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Ungarn: Warum Péter Magyar plötzlich Positionen von Orbán übernimmt

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18.02.2026

Zwei Monate vor der Parlamentswahl am 12. April spitzt sich der Wahlkampf in Ungarn dramatisch zu. Wenige Wochen vor den wohl wichtigsten Wahlen in Europa in diesem Jahr ist die oppositionelle konservative Tisza-Partei in mehreren Umfragen vor der nationalkonservativen Regierungspartei Fidesz von Ministerpräsident Viktor Orbán. Der Vorsprung wird je nach Institut auf acht bis zehn Prozentpunkte geschätzt.

Doch während viele etablierte Akteure in Brüssel, Berlin und Paris auf einen klaren proeuropäischen Kurswechsel in Budapest hoffen, zeigt sich beim genaueren Hinsehen ein differenziertes Bild. Herausforderer Péter Magyar, der im Vorfeld der Wahl von der Brüssel-Blase als eine Art revolutionärer Held stilisiert wird, übernimmt in zentralen Fragen zunehmend Argumentationslinien der Orbán-Regierung. Insbesondere zur Ukraine und zur Migration.

Ukraine: Keine „beschleunigte“ EU-Aufnahme

Magyar hat sich beispielsweise am Rande der kürzlich stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz klar gegen einen schnellen EU-Beitritt der Ukraine positioniert. „Die ungarische Opposition unterstützt den beschleunigten Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union nicht“, sagte er vor ungarischen Journalisten.

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Magyar verwies dabei auf die formalen Bedingungen der EU-Erweiterung: „Die Haltung vieler EU‑Staats- und Regierungschefs ist, dass alle Beitrittskandidaten die Kopenhagener Kriterien erfüllen müssen, bevor sie in die EU aufgenommen werden.“ Eine solche Positionierung hätte auch von Orbán stammen können, monieren zum Beispiel proukrainische Accounts in den sozialen Medien.

In der Tat: Inhaltlich deckt sich Magyars Haltung mit der Linie Orbáns, der sich seit Beginn des Krieges im Nachbarland als Bremser einer vertieften EU-Integration Kiews positioniert. Auch im Europäischen Parlament stimmten Tisza-Abgeordnete mehrfach gegen Formulierungen, die eine stärkere Unterstützung der Ukraine oder eine schärfere Verurteilung Russlands vorsahen.

Magyar betont zwar, Ungarn werde „künftig von Neuem ein nützliches, glaubwürdiges, aktives und konstruktives Mitglied der EU und der Nato sein“, doch zugleich kündigte er an, die derzeitige Budapester Politik der Nicht-Unterstützung militärischer Maßnahmen nicht grundsätzlich zu revidieren.

Magyars Kurs wirkt dabei auch wahltaktisch motiviert. Umfragen zeigen seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine ausgeprägte Skepsis in weiten Teilen der ungarischen Bevölkerung gegenüber Waffenlieferungen und einer schnellen EU-Integration der Ukraine. Wer die Wahlen im April landesweit gewinnen will, kann sich nicht allein auf das eher weltoffene, EU-freundliche und minderheitenorientierte Milieu in Budapest stützen. In den ländlichen Regionen, wo Orbáns Fidesz traditionell stark ist, dominieren sicherheits- und souveränitätsorientierte Positionen. Eine allzu deutliche Abkehr von Orbáns außenpolitischer Linie würde für Magyar das Risiko bergen, genau jene Wechselwähler zu verlieren, die er für einen Machtwechsel dringend braucht.

Hungary’s opposition leader Péter Magyar:We do not support Ukraine’s accelerated EU accession. pic.twitter.com/ZTzbSHoSWb— Clash Report (@clashreport) February 16, 2026

Hungary’s opposition leader Péter Magyar:We do not support Ukraine’s accelerated EU accession. pic.twitter.com/ZTzbSHoSWb

Für Brüssel bedeutet das: Ein Regierungswechsel an der Donau-Metropole würde nicht automatisch eine Kehrtwende in der Ukraine-Politik garantieren.

Migration: Sicherheitsrhetorik statt klarer Abgrenzung

Auch in der Migrationspolitik zeigt sich eine taktische Annäherung an das „schwarze Schaf des Westens“, wie sich Orbán selbst süffisant nennt. Die oppositionelle Tisza-Partie lehnt – wie auch Fidesz – den EU-Migrations- und Asylpakt ab und plädiert für eine „Security first“-Migrationspolitik.

Orbán wiederum nutzt das Thema weiterhin als zentrales Mobilisierungsinstrument. In seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation warnte er vor einer „Tisza-Brüssel-Großkapital-Koalition“, die Ungarn in den Krieg hineinziehen und die Interessen ausländischer Akteure vertreten würde.

„Tisza ist eine Schöpfung Brüssels“, sagte Orbán in Budapest. Die „wahren Gegner“ seien „deren Herren in Brüssel“. Der 63-Jährige meint vor allem „die Deutschen“ in Brüssel: den Vorsitzenden der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, sowie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Zugleich stilisiert sich Orbán als Garant nationaler Souveränität. „Wir werden nicht zulassen, dass Ungarn das Stimmrecht entzogen wird.“ Und mit Blick auf den Ukraine-Krieg betonte er erneut, nur er könne Ungarn „aus dem Krieg heraushalten“.

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Magyar vermeidet in diesen Fragen eine offene Konfrontation mit der dominanten Regierungsrhetorik. Statt Orbáns Kurs bei Ukraine oder Migration frontal anzugreifen, wählt er eine vorsichtige, teils ähnliche Wortwahl und betont nationale Interessen ebenso wie europäische Verpflichtungen. Politische Beobachter, die Magyar nahestehen, sehen darin eine bewusste Strategie. Magyar versuche damit, Orbáns zentrales Wahlkampfnarrativ zu entschärfen, das ihn als „Brüsseler Marionette“ oder als verlängerten Arm ausländischer Interessen darstellt, heißt es in einem Bericht der Brüsseler Denkfabrik European Policy Centre.

Indem Magyar in sensiblen Fragen keine scharfen Gegenpositionen formuliert, nimmt er diesem Vorwurf die Grundlage – oder zumindest die Schärfe – und signalisiert Wählern außerhalb des liberalen Großstadtmilieus, dass auch der Orbán-Herausforderer nationale Souveränität nicht leichtfertig preisgeben würde.

Ungarn-Wahlen: Zwischen Bruch und Kontinuität

Magyar, einst übrigens selbst jahrelang Teil der Fidesz-Partei, verspricht einen „Regimewechsel“ und tritt mit einem Anti-Korruptionskurs an. Er wirft Orbán und dessen Umfeld vor, staatliche Strukturen zur Selbstbereicherung zu nutzen. Gleichzeitig signalisiert der 44-Jährige in sensiblen Politikfeldern Kontinuität.

Analysen des Abstimmungsverhaltens im Europäischen Parlament zeigen, dass Tisza-Abgeordnete zwar mehrheitlich mit proeuropäischen Kräften stimmen, in zentralen Fragen jedoch auffällig häufig mit Fidesz übereinstimmen oder sich enthalten. Die Beteiligungsquote der Tisza-Abgeordneten liegt zudem deutlich unter dem Parlamentsdurchschnitt, kritisieren Orbán-nahe Medien. Für die EU ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild. Orbáns mögliche Abwahl wäre für die liberale Brüssel-Blase ein symbolisch großer Sieg, doch ein einfacher „Reset“ der Beziehungen nach Budapest ist bei weitem nicht garantiert.


© Berliner Zeitung