„Moderater Orbán“? Warum Bulgarien in den Fokus der EU rückt
Am Sonntag wählt Bulgarien. Und das zum achten Mal in nur fünf Jahren. Doch diese Parlamentswahl ist eine Abstimmung, die weit über die Hauptstadt Sofia hinausreicht. In Brüssel wächst die Sorge, dass nach der Abwahl Viktor Orbáns am vergangenen Wochenende ein neues EU-Land auf Konfrontationskurs gehen könnte. Im Zentrum dieser Debatte steht ein Mann: Rumen Radew.
Der ehemalige Präsident, Ex-Kampfjetpilot und politische Quereinsteiger führt mit seiner neu gegründeten Bewegung „Progressives Bulgarien“ deutlich in den Umfragen. Rund 30 Prozent werden ihm prognostiziert. Er liegt somit weit vor seinem Rivalen, dem konservativen Ex-Regierungschef Bojko Borissow, der übereinstimmenden Umfragen zufolge bei etwa 21 Prozent liegt. Liberale und rechte Parteien folgen danach, linke Parteien vereinen zwischen zwei und vier Prozent auf sich.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Radew gewinnt. Sondern: Was für ein Gewinner er eigentlich wäre. Immer wieder ist von einem „moderaten Orbán“ die Rede.
Zwischen Systemkritik und geopolitischer Ambivalenz
Radew inszeniert sich als Gegenentwurf zur alten politischen Klasse. Korruption, Oligarchie, soziale Ungleichheit. All das stellt der ehemalige General ins Zentrum seiner Kampagne. Nach Jahren politischer Lähmung trifft Radew damit einen Nerv. Bulgarien gilt als ärmstes EU-Land, die Bevölkerung ist „erschöpft von einer anhaltenden politischen Krise“, wie es in einer Analyse bei Euronews heißt.
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Tatsächlich hat das EU- und Nato-Land seit 2021 mehr Übergangsregierungen als stabile Kabinette erlebt. Koalitionen zerbrechen in dem südosteuropäischen Land regelmäßig, das Vertrauen in Institutionen ist massiv beschädigt. Radew verspricht, diese Blockade zu durchbrechen und präsentiert sich als pragmatischer Machtpolitiker. Doch genau hier beginnt das Problem aus Sicht des europäisch-zentristischen Establishments.
Radew hat sich wiederholt gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen und Sanktionen gegen Russland kritisiert. Militärhilfe, so seine Argumentation, verlängere den Krieg. Eine Position, die ihn bereits 2023 in offenen Konflikt mit dem ukrainischen Präsidenten brachte.
Für Kritiker ist das ein Warnsignal. Die Politologin Emilia Zankina spricht offen von einem möglichen „Trojanischen Pferd“ innerhalb der EU. Andere warnen vor einem zweiten Viktor Orbán auf dem Balkan. Doch die Analogie greift zu kurz.
Der Analyst Ruslan Stefanov beschreibt Radew im Kyiv Independent eher als „politisch strategisch ambivalent gegenüber Russland“, dessen Positionen ihn „für den Kreml nützlich erscheinen lassen“, ohne ihn eindeutig als pro-russisch festzulegen. Auch in Bulgarien selbst sehen viele Experten Unterschiede. Radew sei kein ideologischer Hardliner, sondern ein cleverer Taktiker. Seine Rhetorik richte sich gezielt an euroskeptische und russlandfreundliche Wählergruppen – ohne dass daraus zwingend eine fundamentale Abkehr vom Westen folge.
Bulgarien: Macht ohne Mehrheit
Hinzu kommt ein strukturelles Argument gegen die Orbán-These. Bulgarien ist politisch enorm fragmentiert. Selbst bei einem Wahlsieg wird Radew auf Koalitionspartner angewiesen sein. Und diese sind zahlreich, widersprüchlich und oft unberechenbar.
„Das Hauptrisiko ist nicht, dass Bulgarien über Nacht ein zweites Ungarn wird“, sagt Stefanov. „Sondern dass eine Regierung unter Radew EU-Positionen verzögert, verwässert oder rhetorisch untergräbt.“ Das klingt zwar weniger dramatisch, ist aber für die EU kaum weniger problematisch. Denn schon Ungarn hat gezeigt, wie effektiv ein einzelner Mitgliedstaat Entscheidungen verzögern kann.
