öl und Gas. Sein Vorgehen gegen Venezuela zeigt, dass er die Interessen der fossilen Industrie auch mit militärischer Gewalt durchsetzt. 2025 wurden weltweit immer noch 1,1 Billionen US-Dollar in fossile Projekte investiert. Solche Investitionen entwickeln ein gewaltiges Beharrungsvermögen, weil die Anlagen für 20 bis 40 Jahre gebaut werden. Dementsprechend groß ist der Widerstand gegen alles, was den Wert dieser Investitionen gefährdet.
Der Bericht betont auch, dass es nicht genügt, wenn Regierungen Maßnahmen zur Dekarbonisierung setzen. Ganz entscheidend ist soziale Gerechtigkeit für erfolgreiche Transformationen. Übergänge schaffen auch Verlierer, etwa Menschen, deren Einkommen an fossilen Industrien oder naturbelastender Landwirtschaft hängt. Werden diese Gruppen nicht einbezogen und unterstützt, können Widerstände entstehen, die den Wandel ausbremsen. Sozial unausgewogene Maßnahmen oder Vorschläge liefern den großen Profiteuren des fossilen Status quo Ansätze, Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Gelingt es hingegen, faire Bedingungen zu schaffen, kann dies wichtige Barrieren für die Transformation abbauen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts liegt auf Ernährungssystemen und Entwaldung. Besonders am Beispiel des Amazonas wird deutlich, dass schon kleine Koalitionen von Akteuren große Wirkung entfalten können. Wenn zentrale Märkte gemeinsam entwaldungsfreie Lieferketten verlangen, könnten nachhaltigere Produktionsformen schnell zur neuen Norm werden. Solche Veränderungen lösen das Gesamtproblem nicht allein, können aber wichtige positive Dynamiken in Gang setzen. Und auch hier sehen wir wieder einen Backlash: Zwanzig Jahre lang verhinderte das Amazonas-Soja-Moratorium den Handel mit Soja von Regenwaldflächen, die nach 2008 gerodet wurden. Mit Erfolg: die Waldzerstörung ging in den überwachten Regionen um fast 70 Prozent zurück. Doch nun folgt der historische Rückschlag: Der brasilianische Verband der Pflanzenölindustrie (Abiove) steigt zum 16. Februar offiziell aus der Vereinbarung aus. Der Verband vertritt globale Agrarhandelsriesen wie ADM, Bunge und Cargill.
Soziale Prozesse unterliegen nicht den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie geophysikalische. Selbstverstärkende soziale Bewegungen können ein Kippen in ein für die Menschen günstigeres System bewirken. Trotzdem müssen soziale Errungenschaften immer wieder verteidigt werden.
Positive Rückkopplung in der Natur
Schließlich verweist der Bericht auch auf das Potenzial natürlicher Regeneration. Ökosysteme können sich unter bestimmten Bedingungen selbst erholen, und gezielte Eingriffe wie die Wiederansiedlung von Schlüsselarten oder die Stärkung indigener Schutzstrukturen können positive Kaskaden auslösen, die Natur und Gesellschaft zugleich stabilisieren. Die Wiedereinführung von Wölfen im Yellowstone-Nationalpark in den Jahren 1995/96 zum Beispiel reduzierte die Elch- und Hirschpopulationen und führte zu einer abrupten Erholung der Vegetation sowie zu einer Zunahme der Populationen von Aasfressern, Singvögeln, Bisons und Bibern. Für die Küstenfischerei können Meeresschutzgebiete die Erholung der Fischbestände positiv beeinflussen, indem sie sichere Laichgebiete bieten, aus denen dann Fische in die umliegenden Gewässer abwandern können. Für den Erfolg ist eine enge Einbindung der Fischereigemeinden erforderlich. Eine positive Wirkung für die Landwirtschaft haben Schutzgebiete, aus denen Nützlinge wie zum Beispiel Bestäuber sich in der Umgebung verbreiten können.
