Rettet ein Berliner Lego-Otter die deutsche Exportwirtschaft?
Deutschland steckt in der Krise. Wer das nicht wahrhaben will, erinnere sich zurück, an die frühen Jahre dieses Jahrtausends: Bis 2009 war Deutschland Exportweltmeister, Container um Container verließ schwer beladen die deutschen Häfen. Deutsche Autos galten als Luxusware, nach der sich weltweit alle die Finger leckten.
Auch in anderen Bereichen waren wir Weltmeister, im Sport, zum Beispiel: 2007 wurden die deutschen Handballer Weltmeister, 2014 die Fußballer. In der Formel 1 dominierte erst Michael Schumacher im roten Ferrari, dann Sebastian Vettel. Selbst spirituell surften wir auf der Welle des Heiligen: Wissen Sie noch, wer 2005 den theologischen Topjob im Vatikan übernahm? Richtig, Joseph Alois Ratzinger, alias Benedikt XVI.Dass der 2013 vorzeitig zurücktrat, leitet vielleicht den Anfang vom Ende ein.
Der Siegeszug mit Hut: Wie das Ost-Ampelmännchen den Westen eroberte
Trinkkultur statt Trinkverzicht: Lasst uns endlich auch über die Vorteile von Alkohol reden!
Deutschland steckt in der Krise
Die Fußball-Nationalmannschaft flog 2018 in Russland schon in der Gruppenphase raus – gegen Südkorea. Vier Jahre später in Katar wiederholte sich das Drama. Im Handball gewinnt seit 2009 nur noch Frankreich oder Dänemark (zumindest die Weltmeisterschaft). Die deutsche Tennishoffnung Alexander Zverev verlor 2020 gegen einen verletzten Dominic Thiem das US-Open-Finale, nachdem er bereits mit zwei Sätzen geführt hatte. Bis heute konnte uns Zverev keinen Grand-Slam-Titel sichern, sondern nur Schlagzeilen, weil er angeblich seine Freundin schlug. Auch moralisch ging es bergab.
Deutscher Exportweltmeister sind wir seit 2009 nicht mehr, als China uns überholte. Heute läuft uns Fernost den Rang auch bei den Autos ab. Der klassische Mercedes wirkt wie ein Statussymbol von gestern, wenn man eine lässige E-Karre zum halben Preis bekommt, made in China. Dann wäre da natürlich noch die Deutsche Bahn als rollendes Sinnbild des Kontrollver… Aber nein, lassen wir uns jetzt nicht die Laune verderben!Denn: Es gibt Hoffnung. Man muss nur die Zeichen richtig lesen.
Zeichen für den Aufschwung: Der deutsche Bob-Erfolg bei Olympia
Und da sind sie, die Zeichen, klein, aber, kneift man die Augen zusammen, durchaus erkennbar. Zeichen eins betrifft Sport und deutsche Ingenieurskunst zugleich: das Bobfahren.
Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand waren die deutschen Bobathleten unbesiegbar: Acht von zwölf Medaillen gingen an Deutschland. Und wer sich ein bisschen im Bobsport auskennt, der weiß: Diese Medaillen wurden nicht nur für schnelle Beine beim Anschieben vergeben. Der Bobsport wird auch als „Formel 1 des Winters“ bezeichnet. Die Entwicklung eines modernen Schlittens umfasst komplexe Disziplinen wie Aerodynamik, Materialwissenschaft und Mechanik, um den Luftwiderstand und die Reibung auf ein Minimum zu reduzieren. Deutsche Ingenieurskunst vom Feinsten!
Haben die Athleten den Edelschlitten im Eiskanal dann richtig in Schwung gebracht (hier helfen schnelle Beine), müssen sie richtig getimt in den Bob springen und ihn und sich geschickt nach unten lenken. Flotte Kurven, gutes Timing, der willige Zeichenleser denkt da - an die Bahn!
Der Lego-Otter aus Berlin
Das zweite Zeichen dafür, dass sich das Blatt wenden könnte, kommt aus Berlin und trägt den Namen Maximilian Lambrecht.
