Ost-West-Konflikt: Auch die Aufarbeitung bedarf einer Aufarbeitung
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Wieder einmal packten wir, meine Frau und ich, die Koffer. Nach der Wende waren wir Berliner, der Arbeit nachfolgend, im Rheinischen gelandet. Im Jahr 2010 sehnten wir uns nach der Nähe zu den Kindern, zu den Freunden aus den Jugendjahren. Die Knochen waren vom Schleppen der Unterrichtsmittel-Muster für Grundschüler lädiert. Bildung ist schwer, das Kreuz schmerzte. Selbständig im Schulmittelverlag im Kölner Raum zu arbeiten, hinterließ Spuren.
Beim Umzug war der Blick auf die angesammelten Stücke erstaunt gerichtet. Mit Aktentaschen sowie wenigen Habseligkeiten kamen wir in den Westen. Beladen mit 20-jährigen Ansammlungen zogen wir gen Osten zurück. Dem Rheinland und den dortigen Menschen, den Bekannten und den Erinnerungen hingen wir nach. War die Entscheidung eines erneuten Einschnittes richtig?
Jetzt waren wir wieder die Zugezogenen, allerdings nunmehr mit Westerfahrungen im Brandenburgischen. Im Rheinland berührten uns die Konflikte zwischen Osten und Westen wie ferner Donnerhall, die Meisterung der täglichen Mühen überlagerte die hier in Brandenburg vorhandenen Probleme. Nach zwei Jahrzehnten schlugen sie uns mit Wucht ins Gesicht. Wir waren in der Heimat angekommen.
Trau keinem Besserwisser
Kaum hatten wir eine Wohnung in Potsdam bezogen, erreichten mich Einladungen zu den immer noch vorhandenen, gar neu aufgebrochenen Ost-West-Konflikten. Meine im Westen mühsam gezimmerten Abwehrkräfte, mich als Rentner dem Mainstream zu stellen, bröckelten.
Das kleine, verschüttet geglaubte Politikmännchen in mir jubilierte. In einem Diskussionsbeitrag im Bundesarchiv in Berlin 2012 schilderte ich meine Vision einer besseren Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen, die zur Illusion wurde.
Nach dem Vortrag sprach mich eine Teilnehmerin darauf an, ob es denn von mir richtig argumentiert sei, wenn ich von Illusionen im Zusammenhang mit dem DDR-Experiment sprach. Sie forderte zu einer gründlicheren Analyse auf, ob nicht der Sozialismus eine Alternative zur gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft sei. Ich hielt dagegen, dass es der nicht sei, der mein 40-jähriges Leben so dominierte. Sie drängte auf brauchbare Vorstellungen von einem gerechten und friedlichen Dasein in einer humanistischen Gesellschaft, Menschen müssten Visionen haben. Ich ließ nicht locker, von einer Illusion zu sprechen. Sie lenkte etwas ein. Sie stellte sich als amerikanische Philosophin von der Adrian Piper Research Foundation Berlin vor. Wir verabredeten einen Gesprächstermin.
Wären die Menschen, die sich mit ihrer Vergangenheit kritisch auseinandersetzen würden, für heutige Konzepte gesellschaftlicher Visionen überhaupt glaubwürdig? Diese Frage beantwortete sie mit überzeugendem Brustton positiv. Wenn das Selbstbewusstsein der Akteure eines implodierten Staates noch stärker wäre, dann könne man davon ausgehen, dass die eigenen Fehler erkennbarer würden. Sie äußerte sich strikt gegen jegliche Stigmatisierung. Jede Form eines Ost-West-Stigmas sei schädlich, da sie letztlich nur bestimmten Interessen diene. Wer zur Erinnerung fähig sei, denke nach und analysiere.
Sie sprach denen ein schlüssiges, analytisches Bild ab, die keine persönlichen Erfahrungen aus historischen Ereignissen, wie dem Experiment des Sozialismus in der DDR, hätten. Beobachtern, Besserwissern der westlichen Welt, sei kaum bei einer historischen Aufarbeitung zu trauen.
Den eigenen Egoismus nicht überwunden
Sie ermunterte mich, dass ich mich in die heutige Meinungsbildung einmischen möge. Sie wandte sich vehement gegen die „unmündigen Bürger“, die herumnörgeln, sie seien ihrer Erfahrungen beraubt. Oder gar jene, die nach „Vormündern“ riefen.
Autonomes Verhalten sei, so ihr Credo, dass die Akteure, auch die einer untergegangenen Gesellschaft, hinzugezogen werden. Das sei ein Fundament einer demokratischen Teilnahme. In einem leisen Tonfall fügte sie in unserem Gespräch an, dass auch dieses sozialistische Gesellschaftskonzept von Menschen umgesetzt sei, die ihren eigenen Egoismus und ihre Gleichgültigkeit nicht überwunden hätten.
Sie erklärte, dass es mehrheitlich diejenigen gewesen wären, die selbst aus unvorstellbaren Kriegserlebnissen, aus Not, Hunger, Arbeitslosigkeit, Verrat, Vertreibung und Inhaftierung, zu Handelnden wurden. Sie schlussfolgerte daraus, dass aus solchen furchtbaren Erlebnissen und Entbehrungen genauso entsetzliche Bedürfnisse bei ihnen entstanden seien, die so tiefgreifend wären, dass sie sich von der Wirklichkeit des inneren Lebens anderer Menschen abgehoben hätten.
