„The Moment“ mit Charli xcx: Warum die Sängerin darin den Rapper Haftbefehl kopiert
Wann haben Sie sich zum letzten Mal „brat“ gefühlt? Die meisten von Ihnen wahrscheinlich im Jahr 2024, als die britische Sängerin Charli xcx mit ihrem gleichnamigen Album mit dem knallgrünen Cover und dem schwarzen Schriftzug den „Brat Summer“ ausgelöst und dabei weltweit die Charts erobert hat. Ihre Fans feierten sie für den unbeschwerten Party-Lebensstil, den sie mit ihrer Musik verkörpert.
Sogar die damalige amerikanische Vizepräsidentin und Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris sprang auf den „Brat“-Zug auf und nutzte die giftgrüne Cover-Farbe für ihre Accounts in den sozialen Netzwerken. Charli xcx bezeichnete Harris sogar persönlich als „brat“ und auch die Social-Media-Kanäle der Nato und der deutschen Grünen Partei wurden in der „Brat“-Ästhetik entsprechend eingefärbt.
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Das klingt natürlich jetzt alles viel uncooler, als die mittlerweile 33-jährige Musikerin eigentlich ist. Ihre Konzerte jedenfalls fühlen sich wie eine große Boiler-Room-Party an, mit wenig Schlaf, viel Wodka Soda und noch viel mehr Zigaretten. Sie steht da mit Sonnenbrille, leicht zerzaustem Haar und ohne BH auf der Bühne und singt über einen freizeitorientierten Lifestyle fernab der Clean-Girl-Ästhetik.
„Brat“ hat es jetzt sogar auf die große Leinwand geschafft. Charli xcx spielt die Hauptrolle in der Mockumentary „The Moment“, also einer gewitzt fiktionalisierten Dokumentation über sich selbst und den Versuch, den „Brat Summer“ aus dem Jahr 2024 weiterleben zu lassen. Der Film feierte am Samstagabend auf der Berlinale seine Premiere. Charli xcx ist darin auf dem Hoch ihres Erfolgs; und die Musikindustrie möchte die Chance nicht ungenutzt lassen, weiter Profit aus dem „Brat Summer“ zu schlagen.
Dafür planen das Label und ihr Management einen Konzertfilm. Eine wilde Bühnenshow vor einem großen Publikum soll dafür inszeniert werden. Charli xcx will eigentlich alles wie immer machen, aber da ist dieser übergriffige Regisseur Johannes (Alexander Skarsgård), der seine ganz eigene Vision von „Brat“ hat und versucht, den schroffen Stil von Charli xcx massentauglich zu verbiegen.
Charli xcx kämpft in „The Moment“ gegen die eigene Kommerzialisierung
Regisseur Aidan Zamiri, also der echte Regisseur von „The Moment“, der bereits Werbefilme sowie Musikvideos, unter anderem von Billie Eilish, inszenierte, feiert mit dem Film sein Langfilmdebüt und versucht darin, Charli xcx als Künstlerin zu zeigen, die außerhalb der seelenlosen Musikindustrie steht. Regisseur Johannes möchte ihre Bühnenshow möglichst familientauglich machen. Keine Techno-Club-artigen Stroboeffekte mehr auf der Bühne, dafür aber leuchtende LED-Armbänder an den Handgelenken des Publikums, ganz wie bei der britischen Schmusepop-Band Coldplay, sollen die Ästhetik der Show dominieren.
Charli hingegen versucht, sich dagegen zu wehren. Als sie merkt, dass Johannes’ wildgewordene Ideen die Überhand nehmen, flüchtet sie kurz vor Beginn ihrer Tour lieber nach Ibiza, um sich dort in einem Luxushotel den Stress aus dem Körper massieren zu lassen. Die obligatorische Sonnenbrille ist natürlich auch dabei und auch ihre Freundin Kylie Jenner trifft sie dort auf der spanischen Insel für einen kurzen Plausch.
