Yanis Varoufakis: China bereitet sich wider Willen auf Ausstieg aus dem Dollar vor
Yanis Varoufakis ist überzeugter und enttäuschter Europäer. Als griechischer Finanzminister stemmte sich der Ökonom gegen die harten Austeritätsauflagen der Troika gegen sein Land. Heute warnt er vor neuen Schulden für Panzer. Er sagt, engagiert wie eh und je, im Video-Interview, dass die Technologie-Giganten die Geopolitik verändern. Varoufakis warnt Europa und vor allem Deutschland: Es brauche einen radikalen Politikwechsel, um nicht zwischen den Fronten zerrieben zu werden.
Herr Varoufakis, in einem sehr originellen Buch erklären Sie, dass wir in einer Zeit des Techno-Feudalismus leben. Nur noch wenige reiche Tech-Unternehmen mit angeschlossenen Regierungen beherrschen die Welt. Ist das Ansinnen von Donald Trump, Grönland zu kaufen, Ausdruck dieser Entwicklung?
Es hängt nicht direkt damit zusammen, aber es passt ins Bild. Landraub oder Landaneignung haben in Europa eine lange Tradition. Donald Trump hat recht: Die Dänen hatten ein paar Schiffe hingeschickt und das Land in Besitz genommen. Oder denken Sie an Nordamerika: Wir haben Schiffe hingeschickt und das Land einfach gestohlen. Zur Erklärung von Grönland braucht man das Konzept des Techno-Feudalismus nicht. Aber denken Sie an das ikonische Foto, auf dem bei seiner Inauguration die verschiedenen Tech-Lords um Trump herumstehen. Die großen Technologiekonzerne sind die Machtbasis jeder Regierung. Doch diese Macht ist etwas anderes als früher der Kapitalismus: In der Industrialisierung wurden Maschinen gekauft, um etwas zu produzieren. Sie hatten einen Traktor, um Weizen zu produzieren. Sie hatten Dampfmaschinen, um Textilien zu erzeugen. Mit Robotern haben Sie Autos hergestellt. Die Technologiekonzerne produzieren nichts. Sie stellen die direkte Verbindung mit den Menschen her und stecken diese in eine Art digitales Fürstentum, für deren Benutzung sie eine Art Miete verlangen – und zwar von Käufern und Verkäufern von Produkten. Anbieter wie Amazon, Uber und Airbnb sind, obwohl sie so aussehen, keine freien Märkte. Kunden und Verkäufer sind total ausgeliefert. Sie können nicht direkt miteinander Kontakt aufnehmen – außer durch den Algorithmus. Der Algorithmus arbeitet wie Gosplan – das zentralwirtschaftliche Komitee für Wirtschaftsplanung in der Sowjetunion. In dem Moment, wo man dieses System betritt, verlässt man den Boden des Kapitalismus. Die Konzerne, die diesen „Cloud-Kapitalismus“ betreiben, nehmen außerdem 40 Prozent des Preises. Sie kassieren also enorme Summen, ohne dafür etwas zu produzieren. Die gigantischen Summen, die die Unternehmen kassieren, geben ihnen eine ungeheure Macht. Henry Ford hatte niemals solche Macht, Walmart hat sie nicht – außer sie bewegen sich in ihre eigene Cloud. Wegen dieser Macht hat sich Trump die Tech-Lords geholt. Denn er weiß, es steht nicht zum Besten um die USA: Die verarbeitende Industrie liegt weiter hinter China zurück, die USA machen noch einen viel geringeren Anteil am globalen Bruttosozialprodukt aus, das Land ist massiv überschuldet. Trotzdem hat das Land so viel Geld wie nie zuvor. Donald Trump kann heute sagen, ich möchte heute Venezuela und morgen vielleicht, keine Ahnung, Grönland, weil die neuen Tech-Feudalisten ihm das Geld geben, das sie wegen ihrer Mieten im Übermaß einnehmen. Diese Unternehmen sind in den USA und in China konzentriert, niemand kann da mithalten. Einer der Gründe, warum Europa den Kampf gegen Trump verlieren wird – nicht nur den Kampf um Grönland – liegt darin, dass Europa das Cloud-Kapital fehlt, das die Hegemone so stark macht. Niemand außer den USA und China verfügt über dieses gigantische Kapital, und das hat entscheidenden Einfluss auf alle geopolitischen Fragen.
Früherer Vizepräsident des BND: „Europa ist eine digitale Kolonie der USA“
19.01.2026
Sie schreiben, dass die Ölkonzerne nur so mächtig werden konnten, weil sie Bohrlizenzen vom Staat bekamen. Haben wir es jetzt auch mit einem neuen Verhältnis von Staaten und privatem Geld zu tun?
In unseren liberalen Denkmodellen möchten wir gerne glauben, wir hätten es mit zwei miteinander wetteifernden Polen zu tun – dem Staat und dem Markt, der Regierung und privatem Kapital. Das ist eine Illusion. Der private Sektor wäre niemals in der Lage, ohne die Rückendeckung des Staates zu agieren. Der Kapitalismus wäre in England oder Amsterdam niemals ohne einen starken Staat entstanden. Henry Ford hat 1918 eine Zeitung gekauft, mit dem Ziel, Druck auf die Politiker ausüben zu können, damit er an öffentliche Aufträge kommt. Staat und Kapital waren immer verwoben, das ist nicht neu. Was neu ist, ist die enge Verbindung zwischen dem Staat und dem Cloud-Kapital: Henry Ford hat etwas produziert, nämlich Autos. Die Tech-Konzerne produzieren nichts. Sie haben aber die Macht, von der gesamten Wirtschaft Mieten in unvorstellbarer Höhe einzutreiben. Und diese Macht versetzt die........
