Der „Polizeiruf“ aus Halle wird eingestellt: Dieser Abschied ist ein Armutszeugnis
Bei der Obduktion holt Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) ungerührt seine Klappstulle aus der Brotbüchse. Doch ist er wirklich so abgebrüht? Denn er halluziniert ein ermordetes junges Mädchen auf dem Seziertisch herbei. Dabei liegt dort ein „alter Knacker“ – als solcher fühlt sich auch Koitzsch. „Hast ja noch ein paar Jahre bis zur Rente“, muntert der Rechtsmediziner den Kommissar auf.
Diesem besonderen Fernsehkommissar würde man tatsächlich noch gern weiter bis zur Rente zugucken. Doch leider müssen sich Peter Kurth und Peter Schneider als sein Kollege Michael Lehmann nach drei Fällen schon wieder vom Publikum verabschieden. Gestartet war das Hallenser „Polizeiruf“-Duo 2021 zum 50. Jubiläum der Reihe, und was das bestens eingespielte Kreativduo Clemens Meyer (Buch) und Thomas Stuber (Regie) mit ihren beiden Hauptdarstellern hier zeigte, ragte weit aus der Krimiroutine heraus.
Schauspieler verstehen Einstellung nicht
Doch vor einem Jahr verlautete der MDR, der „Polizeiruf“ aus Halle sei nur als „Trilogie“ angelegt gewesen, und versuchte sogar, die Produktion des letzten Falls als Erfolg zu verkaufen. „Mit dem ‚Polizeiruf 110‘ aus Halle geben wir Regionalität aus Sachsen-Anhalt eine bundesweite Bühne“, erklärte der MDR-Intendant Ralf Ludwig. Doch die Schauspieler verstehen das Ende bis heute nicht. „Geschichten über den Osten bzw. Menschen und Städte und Krimifälle im Osten, sollten auch von Leuten erzählt werden, die hier sozialisiert wurden“, fordert Peter Schneider, geboren in Zeitz, in einem Interview mit Hörzu. „Und da sind wir ein super Beispiel – das ganze Team kommt von hier und hat eine andere Sicht auf die Menschen, die hier leben und über die wir erzählen.“ Auf jeden Fall wurde der dritte Teil umbenannt. Während der Dreharbeiten hieß er noch „Der Schlüsselmacher“. Der Sendetitel „Der Wanderer zieht von dannen“ klingt sehr nach Abschied.
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Gelungene Sozialstudie - Der „Polizeiruf“ aus Halle
Der dritte Teil nimmt den ersten Fall aus Halle wieder auf, der 2021 unaufgeklärt geblieben war. Denn Henry Koitzsch entdeckt in der Wohnung einer alten Frau, die in der Badewanne gestorben war, eine blaue Ansteckblume – solch eine Blume lag auch in der Wohnung des damaligen Mordopfers. Ein Stuhl in der Wohnung der toten Dame weckt eine bedrückende Assoziation: Hat hier etwa ihr Mörder gesessen, sich in ihr Leben eingeschlichen? Dieser Verdacht spielt mit einer modernen Urangst: Ein Fremder bewegt sich heimlich durch unsere intimsten Räume. Im Kieler „Tatort“ gab es vor Jahren ein Pendant: Damals spielte Lars Eidinger den „stillen Gast“, der sich in den Wohnungen von Frauen einnistete – und zwar drei Folgen lang!
Mehrfach ausgezeichnet – und trotzdem keine Fortsetzung
Bald entwickelt sich der „Polizeiruf“ zum Thriller – und Regisseur Stuber versteht es wirklich, zu schocken. Auch der dritte Fall aus Halle besitzt wieder eine besondere Atmosphäre, hier wird viel über Bilder erzählt. Die Dialoge sind lakonisch, mitunter spartanisch knapp. Viel Spannung steckt auch in einer zweiten Spielebene: Die leichtlebige Katrin, schon im ersten Fall dabei und wieder umwerfend von der Hallenserin Cordelia Wege gespielt, glaubt, einer ihrer vielen Ex-Lover schleiche durch ihre Wohnung. Sie freundet sich mit der verhärmten Rita (Jule Böwe) an – und ahnt nicht, welches Geheimnis diese Frau versteckt.
Warum es für die ARD, die allein in Deutschland knapp 50 Krimiteams unterhält, keinen Weg gibt, diesen herausragenden, ostdeutsch geprägten und mehrfach ausgezeichneten „Polizeiruf“ weiterzuführen, bleibt das größte Rätsel – und ein Armutszeugnis. Beim ZDF ist Peter Schneider weiter aktiv: Im „Thüringenkrimi“ spielt er in einer Nebenrolle einen Pathologen in Jena.
„Polizeiruf 110“: Der Wanderer zieht von dannen – So, 15.2., 20.15 Uhr, ARD