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Brenzlig wird es für Charlie xcx dann, wenn sie von ihrem spontanen Urlaub zurückkommt und sieht, dass das Konzert mittlerweile zu einer musicalartigen Show umgeplant wird. Da gibt es riesige, glitzernde Feuerzeuge, aus denen Flammen emporsteigen; und Charli soll an Akrobatikseilen, Taylor-Swift-gleich, durch die Lüfte geworfen werden. Sie kriegt grüne Extensions in die Haare geklammert und kunterbuntes Make-up ins Gesicht. Die ganze Situation spitzt sich dann noch zu, als eine Kreditkartenkampagne, die eine „Brat“-Karte anbietet, nach hinten losgeht und fast die ganze Bank und Charlis Fans in den Ruin treibt.
„The Moment“: Vollgepackt mit Produktplatzierungen
„The Moment“ will eine Parodie auf eine völlig entfesselte Musikindustrie sein, die nur noch Profit kennt und alles andere unterordnet. Charli xcx, das möchte der Film zeigen, will außerhalb dieses Systems stehen, denn ihre „Brat“-Ästhetik passt eben nicht in eine solche glatt gebügelte Industrie.
Doch ein bisschen verlogen ist das schon, denn „The Moment“ macht sich über die Kommerzialisierung der Musikindustrie lustig, ist aber gleichzeitig vollgekleistert mit Produktplatzierungen. Unzählige Male werden Produkte der Firma Beats Electronics gezeigt, dieses amerikanischen Herstellers für Kopfhörer und Audiolautsprecher. Mal steht eine Bluetooth-Box prominent auf dem Tisch, mal läuft Charli xcx mit ein paar dicken Beats-Kopfhörern durchs Bild wie Jamal Musiala aus dem Mannschaftsbus vom FC Bayern München.
Auch das Logo des italienischen Spirituosenherstellers Aperol wird gleich zu Beginn des Films eingeblendet, denn auch dieses alkoholische Kultgetränk wird in „The Moment“ prominent in Szene gesetzt. Wenn Charli xcx auf Ibiza liegt und sich einen Aperol Spritz bestellt, dann leuchtet das servierte Getränk so grell und knallorange, wie man es noch nie zuvor gesehen hat.
Sind weichgespülte Superstars wie Taylor Swift am Ende authentischer?
Selbst als eingefleischter Fan von Charli xcx muss man sich bei „The Moment“ am Ende ein bisschen verarscht vorkommen, denn so richtig glauben kann man diese Kritik an der profitgetriebenen Musikindustrie leider nicht. Man fühlt sich ein wenig an die Ende Oktober erschienene Netflix-Dokumentation über den Rapper Haftbefehl erinnert, die zeigt, wie schwer der Offenbacher vom immensen Druck der Musikindustrie mittlerweile gezeichnet ist. Da erklären zwar all die Weggefährten von Haftbefehl, wie hart und grausam diese Industrie doch ist, vergessen dabei aber glatt, dass sie selbst es waren, die den Offenbacher Rapper in seine Situation gebracht haben.
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Es soll wohl eine ironische Pointe sein, dass Charli xcx am Ende des Films sich gegen das Vorhaben des Regisseurs nicht wehren kann und Hauptfigur eines glatt gebügelten, familientauglichen Konzertfilms wird, bei dem sie die „Brat“-Ästhetik gegen ein Glitzeroutfit eingetauscht hat. Doch diese Schlusspointe des Films ist nicht ganz sauber, denn Charlis „Brat“-Ästhetik war bereits von Anfang an Teil des Systems, weil sie als marktfähiges Image der Popindustrie, der Politik und der Marken verwertet wurde.
Da ist eine Taylor Swift mit ihren gigantischen Stadion-Touren, der weichgespülten und völlig austauschbaren Musik, ihrem in Dauerbetrieb befindlichen Privatjet und abermillionen verkauften Alben vielleicht am Ende viel ehrlicher, als eine Charli xcx, die nur vorgibt, außerhalb dieses Systems zu stehen.The Moment. Panorama. 14.2., 21.30 Uhr (Zoo Palast), 15.2., 22 Uhr (Uber Eats Music Hall), 16.2., 10.45 Uhr (Colosseum 1), 17.2., 16 Uhr (Uber Eats Music Hall) Tickets auf: berlinale.de
