Antifa, Antideutsche und Migrantifa: Israel und die deutsche Linke in vier Etappen
„Antifa means Free Palestine“ war der einen Motto. „Israel bombardieren“ soll gerufen worden sein – diesmal tatsächlich, vielleicht mit Bezug auf den Berliner Vorfall im Jahre 2023, als BILD bezüglich dieses vermeintlichen Slogans zumindest indirekt und teilweise ein Missverständnis einräumte, indem der entsprechende Artikel nachträglich verändert wurde? Die anderen skandierten so bodenlose Sachen wie „Nie, Nie, Nie wieder Gaza“, wovon es Videoaufnahmen gibt.
Was war da neulich los in Leipzig, als Hardliner der pro-palästinensischen und pro-israelischen Fraktionen der bundesdeutschen Linken aufeinandertrafen? Und was bringt, wie jüngst in Freiburg, diese Unversöhnlichkeit in die linke Debatte um Spiele etwa von Maccabi Tel Aviv in Deutschland, die stets gleich auf dem grundsätzlichsten möglichen Niveau von „Rassismus“ oder „Kolonialismus“ versus „Antisemitismus“ verhandelt werden statt auf der Ebene von Sicherheit im Fußball?
Wie immer, wenn in politischen Auseinandersetzungen die Emotionen überschießen, empfiehlt sich zum besseren Verständnis eine Historisierung der Positionen. Aus dieser Perspektive wird der Israel-Palästina-Streit der bundesdeutschen Linken immerhin begreiflicher: Als Generationenkonflikt zwischen einer um die Jahrtausendwende geprägten Kohorte und einem heutigen Aktivismus, der sich in vielerlei Hinsicht ganz anders darstellt.
Die besondere Schärfe in dieser Debatte aber erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass das Verhältnis der bundesdeutschen Linken zum Israel-Palästina-Konflikt bisher drei grundlegende Kehrtwendungen durchlaufen hat: Jedesmal musste sich eine „neue“ Perspektive so trennscharf wie möglich von der gerade „überwundenen“ absetzen. Und auch die Tatsache, dass es überhaupt zu diesen drei scharfen Brüchen kam, hat mitunter weniger mit dem Konflikt selbst – also der schier endlosen Folge von Kriegen, Überfällen, Attentaten, Tötungen, Geiselnahmen, Verhaftungen und Vertreibungen – zu tun, als sich die hierzulande Handelnden selbst gern versichern.
Wie immer, wenn in politischen Auseinandersetzungen die Emotionen überschießen, empfiehlt sich in der Nahostdebatte der deutschen Linken eine Historisierung der Positionen
Eine bedeutende Rolle spielte auch dabei die Positionierungslogik: Aus Sicht der Linken war es gerade bei diesem deutschen Urschuld-Thema nicht nur notwendig, eine der jeweiligen Situations- und Geschichtswahrnehmung angemessene Position zu beziehen. Fast noch mehr kam es darauf an, dass die eigene Position – mehr oder minder – radikaloppositionell einzurahmen war, sich also von der ihrerseits beweglichen „Offiziellen Haltung“ abhob. Diese sozusagen öffentlichkeits-mechanische statt bekenntnisbezogene Perspektive ist stark unterbelichtet in der Diskussion über diejenige Frage, die in der bundesdeutschen Linken am meisten für Polemiken, Spaltungen und Frustrationen gesorgt hat. Schon daher lohnt es sich, sie einzunehmen – auch wenn die damit implizit verbundene Unterstellung, das Thema stets auch instrumentell zu behandeln haben, auf Widerspruch stoßen wird.
