Nachruf auf Egidio Marzona: Ein Sammler, der seine Leidenschaft mit allen teilte
Laut Friedrich Schiller sind Kunst und Tragik eng miteinander verbunden. Man möchte meinen, er hatte recht, wenn wir nun erfahren, dass Egidio Marzona, einer der bedeutendsten Kunstsammler zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts, am 15. März in Berlin an einer unheilbaren Krankheit starb. Er wurde 81 Jahre alt.
Der Sammler, geboren 1944 in Bielefeld als Kind italienischer Zuwanderer, die ein Naturstein-Unternehmen führten, war ein passionierter Sammler, Verleger und Mäzen. Schon Ende der 1980er-Jahre gründete er im Friaul einen Skulpturenpark mit Werken von Weltkünstlern wie Bruce Nauman, Richard Long, Sol LeWitt und Carl Andre. Von Berlin aus baute er über Jahrzehnte eine riesige Sammlung von Briefen, Manifesten, Filmen, Plakaten, Katalogen, Künstlerbüchern sowie Kunstwerken und Objekten zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts auf. Mit Namen wie Picasso, Mies van der Rohe, Beckmann, Klee, Niki de Saint Phalle, Warhol, Beuys.
Einen Teil davon übergab Marzona ab 2002 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Das Konvolut war lange im Hamburger Bahnhof zu sehen, bot Grundlage für Forschung und Kunststudentenexamen. Den größeren Teil seiner Kollektionen, vor allem das Archiv, schenkte Marzona 2016 (infolge gewisser Verstimmungen in der Zusammenarbeit mit der Preußenstiftung) den Kunstsammlungen Dresden (SDK). Sachsen baute dafür ein historisches Barockpalais am Neustädter Ufer um.
Im Mai 2024 wurde das „Archiv der Avantgarden“ eröffnet und sogleich von der deutschen Kunstkritiker-Organisation AICA zum „Museum des Jahres“ gekürt. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt starb Marzonas Sohn Daniel. Ein nie verwundener Schlag für den alternden Sammler, denn der Sohn hatte auch seinen Vorlass betreut.
Was nun bleibt, zählt zu den bedeutendsten Kollektionen der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Dieses Archiv (1,5 Millionen Dokumente und Objekte) spiegelt zugleich die Prozesse der gesellschaftlichen Rezeption und Wirkung der Stile und Ismen der Klassischen Moderne wie Arte Povera, Minimalismus, Land Art und Concept Art. Das Haus versteht sich als Forschungsinstitut und Museum zugleich und umfasst Werke aller Gattungen von der Zeit des geometrischen Jugendstils bis zur Postmoderne wie auch Literatur, Politik, Philosophie, Film, Tanz und Theater.
Mit Marzona verliere die Kunstwelt einen leidenschaftlichen Sammler, Visionär und Vermittler der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, heißt es in Nachrufen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wie der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen. Mit seiner Schenkung wurde Sachsens Kunstmetropole der Alten Meister auch zu einem Ort der Auseinandersetzung mit den Stilen und Ideen des 20. Jahrhunderts bis heute. Berlin wie Dresden verdanken der Kunstleidenschaft Marzonas Konvolute von internationaler Strahlkraft. Seine Sammlungen werden auch im Museum „berlin modern“ am Kulturforum Platz finden.
Für Egidio Marzona war es elementar, seine Sammlungen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Er war Mitglied des Board of Trustees des Museum of Modern Art/PS1 in New York und gehörte zu den Mitinitiatoren des Instituts Kunst-Werke Berlin. 2018 rief er die „Marzona Stiftung Neue Saalecker Werkstätten“ in Naumburg (Saale) ins Leben.
Die von der Stiftung gegründete Design-Akademie Saaleck widmet sich durch die Vergabe von Stipendien der Förderung von innovativen Designern, Handwerkern, Architekten und Künstlern. Die Saalecker Werkstätten werden derzeit nach einem Masterplan der dänischen Architektin Dorte Mandrup saniert und sollen künftig international ausgerichtete Fellowship-Programme beherbergen – ganz im Sinne von Egidio Marzona.
