Zauber unerwünscht: Mirga Grazinyte-Tyla gibt ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern
Mit seinem Ballett „Romeo und Julia“ schuf Sergej Prokofjew eine seiner stilistisch reichsten Partituren. Der Komponist hat selbst in seiner Musik Klassisches, Modernes, Motorisches und Lyrisches ausgemacht, und in „Romeo und Julia“ begegnet man dem allen, am wenigsten wohl dem Modernen. Das Lyrische steigert sich jedoch in großen melodischen Bögen ins schier Romantische.
Der Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla, die am Donnerstag mit einer Auswahl aus den Ballett-Suiten bei den Berliner Philharmonikern debütierte, liegt vor allem das Motorische. Viele Passagen, deren lyrisch-melodische Strukturen nach Abstufungen in Lautstärke und Phrasierung verlangen, geraten unter ihrer Leitung ebenfalls motorisch. Im Mittelteil gleich des ersten Stücks „Die Montagues und die Capulets“ verschwindet die Melodie unter der gleichförmigen Begleitung.
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Auch im Masken-Stück gerät die Pointe eines kleinen, in verschiedenen Artikulationen und Zusammenhängen der Melodie auftauchenden Wechselnoten-Motivs unter die Räder einer Phrasierung, die zwischen Anfang, Mitte und Ende einer Melodie nicht unterscheidet und ihnen die Sprachfähigkeit nimmt. Die mit trockenen Akkordschlägen gegliederte Trauermusik auf „Tybalts Tod“ nimmt sie zu schnell, die schmerzhaft gewundenen Melodien müssen sich sputen, um mit den Akkordschlägen mitzuhalten, dabei könnte zwischen dem Regelmaß der Schläge und dem ausbrechen wollenden Ausdruck der Melodien große Spannung entstehen.Als einmal ein kurzes, von Grazinyte-Tyla nicht dirigiertes Flötenduett das Julia-Thema vorstellt, versteht man, dass der Zauber dieser Musik in einer flexiblen, melodisch orientierten Temponahme liegt. Aber zaubern will diese überaus exakte, ja geradezu übertrieben akkurate Dirigentin nicht.
Weit weg von „Star Wars“-Märschen
Was sich an „Romeo und Julia“ beobachten lässt, war vor der Pause höchstens zu ahnen. Mieczyslaw Weinbergs Suite aus „Burattino und das goldene Schüsselchen“ erklingt als gefällig-lustige, leidlich fantasievolle und wiederholungsselige Kindermusik, während das Klavierkonzert des als Filmkomponist bekannten John Williams in europäischer Erstaufführung eher Ratlosigkeit hinterlässt.Jeder der drei Sätze ist angeblich von einem Jazzpianisten inspiriert, die Tonsprache ambitioniert-avanciert und weit weg von „Star Wars“-Märschen, aber so richtig in die Hand bekam der über 90-jährige Komponist sein Material nicht, der Verlauf wirkt improvisiert. Emanuel Ax, der das Stück uraufgeführt hat, ist auch in Berlin der Solist. Sein eher korrektes als hingebungsvolles Spiel hängt auch mit der höchst unklaren Anlage des Ganzen zusammen. Selten ist das Verhältnis von Klavier und Orchester klar; wie die musikalischen Initiativen verteilt sind, von wo sie ausgehen, wer sie aufnimmt, das konnten weder die Dirigentin noch der Solist erklären.
