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Warum Heidi Reichinneks Dienstwagen kein Skandal ist – aber ein politisches Desaster

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18.02.2026

Es gibt Bilder, die brauchen keinen Kommentar. Ein Video, das seit dem 13. Februar durch die sozialen Netzwerke geistert, zeigt die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, beim Aussteigen aus einem Audi A8. Konkret geht es um ein Auto mit einem Listenpreis von rund 100.000 Euro. Besonderes Detail: Das Kennzeichen trägt offensichtlich ihre Initialen sowie ihr Geburtsdatum, den 19. April.

Die Empörungswelle kam prompt, befeuert vor allem von der AfD. Man rief „SED-Nomenklatura!“, schrie „Doppelmoral!“ und genoss das Schauspiel einer Sozialistin neben der Oberklasse-Limousine. Und die Linke? Die Linke bleibt weitestgehend still.

Kein Regelverstoß – und trotzdem ein Problem

Halten wir zunächst die Fakten fest, bevor die Empörungsspirale jeden Boden unter den Füßen verliert: Bei dem Audi A8 handelt es sich um einen Dienstwagen der Fraktion der Linken im Bundestag, wie ein Fraktionssprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Ein Fraktionssprecher fügte hinzu: „Privat besitzt Frau Reichinnek kein Auto.“ Solche Dienstwagen gehören zum üblichen Repertoire der Bundestagsfraktionen und werden aus Fraktionsmitteln finanziert. Dass das Kennzeichen personalisierte Initialen trägt, ist bei Spitzenpolitikern keine Seltenheit.

De jure also: kein Skandal. Kein Regelverstoß. Keine Zweckentfremdung. Die Fraktionsvorsitzende nutzt ein Fraktionsfahrzeug, wie es ihr zusteht. Man könnte zur Tagesordnung übergehen.

Der Unterschied zwischen dürfen und müssen

Und doch wäre genau das der falsche Schluss. Denn die Frage ist nicht, ob Heidi Reichinnek einen Dienstwagen nutzen darf. Die Frage ist, ob eine Partei, die sich als Stimme der arbeitenden Klasse, der Geringverdiener und der Umverteilung von oben nach unten versteht, es sich leisten sollte, dass ihre Vorsitzende in einer 100.000-Euro-Limousine mit personalisiertem Kennzeichen zu Wahlkampfveranstaltungen vorfährt.

Die Antwort ist: Nein. Nicht, weil es verboten wäre. Sondern weil es politisch instinktlos ist – und weil es eine verpasste Chance offenbart, die symptomatisch für das Elend der deutschen Linken steht.

Wie andere es vorgemacht haben

Es gab und gibt Politiker, die verstanden haben, dass das Fortbewegungsmittel Teil der politischen Botschaft ist. Dass der Weg zur Arbeit eine Aussage sein kann – manchmal eine wirkungsvollere als jede Bundestagsrede.

José „Pepe“ Mujica, der im Mai 2025 verstorbene frühere Präsident Uruguays, fuhr auch im Amt mit einem hellblauen VW Käfer, Baujahr 1987. Als ihm jemand eine Million Dollar dafür bot, lehnte er ab – aus Loyalität gegenüber den Freunden, die ihm das Auto geschenkt hatten. Mujica spendete rund 90 Prozent seines Gehalts und lebte auf einem kleinen Bauernhof.

Seine Begründung war so einfach wie radikal: „Arm ist nicht, wer wenig besitzt, sondern wer immer mehr braucht.“ 1250 US-Dollar im Monat seien „mehr als genug“. Das war keine Askese-Performance für die Kameras. Das war die gelebte Konsequenz einer politischen Überzeugung: Wer die Privilegien der Macht genießt, verliert das Recht, im Namen der Machtlosen zu sprechen.

Hans-Christian Ströbele, der 2022 verstorbene Grünen-Abgeordnete aus Berlin-Kreuzberg, fuhr jahrzehntelang mit einem einfachen Fahrrad zum Bundestag – einem Rad, das, wie er selbst sagte, „fast 17 Jahre alt“ war. Er verzichtete auf den ihm zustehenden Dienstwagen und nutzte die Fahrbereitschaft nur, „wenn’s Wetter ganz grässlich ist“.

Seine Begründung war pragmatisch und politisch zugleich: In Berlin sei man mit Rad oder Bahn wegen Staus und Baustellen „fixer am Ziel“ als mit dem Auto – und wer für die ökologische Verkehrswende wirbt, sollte nicht dauernd im Auto vorfahren. Sein Fahrrad wurde so sehr zum Symbol, dass sich sogar das Deutsche Historische Museum dafür interessierte. Als Ströbele im Alter auf einen Rollator angewiesen war, nannte er ihn seinen „Porsche“. Das war nicht nur Ironie. Das war Haltung.

