Kein Netz, kein Homeoffice: Was sechs Wochen Offline-Sein kosten
Es soll ja absolut gesund sein, mal eine Weile nicht im Internet zu surfen. Surfen, klingt überhaupt beschönigend für das oftmals verkrampfte Dahocken, während man auf eine Taste eindrischt, obwohl die gar nichts dafür kann, dass mal wieder nichts funktioniert.
Wer im analogen Leben surft, steht auf einem schmalen Brett, die Sonne und den Wind im Gesicht, das Meer oder ein anderes Wasser unter sich - ein Gefühl von absoluter Freiheit. Naja, dass das Bild entfernt mit der Wirklichkeit zu tun haben muss, merkt man erst, wenn einem das Brett unter den Füßen plötzlich wegzogen wird.
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Am 5. Januar stürzte bei uns plötzlich alles ab. Keine Netzwerkverbindung, meldete der Computer. Du bist offline, sagte der Musikstreamingdienst, „ich kann nicht arbeiten“, der Ehemann.
Nachmittags um vier, dann wenn man es gar nicht gebrauchen kann, ein Montag, noch lange vor dem Feierabend. „Kannst du mal den Router neu starten?“ „Hab ich schon“ „Und?“ „Nützt nichts.“ „Verdammte sch…“ Was man halt so sagt, wenn die Arbeit nicht fertig, der Zeitdruck hoch und Geduld nicht vorhanden ist.
Zum Glück haben wir da noch nicht gewusst, dass es sechs Wochen dauern würde, wieder Verbindung zur Außenwelt zu bekommen. Eigentlich kann man es auch rückblickend kaum glauben, aber so war es. Die Erklärung: Bei Bauarbeiten war ein Kabel durchtrennt worden. Dann kam der Frost. So einfach sind manchmal Zusammenhänge.
Der Trost der Großstadt
Berlin im Winter – ohne Internet. Vermutlich gibt es Schlimmeres. Endlich kann man abends mal in aller Ruhe durch die vereisten Straßen spazieren, anstatt dummes Zeug im Fernsehen anzusehen, eine Kneipe von früher und alte Freunde besuchen. Es ist Berlinale, Theatersaison, Schlittschuhzeit. Lesen kann man auch immer. Naja.
In den eigenen vier Wänden ist es nun überraschend still. Keine Geschäftsanrufe auf dem Festnetz, die betagte Mutter kommt auch nicht durch, weder Werbung noch Umfragen. Die Musik ist tot und Socialmedia auch. Kein Yoga über Youtube, dafür endlich mehr Bewegung mit Amtsgängen, im Laden einkaufen statt zu bestellen und wieder ins Büro fahren anstelle von Homeoffice.
Die Kinder im Ausland schweigen, denn Briefe schreiben oder mobil telefonieren ist ihnen zu mühsam oder zu teuer.
Dafür hat man den täglichen Kundenbetreuer des Kabelanbieters am Ohr. Echte Fürsorge, kein Ringkampf mit dem Chatbot. Das ist die gute alte Zeit. Echt und analog. Fast möchte man das immer haben.
Unbegrenztes Datenvolumen
Ungefragt wird das Mobiltelefon plötzlich mit unbegrenztem Datenvolumen aufgeladen, extra Simkarten landen im Briefkasten und Paketboten geben in schneller Folge mobile Route ab, die sich in jedem Winkel des Hauses aufstellen lassen. Man lernt auch die Nachbarn viel besser kennen, weil sie mitleidig ihre Passwörter rüberreichen, so dass man wieder Zugang hat über ihr heimisches Netz und an der digitalen Welt wenigstens ein bisschen teilhaben kann.
Klingt verlockend? „Hat mich 5000 Euro gekostet“, sagt der Ehemann. Aber jetzt ist das Internet ja zurück. Der Kampf um Entschädigung kann beginnen.
