Hohenzollerngruft im Berliner Dom saniert: Särge voller Macht
Sechs Jahre war die Gruft mit den Prachtsärgen der Hohenzollern-Dynastie unter dem Berliner Dom geschlossen. Jetzt öffnet sie wieder, die sanierten Säle und neu geordneten Särge können wieder besucht werden. Sie stellten eine Attraktion dar, seit sie 1999 zugänglich geworden waren. 2019, im letzten Jahr vor der Schließung, besuchten 765.000 Menschen Dom und Gruft.
Eine Attraktion wird es künftig erst recht sein, denn es ist gelungen, in der Gruft eine Atmosphäre zu schaffen, die Besucher in ihren Bann schlagen dürfte: Zartes, aus den Gewölbepfeilern oben austretendes Licht erhellt dezent die Deckenwölbungen und zaubert einen „Himmel unter Berlin“. Jedes einzelne Kunstobjekt, denn auch das sind die Särge, erhält durch einzelne dezente Spotlights eine eigene Akzentuierung.
Diese Hohenzollern machten Geschichte
Tatsächlich überspannt dieser Himmel 91 erhaltene Sarkophage mit den sterblichen Überresten von Angehörigen der Dynastie, die 500 Jahre lang vom benachbarten Schloss aus ein immer weiter ausgreifendes Reich regierte. Man mag zur Monarchie im Allgemeinen und den Hohenzollern im Besonderen stehen, wie man will, aber die hier ruhenden Persönlichkeiten haben hierzulande überall in der Geschichte ihre Spuren hinterlassen: seit 1415 als Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, seit 1525 als Herzöge in Preußen, seit 1701 als preußische Könige – und schließlich von 1871 bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1918 als Deutsche Kaiser.
Restaurierung des Berliner Doms: „Der Tambour ist das Herzstück“
Studieren im Staatsrat: Wo Jungmanager in Honeckers Büro chillen
Die Sarkophage und Särge stehen nun, wie bei der Einweihung des Berliner Doms im Jahr 1905, wieder chronologisch angeordnet. Die hohen Gitter, die Besucher vor der Sanierung auf Distanz hielten, sind durch dezente flache schwarze Geländer ersetzt. Darauf stehen, selbst im sanften Licht gut lesbar, die Namen der jeweils dort Ruhenden.
Man kann ihnen nun sehr nahe kommen – nicht nur den Mächtigen, Großen in ihren kunstvoll, teils mehr als üppig gestalteten Behältnissen, sondern auch den Kleinen: 33 der hier in oft winzigen Särgen zur letzten Ruhe Gebetteten sind Kinder, manche namenlos geblieben, weil sie zu bald nach der Geburt verstarben. Heinrich Markgraf von Brandenburg wurde nur sieben Tage alt, seine Zwillingsschwester Amalie folgte ihm zweieinhalb Monate später. Die hohe Kindersterblichkeit machte auch vor Hochadel und Majestäten nicht halt.
Und dann steht man vor der gewaltigen, hellgrauen Steinkiste, in der Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, ruht, der das Land nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges stabilisierte und die Hugenotten dauerhaft ansiedelte. Gleich neben ihm seine Gattin Dorothea, im ebenso wuchtigen, aber schlichten Sarkophag, ganz schmucklos, nur die goldene Namensinschrift funkelt dezent.
Eine Reihe dahinter, die Sarkophage eine Nummer kleiner: König Friedrich I., erster König in Preußen, und seine beliebte zweite Ehefrau, Königin Sophie Charlotte, die hochgebildet und sehr musikalisch Kunst, Kultur und Wissenschaft in Berlin zur Blüte verhalf. Im Bezirksnamen Charlottenburg ist sie bis heute präsent, wie auch ihr Schloss daselbst. Ein paar Schritte weiter liegen die sterblichen Überreste von Kurfürst Joachim Friedrich, der den ersten Finow-Kanal zwischen Oder und Havel graben ließ und das Joachimsthaler Gymnasium gründete. Und man begegnet Königin Sophie Dorothea, Mutter von Friedrich II.