Noch mehr soziale Kipppunkte
Im Oktober 2017 beschuldigten mehrere Frauen den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, Nötigung oder der Vergewaltigung. Die Schauspielerin Alyssa Milano rief in einem Tweet Frauen dazu auf, mit dem Hashtag #MeToo zu antworten, wenn sie sexuelle Belästigung erfahren hatten. Viele Frauen, die so erfuhren, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie sie und sich nicht mehr scheuten, damit an die Öffentlichkeit zu treten, überwanden ihre eigenen Hemmungen und machten ihre Erfahrungen ebenfalls unter dem #MeToo Hashtag öffentlich. Die Kampagne wurde "viral" – selbstverstärkend. Je mehr Frauen sich anschlossen, umso leichter wurde es für andere, sich ebenfalls anzuschließen. Trotz Kritik auch von feministischer Seite hat #MeToo den Diskurs über sexuellen Machtmissbrauch radikal verändert.
Die Zigarette lässig im Mundwinkel oder elegant zwischen Zeige- und Mittelfinger war einst der Inbegriff der Coolness. Ärzte haben lange darum gekämpft, die Menschen über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens aufzuklären. Heute ist es selbstverständlich, dass man in geschlossenen Räumen nicht raucht. Sobald eine kritische Masse von Menschen die medizinische Beweislast akzeptiert und die Annehmlichkeiten von rauchfreien Räumen erfahren hatte, sobald die Gastwirt:innen gemerkt hatten, dass rauchgeschwängerte Luft nicht der Hauptanziehungspunkt eines Lokals war, kippte die Einstellung zum Rauchen. Die Hindernisse waren beträchtlich: Zum einen natürlich der Suchtcharakter des Rauchens und die Neigung von Raucher:innen zur Selbstbeschwichtigung. Zum Anderen aber die von der Tabakindustrie massiv geförderten und finanzierten Desinformations- und Lobbyingkampagnen (Buchempfehlung: "Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens" von Naomi Oreskes). Für die Politik mögen die volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens ein gewichtiges Motiv gewesen sein, andererseits war sie dem Lobbydruck nicht nur der Tabakindustrie, sondern auch der Gastronomie und der Werbeindustrie ausgesetzt und hatte auch den Verlust von Einnahmen aus den Tabaksteuern zu befürchten. Jede gesetzliche Maßnahme wurde vor und nach der Einführung heftig diskutiert, doch heute wünschen sich nur die wenigsten verrauchte Kneipen und überquellende Aschenbecher im Büro zurück.
Ein schlummernder Riese
2024 befragte ein Team von der Universität Bonn 130.000 Menschen in 125 Ländern, ob sie bereit wären, ein Prozent ihres Einkommens für Klimaschutz zu spenden. Mehr als zwei Drittel waren dazu bereit. Die Befragten wurden auch gebeten zu schätzen, wie viele Menschen ihrer Meinung nach, so wie sie, zu dieser Spende bereit wären. Im Durchschnitt schätzten sie, dass es 43 Prozent wären. Delegierte zur Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) schätzten die Bereitschaft sogar noch pessimistischer auf 37 Prozent.
Generell wünschen sich 80 bis 89 Prozent der Weltbevölkerung, dass ihre Regierungen mehr gegen den Klimawandel unternehmen, doch glauben die meisten von ihnen, dass sie damit in der Minderheit sind. Solange Menschen meinen, dass sie in der Minderheit sind, sind sie weniger geneigt, ihre Forderung laut auszusprechen. Das ist ein negativer Rückkopplungsprozess. Das Projekt 89 Prozent, ein Zusammenschluss von Medien wie Guardian oder Agence France Press hat sich zum Ziel gesetzt, diese negative Rückkopplung zu durchbrechen. Wenn genügend Menschen erfahren, dass sie mit ihrer Forderung nach Klimaschutz in der Mehrheit sind, kann das eine positive Rückkopplung bewirken und einen massiven Umschwung in der öffentlichen Meinung bewirken – also einen entscheidenden Kipppunkt auslösen. (Martin Auer, 23.2.2026)
Martin Auer, geboren 1951, ist Schriftsteller. Er hat Kultur- und Sozialanthropologie studiert und engagiert sich bei Scientists for Future. Sein neuester Roman heißt "Die Parkouläuferin oder Die Klimakiller sind die Reichen".
Weitere Beiträge im Blog
1,5 Grad im Overshoot – und dann?
Korallenbleiche und Gletscherschmelze: Wenn es kein Zurück mehr gibt
Mit Finanzspekulation die Wälder der Erde retten?
