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„Vergiftete Atmosphäre“: Wolfram Weimer spricht sich für Tricia Tuttle als Berlinale-Chefin aus

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01.03.2026

In der Debatte um die Zukunft von Tricia Tuttle als Berlinale-Chefin meldet sich nun der Kulturstaatsminister selbst in einem Interview zu Wort. Anders als es die viel diskutierte von der Bild-Zeitung verbreitete Nachricht nahelegte, war es in der Darstellung von Wolfram Weimer Tricia Tuttle selbst, die ihre Zukunft bei dem internationalen Filmfestival infrage stellte. „Sie sagte mir und auch meinem Amtschef am Dienstag, sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen“, so Weimer (parteilos) in dem Interview mit der Rheinischen Post.

Bei dem Festival hatte es mehrere Solidaritätsbekundungen für Palästina gegeben, an die sich Antisemitismus-Vorwürfe anschlossen. Tricia Tuttle war auf einem Premieren-Fotoshooting zu sehen, bei dem die Crew eine Palästinenserfahne und Palästinensertücher präsentierte. In Social-Media-Kommentaren wurde dafür von einigen ihr Rücktritt gefordert. Mit der Einberufung einer Sondersitzung des KBB-Aufsichtsrates, dem Weimer vorsitzt, verbreitete sich das Gerücht, dass er Tuttle absetzen wolle. Eine Protestwelle von Filmschaffenden, Akademien und PEN Berlin folgte, die befürchtete Entscheidung fiel nicht.

Wenn Tricia Tuttle die Berlinale jetzt verlässt, geht das Festival in eine dunkle Zukunft

Zu der Preisgala am Abschlusstag, bei der der prämierte Regisseur Abdallah Alkhatib eine viel kritisierte Rede hielt, sagt Weimer dem Blatt: „Israel-Hass, Genozid-Vorwürfe an die Bundesregierung und offene Drohungen an die Adresse Deutschlands führten zum Skandal.“ Das Entsetzen sei groß gewesen; der Kabinettskollege Carsten Schneider habe den Saal „zu Recht“ verlassen. Es seien Tage gewesen, an denen die Atmosphäre „traurig und vergiftet“ gewesen sei.

„Der Ton der Aktivisten darf nicht der Ton der Berlinale werden“

Weimer bestätigte, dass Tricia Tuttle nach den Vorfällen ihre Zukunft an der Spitze des Festivals infrage gestellt habe. „Tricia wirkte von den Reaktionen tief getroffen“, sagte Weimer. „Sie sagte mir und meinem Amtschef, sie könne in dieser Atmosphäre die Berlinale kaum weiterführen.“ Daraufhin habe Weimer die außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen.

Spekulationen, er wolle Tuttle ablösen, weist Weimer zurück. „Tricia hat immer versucht, die politischen Spannungen auszugleichen und die Berlinale stark zu machen. Das rechne ich ihr hoch an.“ Das Problem sei strukturell. „Der Ton der Aktivisten – egal woher sie kommen – darf nicht der Ton der Berlinale werden.“ Man müsse Jury, Mitarbeiter und Künstler künftig besser vor „aktivistischen Übergriffen“ schützen.

Weimer greift ein: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle soll wohl Posten verlieren

Weimer kündigte an, der Aufsichtsrat werde „über Verhaltenskodex, personelle Formation und organisatorische Fragen“ sprechen. Ziel sei es, dass solche Vorkommnisse künftig unterbleiben. „Die hier und da hörbare Verharmlosung von Israel-Hass und Aktivisten-Aggressivität ist schwer erträglich“, so Weimer. „Hass, Hetze und Antisemitismus sind keine Meinungen, sondern Formen der Menschenfeindlichkeit.“

Ausdrücklich lobte Weimer die Solidaritätsbekundungen vieler Filmschaffender mit der Berlinale-Leitung. „Es ist großartig zu sehen, wie sehr dieses Festival Künstlerinnen und Künstlern weltweit am Herzen liegt.“ Das bestärke sie in der Überzeugung, dass die Berlinale gestärkt aus der Krise hervorgehen könne.


© Berliner Zeitung