Dass ein solcher Schnelldurchlauf durch acht Jahrzehnte Kontroverse notwendigerweise holzschnittartig und lückenhaft ausfällt, muss dem Folgenden wohl kaum vorangeschickt werden. Gestattet sei jedoch eine Bemerkung zum Fokus des Textes und eine zum Wortgebrauch: Die Positionierungen aus der DDR – Regierung wie Opposition – zu Israel werden im Folgenden ausgelassen, obwohl sie der differenzierten Betrachtung natürlich wert wären. Und Klassifikationen wie „anti-israelisch“ oder „pro-palästinensisch“ stehen im Text konsequent in Anführungszeichen – um deutlich zu machen, dass die so bezeichnete Position womöglich komplexer gewesen ist, als es diese Einordnung nahelegt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es gut 30 Jahre, bis die Vernichtung des europäischen Judentums durch Nazi-Deutschland im Bewusstsein einer breiteren bundesdeutschen Öffentlichkeit ihren Platz einnahm. Ein Meilenstein war dabei erst die Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss von Marvin J. Chomsky, die 1979 im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die Linke – in einem weiteren Sinne – hatte dem Rest der Gesellschaft in der engeren Nachkriegszeit etwas voraus: Schuld- und Schamgefühle sowie auch eine Bewunderung für die sozialistischen Aspekte der Kibbutzbewegung, die im jungen Israel eine weitaus größere Rolle spielte als heute, führten links der Mitte zunächst zu einer betont „pro-israelischen“ Haltung.
Sinnbildlich steht hierfür vielleicht der Verein Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste, der 1958 aus einem kirchlichen Hintergrund gegründet wurde und sich nicht ausschließlich, aber vordringlich um Sühne gegenüber dem Judentum und Israel bemühte. Nirgends, das zeigt Martin W. Kloke in seinem bis heute dringend empfohlenen Buch Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses, sympathisierte die gesellschaftliche Linke so stark mit Israel wie in der jungen Bundesrepublik. Die humanistische Grundierung ihres eher-linken Spektrums sowie teils auch eigene Verfolgungserfahrungen legten, wie Kloke schreibt, einen „oppositionellen Proisraelismus“ nahe.
Bemerkenswert im Sinn der Öffentlichkeits-Mechanik ist hier das Wort „oppositionell“: Die Hinwendung zu Israel ermöglichte es der Linken damals auch, sich vom postfaschistischen Establishment der Bundesrepublik moralisch-politisch abzusetzen.
Der westdeutsche Staat, der fast zwei Jahrzehnte keine Beziehungen zu Israel unterhielt, konnte sich zwar keine offene Feindseligkeit gegenüber dem Staat der Opfer erlauben. Bonn war aber nicht nur aus Gründen der Mehrheitsbefindlichkeit zu einer gewissen Indifferenz gegenüber Tel Aviv verurteilt: Eine Hinwendung zu Israel hätte unweigerlich eine intensivere Befassung mit dem Holocaust erfordert. Das aber war in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten nicht nur gesellschaftlich unpopulär, sondern auch handfest problematisch: Die junge Bundesrepublik war so stark auf belastete Eliten gebaut, dass eine konsequente politische oder gar juristische Aufarbeitung des Holocaust der „Staatsräson“ der Bundesrepublik entgegenstand, also der Sicherung des Bestehens und Funktionierens zentraler staatlicher Strukturen.
In den Jugendjahren der Bundesrepublik stand also eine dezidiert „pro-israelische“ Linke einem – schematisch ausgedrückt – „anti-israelischen“, zumindest aber „Israel-abgewendeten“ Mainstream gegenüber. Doch in den späten 1960er Jahren kam es zu einem abrupten Rollentausch. Im Umfeld des Sechstagekrieges und der Besetzung des Gazastreifens, des Westjordanlandes, Ost-Jerusalems und der Golan-Höhen durch Israel schlug sich die Offizielle Haltung – also der Tenor aus Leitmedien, etablierter politischer Rhetorik und des mehrheitlichen gesellschaftlichen Gesprächs – abrupt und höchst widersprüchlich auf die „pro-israelische“ Seite, während die Linke weit überwiegend eine akzentuiert „anti-israelische“ Position einnahm. Laut Kloke verwandelte sich in den späten 1960ern die „pro-israelischste“ Linke der westlichen Welt quasi im Handumdrehen in die „anti-israelischste“. Der zweite Superlativ greift vielleicht zu hoch, doch die Verschiebung ist allemal erstaunlich.
Bezüglich der linken Neupositionierung hat sich im Nachhinein eine auf den ersten Blick schlagende, aber bei genauerem Hinsehen nicht ganz befriedigende Interpretation durchgesetzt: In der westdeutschen Ausführung der Neuen Linken habe sich in........
