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Kino International: Die DDR-Ikone ist wiedereröffnet und schöner denn je

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04.03.2026

Das Kino International in der Karl-Marx-Allee ist eines jener wenigen Kinos, bei denen man schon Herzklopfen bekommt, bevor der Film überhaupt losgeht: Dieser schwebende Schaukasten mit seinen leuchtenden Fenstern, das Foyer mit seiner Golddecke, der Aufgang nach oben, die holzvertäfelte Panoramabar, durch die man die Karl-Marx-Allee und Café Moskau auf der anderen Straßenseite sieht.

Schließlich der Kinosaal selbst, der 551 Sitze umfasst, und der sich zur Leinwand hin öffnet, beschirmt von dieser ikonischen, gewellten Decke, die den Blick wie von selbst nach vorn zieht. Alles ist großzügig in diesem Kino, nichts überflüssig. Auch nicht der Paillettenvorhang mit seinen – ach! oh! – 20 Millionen glitzernden Plättchen, der erst nach den Trailern einmal zu- und wieder aufgezogen wird, und das Signal zum Beginn des eigentlichen Film-Abenteuers gibt.

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Kino International war das Premierenkino der DDR

Für viele hat das Herzklopfen auch mit persönlichen Erinnerungen zu tun, die sich mit dem geschichtsträchtigen Bau verbinden. Entworfen von den Architekten Josef Kaiser und Heinz Aust und im Jahr 1963 eröffnet, war das International jahrzehntelang das unangefochtene Premierenkino der DDR, der rote Teppich des Ostens. 1966 inszenierte die SED-Führung Proteste gegen den Film „Spur der Steine“, um das Werk kurz nach dem Kinostart zu verbieten. 33 Jahre später, am Abend des 9. November 1989, feierte Heiner Carows Film „Coming Out“ hier Premiere, der erste Defa-Film mit schwulen Hauptfiguren – ein Ereignis, das im Trubel des Mauerfalls unterging.

Mit dem Ende der DDR im Jahr 1990 verlor das Haus zwar seinen Status als staatliches Repräsentationskino, gewann jedoch sofort eine neue Bedeutung: Noch im Februar 1990 wurde es erstmals als Spielstätte der Berlinale genutzt und im selben Jahr unter Denkmalschutz gestellt. 1992 übernahm die Yorck-Kinogruppe den Betrieb und wandelte das Haus in eines der profiliertesten Arthouse-Kinos Deutschlands um.

Nachdem das Kino seit 2024 für eine aufwendige Sanierung geschlossen worden war, feierte es nun am Dienstag offiziell seine Wiedereröffnung. Wer das Kino von früher kennt, muss genau hinsehen, um eine Veränderung zu erkennen: etwas aufgeräumter sieht es aus, sauberer, und irgendwie schärfer. Die größten Eingriffe fanden jedoch im Verborgenen statt. In der Zeit der Schließung wurde vor allem die Haustechnik erneuert. Eine neue Lüftung und eine moderne Heizung sorgen nun für fast siebzig Prozent weniger Energieverbrauch. Sound und Leinwand wurden auf Cannes-Niveau gehoben.

Franziska Giffey macht Premierengeschenk

Der Paillettenvorhang wurde in mühsamer Handarbeit erneuert. Die charakteristischen, zusammengenommen sieben Kilometer langen Holzlamellen an den Wänden wurden aufwendig gereinigt und aufgearbeitet. Zudem wurden die Stühle neu gepolstert und der Sitzabstand vergrößert, wobei die Zahl der Sitze von ehemals 551 auf nun 506 Plätze reduziert wurde, was deutlich mehr Beinfreiheit schafft. Dass das Projekt in einer für Berlin fast schon unheimlichen Rekordzeit fertiggestellt wurde, geriet zum Running Gag des Eröffnungsabends: Das International wurde tatsächlich zwei Monate schneller fertig als geplant. Am 26. Februar 2026 startete der reguläre Spielbetrieb mit dem für neun Oscars nominierten Film „Marty Supreme“.

In einer nicht repräsentativen Befragung der Berliner Zeitung zeigte sich das Publikum bisher begeistert: Alles sehe toll aus, die Sitze seien angenehmer geworden und Bild und Ton ließen einem regelrecht die Kinnlade runterfallen. Einen viertel Punktabzug gibt es allerdings für das Popcorn, das nur abgepackt verkauft wird, und einen achtel Punkt dafür, dass die wunderschöne Garderobe im Untergeschoss nur bei Events geöffnet ist.

So wie am Dienstagabend. Es gab außerdem Freigetränke, Königsberger Klopse, Prominenz aus Politik und Schauspiel, visuelle und akustische Kostproben auf der neuen Leinwand – und ein Premierengeschenk von Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD): In ihrer Rede kündigte sie an, sich für die Wiedereröffnung des „Frösi“-Clubs im Kino einzusetzen. Frösi stand einst für „Fröhlich sein und singen“, der Club war jahrzehntelang ein beliebter Treffpunkt im Keller des Hauses. Bereits in den investierten 20 Millionen Euro eingeplant sind eine Bibliothek und ein Jugendclub, die der Bezirk nutzen kann.

SEZ und Berlinale sind die beiden Elefanten im Raum

Doch es standen an diesem Abend auch zwei Elefanten im Raum. Der erste war das SEZ. Als Bausenator Christian Gaebler ans Mikrofon trat, lobte er die „einmalige Chance“, die es bedeute, einen solch prägenden DDR-Bau als Identifikationsort für die Stadt zu erhalten. Eine bemerkenswerte Aussage, denn erst zwei Tage zuvor hatte Gaebler im Bauausschuss neue Kompromissideen zum SEZ-Erhalt skeptisch bewertet und die Abrisspläne relativ unbeirrt verteidigt.

Der zweite Elefant war die Berlinale. Nach politischen Äußerungen palästinensischer Filmschaffender bei der Preisverleihung vor anderthalb Wochen stand Festivaldirektorin Tricia Tuttle in scharfer Kritik, nicht zuletzt durch den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Der war für die Wiedereröffnungsfeier angekündigt – ließ sich aber wegen Gesprächen zur Berlinale entschuldigen.

Maria Schrader stahl Kino International kurz die Show

Regisseurin Maria Schrader hielt das nicht davon ab, ihrer Laudatio auf das Kino eine persönliche Stellungnahme hinzuzufügen, in der sie sich mit Tuttle solidarisierte und auf das Recht auf freie Meinungsäußerung pochte. Sie stahl dem International damit für einen Moment lang die Show. Aber ihre Laudatio auf den Ort war die schönste des Abends. Sie beschrieb, wie oft sie schon in diesem Kino atemlos die Treppen hochgelaufen ist, um nicht zu spät zu kommen. Und den Moment, wenn man den Kinosaal verlässt, die Welt der Leinwand noch im Rücken, und aus den hohen Fenstern der Panoramabar in die Stadt blickt. Wie man, für einen Moment, so Schrader, die Welt mit anderen Augen sehe, das Bekannte im Neuen und das Neue im Bekannten erkenne. Es war eine Liebeserklärung an eines der schönsten Kinos der Welt.


© Berliner Zeitung