Auf dem Fahrrad, im Zug am Boden

Und es gibt weitere Beispiele: Der ehemalige niederländische Premierminister Mark Rutte fuhr demonstrativ mit dem Fahrrad ins Büro. Jeremy Corbyn saß im britischen Zug auf dem Boden, statt ein Upgrade anzunehmen. Roberto Fico, der frühere Präsident der italienischen Abgeordnetenkammer, reiste mit Regionalzügen nach Rom. Sogar aus dem eigenen Haus der Linken warb die frühere Vorsitzende Katja Kipping dafür, „dass alle mehr das Fahrrad und den öffentlichen Nahverkehr nutzen – entgeltfrei, nicht nur für Politiker.“

Allen diesen Politikern war eines gemeinsam: Sie verstanden, dass die Wahl des Verkehrsmittels eine Botschaft ist. Bescheidenheit, Nähe zu den Leuten, ökologische Konsequenz, Pragmatismus – vier Motive, die sich durch die Geschichte linker und grüner Symbolpolitik ziehen. Mujica, Ströbele, Kipping – sie alle wussten: Man kann nicht glaubwürdig für Umverteilung und gegen die Abgehobenheit der politischen Klasse streiten, wenn man selbst im Oberklasse-Audi vorfährt.

Man muss die Fahrbereitschaft ja nicht nutzen

Nun wird aus dem Umfeld der Linke-Fraktion argumentiert, dass ein Dienstwagen für die Fraktionsvorsitzende notwendig sei – aus Sicherheitsgründen, für die Wahrnehmung repräsentativer Aufgaben, für die Mobilität im Wahlkampf.

Einige verweisen auf die Notwendigkeit eines Dienstwagens für die Fraktionsvorsitzende. Die Berliner Linke nannte die Angelegenheit eine „Farce“. Nach Ablauf der gesetzten Frist teilte die Fraktion mit, in einem Bericht des Magazins Stern sei „alles Wesentliche und Richtige“ bereits dargestellt worden. Weitere Kommentare wollte die Fraktion nicht abgeben.

Diese Rechtfertigung ist wohlfeil. Ja, die Fahrbereitschaft des Bundestags existiert. 2022 wurden laut Bund der Steuerzahler rund 103.817 Mandatsfahrten mit bis zu 120 Fahrzeugen abgerechnet; die geschätzten Kosten lagen bei etwa 10,6 Millionen Euro, im Schnitt etwa 100 Euro pro Fahrt.

Der Bundesrechnungshof hat 2023 den Fahrdienst geprüft und unter anderem bemängelt, dass der tatsächliche Bedarf nicht ausreichend belastbar ermittelt wurde. Das System existiert. Aber: Eine Fraktionsvorsitzende der Linken muss es nicht in Form eines Audi A8 mit personalisiertem Kennzeichen nutzen.

Es gibt die Bahn. Es gibt Taxis. Es gibt Mittelklassewagen, die Sicherheit bieten, ohne das Signal einer Oberklasse-Limousine auszusenden. Es gibt sogar das Fahrrad – Hans-Christian Ströbele hat es vorgemacht, und Berlin ist nicht unsicherer geworden. Die Sicherheit der Fraktionsvorsitzenden lässt sich auch anders gewährleisten als mit einem Fahrzeug, dessen Listenpreis dem Doppelten eines durchschnittlichen deutschen Jahresnettoeinkommens entspricht.

Dass die Fraktion nicht einmal bereit ist, das Problem anzuerkennen, sondern auf einen Stern-Artikel verweist und ansonsten schweigt, verschärft den Eindruck: Hier hat jemand den Bezug zur eigenen Klientel verloren.

Ein Muster in der Partei

Das Traurige ist: Es ist nicht das erste Mal. Die Linke hat eine Geschichte von kleinen, symbolisch aufgeladenen Episoden, in denen das eigene Personal die Privilegien des Parlamentsbetriebs offenbar als selbstverständlich betrachtete – statt sie als das zu behandeln, was sie für eine linke Partei sein sollten: ein politisches Problem.

2016 geriet der Linke-Abgeordnete Norbert Müller aus Brandenburg intern in die Kritik, weil er den Parlamentsfahrdienst auffällig häufig nutzte – 60 Fahrten seit Ende 2014, darunter Fahrten von und zu seinem Wohnort beziehungsweise Wahlkreis, etwa um privat einen Anschlusszug zu erreichen. Kritisiert wurde insbesondere, dass er sich in mindestens einem Fall aus dem Wahlkreisbüro nach Hause fahren ließ.