Lambrecht ist 31 Jahre alt, er ist im Hauptberuf 3D-Artist für visuelle Effekte, doch in seiner Freizeit wird er zum personifizierten Gegenentwurf zur deutschen Reformmüdigkeit. Am 1. März geht sein Lego-Design, ein schwimmender Seeotter, weltweit in den Verkauf.
Wer nun abwinkt und murmelt, das sei doch bloß Spielzeug, der unterschätzt den globalen Konkurrenzkampf, gegen den manche Start-up-Pitch-Runde wie ein Kaffeekränzchen wirkt. Tausende Hobby-Baumeister aus aller Welt fluten jährlich die digitalen Plattformen mit ihren Entwürfen, doch der Weg in die heiligen Lego-Regale ist für die Laien steiniger als jeder Lego-Baukasten: 10.000 Unterstützer aus der Lego-Community braucht es, damit ein Projekt überhaupt die erste Hürde nimmt. Zweimal im Jahr tritt dann eine offizielle Expertenjury zusammen, um aus den tausenden Einsendungen weltweit die wenigen Auserwählten zu küren, die tatsächlich in Serie gehen dürfen. Es ist der Königsschlag für jeden Legobauer.
„Für mich war das ein absolutes Erfolgserlebnis“, sagt Lambrecht. Das liegt nicht nur am Erfolg, den er mit seinem Otter hat, sondern auch an der kniffligen Auflage des Otters selbst: Ein Otter – Lambrechts Lieblingstier – ist bekanntermaßen ein organisches Wesen, geschmeidig, nass, rund. Lego-Steine hingegen sind, wie wir seit den Sechzigerjahren wissen, unerbittlich eckig. Das Runde mit dem Eckigen zu versöhnen, das gelang Maximilian Lambrecht.Und was denken wir Zeichenleser? Natürlich an Mario Götze und sein Weltmeister-Tor im Finalspiel gegen Argentinien! (Streber dürfen hier auch an die Trainerlegende Sepp Herberger denken, den „Wundermacher von Bern“, auf den die Fußballweisheit „Das Runde muss ins Eckige“ zurückgeht.)
„Wie bei Charlie in der Schokoladenfabrik war das“
Für den Otter schob Lambrecht drei Monate lang nach Feierabend digitale Pixel – moderne Lego-Träume werden heute digital am Monitor modelliert und nicht mehr am Teppichboden („Ich habe ja nicht alle Steine zu Hause“, sagt Lambrecht). Zwei Stunden täglich, jeden Abend, konsequent und unentgeltlich. Ist das nicht genau die Form von neuer deutscher Arbeitslust, die uns in den Regierungszentralen aktuell so gerne abgesprochen wird?
Während das Land über die Vier-Tage-Woche debattiert, klemmte Lambrecht sich in seiner Freizeit hinter den Bildschirm und tüftelte an der braunen Schnauze und den kleinen Ohren, bis die Anatomie stimmte. Die Belohnung folgte ein paar Monate später: Die Jury hatte entschieden und lud ihn in die heiligen Hallen nach Billund, Dänemark.
Dort, in der Heimat des Kunststoff-Imperiums, sah er seinen Seeotter zum ersten Mal in der Realität, nun ergänzt um ein niedliches Otterbaby, das der Figur auf dem Bauch liegt. „Wie bei Charlie in der Schokoladenfabrik war das“, erinnert er sich, „ich hatte das goldene Ticket und stand plötzlich mittendrin.“
Die Sache könnte sich übrigens auch finanziell lohnen: Ein Prozent des Nettoumsatzes landet auf seinem Konto. Sind das nicht unstrittig Zeichen, die auf Fortschritt deuten?
Übrigens: Wenn die Orakelsprüche aus Delphi nicht eintrafen, rechnete man den Fehler der Deutung des Spruches zu, nie dem Orakel selbst. Insofern lesen Sie diesen Text lieber noch einmal, falls es demnächst nicht bergauf gehen sollte mit Deutschland. Oder kaufen Sie sich den Lego-Otter von Herrn Lambrecht. Wenn es schon abwärts geht, dann wenigstens mit einem süßen Nagetier im Regal.