Ich ergänzte, dass all jene, die vom vorgegebenen Gesellschaftskonzept abwichen, zu Feinden erklärt wurden. Das sozialistische Experiment war gescheitert. Beide fanden wir keine schlüssige Erklärung dafür, weshalb aus den antifaschistischen Grundsätzen und der Friedenssehnsucht vieler DDR-Politiker schließlich eine autoritäre Staatspolitik hervorging.
Ein beklemmendes Gefühl
Zahlreiche Zeitzeugen lernte ich nach meiner Rückkehr in den Osten kennen, die sich zurückgezogen, missverstanden oder gedemütigt fühlten. Ihre Lebensleistungen erschienen in der Öffentlichkeit wie hinter einer Gardine versteckt. Warum eigentlich?
Im Jahr 2013 wurde ich zu einer Theaterveranstaltung eingeladen: „Das Ende der SED – die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“. Ein künstlerisches Experiment, um mit satirischen Mitteln Historisches aufzuarbeiten. Die Veranstaltung fand genau an der Stelle statt, wo Jahrzehnte zuvor das höchste Gremium der Partei über das Schicksal von 16 Millionen Menschen im Osten Deutschlands entschied. Heute ist dort der Europasaal des Auswärtigen Amtes der Bundesregierung in Berlin.
In mir kam ein beklemmendes Gefühl auf. Ich betrat erstmals in meinem Leben den Saal der untergegangenen Führung. Auf der Bühne waren, wie Pappkameraden, die ehemaligen Politbüromitglieder des Zentralkomitees der SED sichtbar dahinsiechend, imitiert.
In Gedanken nahm ich schnell die Hierarchie der SED durch. Wer hat sie eigentlich gewählt? Wer hat sie kontrolliert? Wer hat ihnen fast bedingungslos die Stange gehalten? Es waren Menschen aus allen Schichten und Berufen, vom Brigadeleiter in einem VEB-Betrieb bis zu den Künstlern oder Wissenschaftlern. Wurden sie im System der Machtstruktur nur benutzt? Haben sie sich zu willenlosen Pappkameraden der Mitglieder des Politbüros, die auf der Bühne als Persiflage standen, hingegeben? Gehörten sie anstelle der Sichtbaren auf die Theaterbühne? Sie waren die eigentlichen Mächtigen. Und erkannten es erst, als schon alles zu spät war.
Schauspieler sprachen die Originalreden der Mitglieder des Zentralkomitees nach, die auf den Sitzungen von Oktober bis Dezember 1989 gehalten wurden. Wie in einem Flugschreiber dokumentierten die zusammengestellten Originaltöne die letzten verzweifelten Rettungsversuche, dramatische Wortgefechte vor dem Absturz der SED. War es der zeitliche Abstand, der mich darüber so betroffen, danach wütend machte? Ich war doch als Gewerkschaftsfunktionär auch involviert.
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Entglittener Satireversuch
Mich überlief erneut ein Schauer. Ich hatte denen vertraut, hatte ihnen gedient. Es war beschämend, die Inhalte ihrer Reden zu hören. Die als Theaterstück inszenierte letzte Tagung des Zentralkomitees wurde zum Spiegel der Endzeit einer Gesellschaft. Dieses Theaterstück forderte zu einer selbstkritischen Haltung heraus. Es stellte Fragen der Mitverantwortung sowie einer differenzierten Bewertung. Die Zuschauer im Saal wirkten ratlos. Der Satireversuch entglitt den Künstlern, die Realität zeigte ihre nackte Haut.
Im Kontrast oder Kontext wurden Lieder meiner Jugendzeit eingespielt. Es waren die der Friedenssehnsucht, der Hoffnung auf ein gerechtes Leben, der Solidarität mit unterdrückten Menschen, der Zukunft zugewandt. In der Kinderhymne von Bertolt Brecht (1950) spiegelten sich meine Gefühle. Das wäre der Text einer erhofften Einheitshymne. Meine 20-jährige Erfahrung des Zusammenlebens und der Arbeit in dem Teil Deutschlands, dem sich der Untergegangene vermeintlich annähern soll, lässt die Konflikte liegen. Nach über 35 Jahren hat sich das Bild kaum verändert. Warum eigentlich?
Eine Fixierung auf den Osten vernachlässigt die Geschichte des gesamten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Eventuell ist gar die Aufarbeitung aufzuarbeiten. Selbst die Erkenntnisse, nicht fehlerfrei in Ost und West agiert zu haben, haben mich von der optimistischen Lebensauffassung nicht abgebracht. Ich habe dabei erkannt, dass das Festhalten am Irrtum die schlechteste Lehre war. Werner Peplowski, 1944 in Dresden geboren, studierte Biologie und Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion in Potsdam. Danach war er Vorsitzender der Industriegewerkschaft Druck und Papier der DDR. In der Wendezeit wurde er zum Vorsitzenden des Vorbereitungsausschusses für den Außerordentlichen FDGB-Kongress 1990 gewählt und überführte im Sommer 1990 die IG Druck und Papier der DDR in die IG Medien der BRD. Nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit fand er 1991 eine Anstellung als Handelsvertreter an einem Schulmittelverlag im Kölner Raum. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