Aus Sicht von Fraktionskollegen sei der Fahrdienst nicht für solche Konstellationen gedacht; notfalls solle eine Übernachtung aus der Pauschale bezahlt werden. Es gab keine formale Sanktion – aber der Fall zeigte das gleiche Muster: Privilegiennutzung dort, wo Privilegienverzicht die politische Botschaft hätte stärken können.

Solche Fälle werden medial aufgegriffen, führen gelegentlich zu interner Rüge, aber selten zu formalen Konsequenzen. Für die Linke sind sie dennoch Gift – weil sie das Narrativ der Partei der kleinen Leute unterlaufen. Jede Fahrt im Audi A8 widerlegt tausend Bundestagsreden über Umverteilung und soziale Gerechtigkeit.

Was man von Graz lernen kann

Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick nach Österreich. In der KPÖ gibt es eine Gehaltsobergrenze für Mandatare, die sich am durchschnittlichen Facharbeiterlohn orientiert; aktuell wird dieser mit rund 2300 bis 2500 Euro netto angegeben.

Elke Kahr, die kommunistische Bürgermeisterin von Graz, behält nach eigenen Angaben 2200 Euro im Monat und spendet den Rest ihres Nettogehalts in einen Sozialfonds. Steirische KPÖ‑Politiker müssen laut Parteibeschluss zwei Drittel ihres Politikbezugs spenden. Seit 1998 sind durch diese Praxis in der Steiermark mehr als 3,2 Millionen Euro an Menschen in Notlagen geflossen.

Von seinem Nettogehalt von 6200 Euro gibt der Grazer KPÖ‑Stadtrat Robert Krotzer monatlich 4000 Euro an den KPÖ‑Spendenfonds weiter. Seit 2017 spendet Krotzer als Grazer Stadtrat den Großteil seines Gehalts an Menschen in Not; insgesamt bereits über 300.000 Euro.

Der steirische KPÖ‑Vorsitzende Franz Stephan Parteder erklärte: „Es ist ganz wichtig, dass bei fortschrittlichen Politiker:innen Wort und Tat nicht auseinanderklaffen.“

Bei der Grazer Gemeinderatswahl 2021 wurde die KPÖ unter Spitzenkandidatin Elke Kahr mit rund 29 Prozent der Stimmen stärkste Partei, und Kahr wurde anschließend vom Gemeinderat zur Bürgermeisterin gewählt.

Die Linke in Deutschland hat diese Chance nicht nur verpasst – sie hat das Gegenteil getan. Die Dienstwagen-Debatte kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die Linke. Die Partei befindet sich ohnehin in einer schwierigen Lage, kämpft mit sinkenden Umfragewerten und internen Streitigkeiten.

Was hätte Heidi Reichinnek tun können? Sie hätte sagen können: „Ich verzichte auf den Audi A8. Ich fahre Bahn, Taxi oder Mittelklasse. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich es für richtig halte. Weil ich nicht mit einer 100.000-Euro-Limousine durch die Republik fahren will, während meine Partei dafür kämpft, dass Rentnerinnen sich die Heizung leisten können.“

Das wäre eine Aussage gewesen. Das hätte man auf TikTok posten können. Das hätte die fast 900.000 Instagram-Follower der Fraktionsvorsitzenden begeistert. Das hätte die AfD-Kampagne in sich zusammenfallen lassen wie ein Soufflé.

Stattdessen: Schweigen, Verweis auf einen Stern-Artikel, Abwiegeln. Innerhalb der Linken selbst herrscht offenbar Uneinigkeit darüber, wie mit der Situation umzugehen ist.

Man muss es so deutlich sagen: Es ist nicht die AfD, die der Linken hier schadet. Es ist die Linke, die sich selbst schadet. Die AfD liefert nur die Bühne – das Stück hat die Linke-Fraktion selbst geschrieben.

Wer mit dem Audi A8 zur Wahlkampfveranstaltung fährt und dann vom Rednerpult die Enteignung von Millionären fordert, muss sich nicht wundern, wenn Menschen das als Widerspruch empfinden. Nicht, weil es einer ist – man kann durchaus für Umverteilung sein und trotzdem einen Dienstwagen nutzen. Aber Politik ist eben auch Symbolik. Und Symbole wirken.

Die Linke hat die Episode als „Posse“ bezeichnet. Das ist sie nicht. Sie ist ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass eine Partei, die einmal den Anspruch hatte, anders zu sein als der Rest des politischen Betriebs, längst in dessen Logik aufgegangen ist.

Die Fahrbereitschaft steht zur Verfügung? Dann nutzen wir sie. Der Audi A8 ist Standard? Dann nehmen wir ihn. Das Kennzeichen kann personalisiert werden? Dann machen wir das.

Und Heidi Reichinnek? Sie steigt aus dem Audi A8 und schweigt.

Das ist das eigentliche Problem.


© Berliner Zeitung