Die Geschichte macht die Hohenzollerngruft im Dom zu einer der wichtigsten dynastischen Grabstätten Europas. Die Fachwelt stellt sie in einen Rang mit der Kapuzinergruft in Wien oder dem Escorial bei Madrid. Die Ursprünge reichen bis in das Jahr 1536 zurück, als der Hohenzoller Kurfürst Joachim II. zur Legitimierung der Dynastie eine Gruft unter dem damaligen Dominikanerkloster legte. Die Särge und Sarkophage dienten stets auch als Demonstration dynastischer Macht – beruht doch der Anspruch des Adels, die Gesellschaft und sogar den Staat zu führen, ausschließlich auf dem Ruhm der Vorfahren.
Bis zur Abschaffung der Monarchie im Jahr 1918 war die Gruft die zentrale Begräbnisstätte des Herrscherhauses. Öffentlich zugänglich wurde der über Jahrhunderte private Ort erst 1999, als der kriegszerstörte Dom wieder aufgebaut war. Die vielen Besucher und damit einhergehende klimatische Belastungen hatten seither den Särgen zugesetzt, Furniere der Holzsärge hatten sich gelöst, Schimmel sich breitgemacht. Die Luft war stickig.
Mehr als zehn Jahre dauerte die Planung der Sanierung, sechs Jahre währten die eigentlichen Bauarbeiten. Nun sind die Technik erneuert, ein barrierefreier Zugang ermöglicht, das Raumklima stabilisiert, die Sanitäranlagen modern.
Historische Einigung mit den Hohenzollern: Prinz von Preußen gibt auf
Historisch und prunkvoll: Kennen Sie diese schönen Dome und Kirchen in Berlin?
Auch die Ausstellungskonzeption hat sich verändert. Der Besuch der Gruft ist nun Teil eines großen Domrundgangs; Besucher gelangen von der Predigerkirche in die Grablege – allerdings liegt zwischen dem Trubel der Kirche und der Stille der Gruft ein Raum, der die Menschen zur Ruhe kommen lässt, emotional einstimmt und die Information vermittelt, die die Grablege selbst nicht gibt, denn diese sei kein Museum, wie Kuratorin Birgit Walter betont. In diesen Übergangsaum finden sich auch einige besonders eindrucksvolle Ausstellungsstücke – wie die Totenmaske des 1713 verstorbenen König Friedrich I. oder das Kleidchen der nach einem kurzen Lebensjahr verstorbenen Charlotte Albertine Prinzessin zu Preußen, die prachtvoll ausgestattet in goldener Seide bestattet wurde.
Mit den ursprünglich geplanten Kosten von 17,3 Millionen Euro kam die Sanierung nicht aus. Es sind rund 29,5 Millionen Euro geworden. Der Bund gab etwa zehn Millionen Euro, das Land rund neun Millionen, den Rest brauchte die Domgemeinde auf, die sich damit verausgabt habe, wie Dombaumeisterin Sonja Tubbesing vor Pressevertretern am Mittwoch sagte.
Domprediger Stefan Scholpp gab seiner Freude über das vollendete größte Vorhaben seit der Wiedereröffnung des Doms auf seine Weise Ausdruck: „Tote sollen umbetet sein“, sagte er. Das könne der Dom nun wieder leisten, man lebe nun „gemeinsam mit den Toten im Haus“, das nun wieder mit allen drei Teilen vollständig sei: mit Predigerkirche, Tauf- und Hochzeitskirche und der Grablege.
Alle hoffen nun mit der neuen Attraktion auf wachsende Besucherzahlen. Der Besuch einschließlich Gruft und Kuppel mit grandioser 360-Grad-Sicht kostet künftig 15 Euro, fünf mehr als bisher, dafür gibt es aber auch mehr zu sehen, mehr Komfort und der Audioguide ist inklusive.