Der Nährboden für diese Entwicklung ist tief. Russische Einflussnetzwerke gelten in Bulgarien als „langfristig und tief verankert“. Hinzu kommt eine historische und kulturelle Nähe, die bis in die Zeit des Kalten Krieges und darüber hinaus zurückreicht. Russland wird von Teilen der Bevölkerung nicht nur als geopolitischer feindlicher Akteur, sondern als traditioneller Partner wahrgenommen. Diese Haltung spiegelt sich auch in Medienlandschaften und öffentlichen Debatten wider, in denen prorussische Narrative immer wieder Resonanz finden. Gleichzeitig ist die bulgarische Gesellschaft gespalten. Während die Unterstützung für EU und Nato in urbanen Zentren wächst, bleiben prorussische Einstellungen, besonders abseits der Hauptstadt Sofia, omnipräsent.
Hinzu kommen wirtschaftliche Sorgen. Trotz Euro-Einführung klagen viele Bürger über steigende Preise und stagnierenden Wohlstand. Proteste gegen Korruption und soziale Ungleichheit haben zuletzt Hunderttausende mobilisiert. Radew kanalisiert diese Unzufriedenheit und verbindet sie mit einer außenpolitischen Linie, die bewusst Distanz zum westlichen Mainstream signalisiert.
Radew selbst weist den Vorwurf eines antiwestlichen Kurses zurück und argumentiert stattdessen mit einer eigenständigen europäischen Linie. „Ich bin ein Mann der Pflicht“, sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung vor einigen Wochen. Er sei dem „Ruf des bulgarischen Volkes gefolgt“, um ein „modernes, demokratisches und freies europäisches Land“ zu schaffen. Zugleich inszeniert er seinen politischen Neustart als Reaktion auf ein System, das „gewissen oligarchischen Interessen dient“. Bürger müssten sich „absolut frei fühlen“ und ihr wirtschaftliches Potenzial entfalten können.
Außenpolitisch wird diese Position konkreter – aber auch widersprüchlicher. Einerseits wirbt Radew für eine stärkere europäische Verteidigungsfähigkeit und bezeichnet Investitionen wie jene des Rüstungskonzerns Rheinmetall als „entscheidenden Schritt nach vorn“ für Technologie und strategische Zusammenarbeit. Andererseits fordert er einen Kurswechsel im Ukraine-Krieg. „Wir müssen mit Russland reden“, sagt Radew. Ohne Dialog drohe eine Sicherheitsarchitektur, die auf „Rivalität und ständigem Kriegsdenken“ beruhe. Die bisherigen diplomatischen Möglichkeiten seien „noch nicht ausgeschöpft“.
Die Einführung des Euro sei für Radew „die Realität“, sie könne Vorteile bringen, sei aber politisch schlecht abgefedert worden. Die Regierung in Sofia habe es versäumt, Preissteigerungen zu kontrollieren und „finanzielle Puffer“ für die schwächsten Teile der Bevölkerung zu schaffen. Für Radew ist das mehr als ein ökonomisches Problem. Es ist ein Beleg dafür, dass europäische Integration ohne soziale Absicherung politisch an Akzeptanz verliert.
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Ist Radew also der nächste Orbán? Die nüchterne Antwort lautet: wahrscheinlich nicht. Er verfügt weder über die institutionelle Machtbasis noch über die ideologische Geschlossenheit des ungarischen Langzeitministerpräsidenten. Auch die bulgarische Parteienlandschaft ist zu zersplittert, um eine ähnliche Dominanz zu ermöglichen.
Und doch wäre sein Wahlsieg mehr als nur ein innenpolitischer Kurswechsel. Radew steht für ein Europa, das nicht mehr eindeutig entlang der Brüsseler Linie funktioniert. Für ein Europa, in dem nationale Interessen, geopolitische Skepsis und strategische Mehrdeutigkeit stärker werden. Ein Radew mag vielleicht nicht der nächste Orbán sein. Aber vielleicht der nächste Beweis dafür, dass die EU ihre Einheit nicht mehr als selbstverständlich betrachten kann.
