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Von Vinícius Junior bis zum 1. FC Union: Wie der Fußball den Kampf gegen Rassismus selbst untergräbt

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19.02.2026

Als Opfer von Rassismus möchte sich Vinícius Junior nicht sehen. Das hat er schon 2024 klar gemacht nach dem Haftbefehl für drei Valencia-Anhänger, die ihn ein Jahr zuvor rassistisch beleidigt hatten. Das historische Urteil sei nicht für ihn, sondern für alle schwarzen Menschen, sagte der Brasilianer damals. Er selbst sehe sich nicht als Opfer, sondern als „Henker von Rassisten“.

Über diese scharfe Wortwahl mag man sich streiten. Als Fußball-Star spaltet Vinícius ohnehin die Gemüter. Dass er sich manchmal als trotzigen Einzelkämpfer gegen Rassismus versteht, muss man aber ein Stück weit nachvollziehen. Denn in dieser Woche zeigte sich erneut, wie wenig viele in der Fußballwelt von diesem Kampf verstehen wollen.

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Aber der Reihe nach. Im Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Benfica am vergangenen Dienstag warf Vinícius seinem Gegenspieler Gianluca Prestianni vor, ihn rassistisch beleidigt zu haben. Viele seiner Mitspieler bestätigten das, während Prestianni den Vorwurf zurückwies. Das war an sich ernst genug, und die Uefa hat schon Ermittlungen aufgenommen. Viel schlimmer war aber die Reaktion aus vielen Ecken.

Zunächst wurde Vinícius massiv von den Rängen angefeindet, teilweise sogar mit Gegenständen beworfen. Später sprach Benfica in einem offiziellen Statement von einer „Verleumdungskampagne“ gegen Prestianni, und auch Trainer José Mourinho setzte auf die klassische Täter-Opfer-Umkehr. „Etwas stimmt nicht, denn in jedem Stadion, wo Vinícius spielt, passiert immer irgendwas“, sagte der Portugiese. Benfica könne allein deshalb nicht rassistisch sein, weil die größte Klub-Legende Eusebio selbst schwarz war.

Das war nicht nur ein exzentrischer Blick auf die portugiesische Kolonialgeschichte. Es war vor allem deshalb eine lächerliche Aussage, weil es in sich schon einen Widerspruch darstellte. Denn zuvor war es nicht darum gegangen, ob der Verein an sich rassistisch sein könnte. Nach der bedingungslosen Unterstützung für Prestianni stand die Frage dann aber plötzlich doch im Raum, ob Benfica solche Vorwürfe auf institutioneller Ebene ernst nimmt.

Kit Holden Kit Holden schreibt für die Sportredaktion Texte über den 1. FC Union und den Sport in seiner englischen Heimat. Seine besondere Leidenschaft gilt dabei dem Cricket. Er hat die englischsprachigen Bücher „Scheisse - we’re going up“ über den Bundesliga-Aufstieg des 1. FC Union und „Played in Germany - A Footballing Journey Through a Nations Soul“ über die EM 2024 in Deutschland geschrieben.

Was aber leider nichts Überraschendes ist. Im Profifußball hat man das oft genug gesehen: Statt wirklich aufzuklären oder gar nach Versöhnung zu streben, wird mit den typischen Reflexen reagiert. Auch in Berlin wird man an diesem Wochenende daran erinnert, wenn Bayer Leverkusen zu Gast beim 1. FC Union ist.

Bei genau dieser Begegnung war es 2021 zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Damals behauptete der Leverkusener Jonathan Tah, dass sein Mitspieler Nadiem Amiri vom Union-Spieler Florian Hübner rassistisch beleidigt wurde. Hübner bestritt die Vorwürfe vehement. Eine DFB-Ermittlung fand keine Beweise für Rassismus, sperrte Hübner trotzdem für zwei Spiele wegen unsportlichen Verhaltens.

Für viele in der Fußballwelt scheint die vermeintlich verletzte Ehre des eigenen Lieblingsvereins oft eine deutlich wichtigere Angelegenheit zu sein als der Rassismus an sich.

Für viele in der Fußballwelt scheint die vermeintlich verletzte Ehre des eigenen Lieblingsvereins oft eine deutlich wichtigere Angelegenheit zu sein als der Rassismus an sich.

Seit fünf Jahren werden sowohl Tah als auch Amiri nun bei jedem Spiel gegen Union von großen Teilen des Berliner Anhangs gnadenlos ausgepfiffen. Das war auch in dieser Saison der Fall, als sie mit ihren jetzigen Vereinen Mainz 05 und Bayern München in der Alten Försterei spielten. Was bei vielen – auch vielen Union-Fans – ein mulmiges Gefühl hinterlässt.

Wie bei Vinícius und Benfica ist die Implikation nämlich, dass Tah und Amiri allein mit dem Vorwurf von Rassismus eine rote Linie überschritten hatten, oder gar böswilligen Rufmord gegen Spieler und Verein begangen haben. Das ist aber Nonsens. Und es zeugt womöglich von einer Doppelmoral bei jenen Menschen, die andersherum so gerne auf die Unschuldsvermutung verweisen.

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Für viele in der Fußballwelt scheint die vermeintlich verletzte Ehre des eigenen Lieblingsvereins oft eine deutlich wichtigere Angelegenheit zu sein als der Rassismus an sich, wo es um die Freiheit und Würde von großen Teilen der Gesellschaft geht. Das ist im besten Fall eine verkehrte Prioritätensetzung. Im schlimmsten Fall ist es gefährlich.

Man muss Vinícius Junior wirklich nicht mögen, um das einzusehen. Man muss Florian Hübner oder pfeifende Union-Fans erst recht nicht für Rassisten halten. Wer jemanden aber schon wegen des Vorwurfs von Rassismus anfeindet, hat den Kampf gegen Rassismus wirklich nicht verstanden.


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