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Von Kuba bis Europa: Wie Washington Energie zur geopolitischen Waffe macht

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24.03.2026

Wer verstehen will, wie die USA im 21. Jahrhundert Energie als geopolitisches Machtinstrument einsetzen, muss nicht in Strategiepapiere blicken – ein Blick nach Havanna genügt. Die Karibikinsel versinkt in Blackouts. Fabriken stehen still, der öffentliche Nahverkehr bricht zusammen, Fluggesellschaften können auf kubanischen Flughäfen nicht mehr auftanken.

Der Grund ist kein Hurrikan, sondern ein politisches Kalkül aus Washington: Die Trump-Regierung hat venezolanische Öllieferungen nach Kuba systematisch unterbunden, Reedereien und Versicherer mit Sekundärsanktionen abgeschreckt und Drittstaaten wie Mexiko mit Strafzöllen gedroht, sollten sie es wagen, die Insel zu beliefern. Achtzig Prozent der kubanischen Stromproduktion hängen am Öl. Wer den Ölhahn zudreht, dreht das Licht aus – und genau das ist die Absicht.

Regime-Chance durch Energieentzug

Trump selbst macht keinen Hehl daraus: Kuba sei eine „außerordentliche Bedrohung“, ein Abkommen „sehr leicht“ erreichbar – wenn Havanna nachgebe. Übersetzt heißt das: Regimechange durch Energieentzug.

Die Bevölkerung wird dabei zur Geisel. UN-Menschenrechtsexperten sprechen von kollektiver Bestrafung, doch Washington kalkuliert kühl: Punktuelle Lockerungen – eine Lizenz hier, eine Ausnahme dort – federn die humanitäre Kritik gerade so weit ab, dass der politische Druck aufrechterhalten bleibt, ohne die internationale Empörung unkontrollierbar werden zu lassen.

Kuba ist kein Einzelfall. Es ist ein Laborversuch.

Venezuela, Iran und die Architektur der Energiewaffe

Das gleiche Muster wiederholt sich in größerem Maßstab. Venezuela, einst Kubas Hauptlieferant für billiges Öl, wird selbst unter US-Kuratel gestellt. Washington kontrolliert zunehmend die venezolanische Ölproduktion, nutzt sie als Verhandlungsmasse und dreht den Hahn auf oder zu, je nach geopolitischem Bedarf. Als die Spannungen mit dem Iran eskalierten, lockerte die US-Regierung die Venezuela-Sanktionen kurzzeitig – nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um mögliche Preisspitzen an den globalen Ölmärkten abzufedern. Energie wird zur Stellschraube, die je nach Bedarf angezogen oder gelöst wird.

Der Iran selbst ist das älteste Ziel dieser Strategie. Sanktionen gegen iranische Energieexporte sollen die wichtigste Devisenquelle des Regimes austrocknen und Teheran an den Verhandlungstisch zwingen – oder in die Knie. Extraterritoriale Sanktionen treffen dabei nicht nur iranische Firmen, sondern jeden, der mit ihnen Geschäfte macht: Reedereien, Banken, Raffinerien weltweit. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer mit Amerikas Feinden Energie handelt, handelt gegen Amerika.

Die Instrumente dieser Politik sind vielfältig und präzise orchestriert: Förderpolitik im Inneren – „Drill, Baby, Drill“ –, um die eigene Verwundbarkeit gegenüber OPEC-Preisschocks zu minimieren. Sanktionen nach außen, um rivalisierende Produzenten vom Markt zu drängen. LNG-Exporte als strategisches Angebot an Verbündete, die sich von russischem Gas lösen sollen. Und Zölle als Knüppel für alle, die nicht mitspielen. Der Atlantic Council formuliert es mit entwaffnender Offenheit: Stärkere Sanktionen gegen russische Energie schaffen „mehr Leverage über Moskau“ – und sichern gleichzeitig US-Marktanteile in Europa.

Energie-Dominanz, Energie-Submission

Und Europa? Europa hat die Lektion aus der russischen Gasabhängigkeit gelernt – und ist prompt in die nächste Abhängigkeit gestolpert. Seit Russlands Überfall auf die Ukraine sind die US-LNG-Exporte nach Europa um über 3.700 Prozent gestiegen.

Mehr als die Hälfte aller Trumpschen LNG-Lieferungen gehen inzwischen auf den alten Kontinent. EU-Staaten, Japan und Südkorea haben Kaufzusagen gemacht und in US-Energieproduktion investiert. Was als Diversifikation verkauft wird, ist in Wahrheit eine Verschiebung der Abhängigkeit – von Moskau nach Washington.

Die Trump-Regierung macht daraus keinen Hehl. Außenminister Marco Rubio erklärte auf der Münchner Sicherheitskonferenz, der globale Umstieg auf Erneuerbare sei eine Quelle der Verwundbarkeit für die USA – und US-Verbündete müssten den Kurswechsel seiner Washingtoner Führung mittragen. Diana Furchtgott-Roth, eine der Architektinnen der „Energy Dominance“-Strategie, argumentiert noch unverblümter: Amerikas Wachstum unter einem pro-fossilen Regime werde andere Länder zwingen, ihre eigene Politik zu überdenken – oder wirtschaftlichen Niedergang zu riskieren. Das ist keine Einladung zur Partnerschaft. Das ist ein Ultimatum.

Washington kontrolliert inzwischen direkt oder indirekt rund zwanzig Prozent der globalen Ölproduktion – von Kanada über Guyana bis Venezuela. Genug, so argumentieren Analysten, um Preisspitzen zu begrenzen und der Trump-Regierung Handlungsfreiheit in der Weltpolitik zu verschaffen. Genug auch, um militärische Operationen im Nahen Osten durchzuführen, ohne lähmende Ölpreisschocks befürchten zu müssen. Energie als Ermöglicher von Machtprojektion – das ist die eigentliche Bedeutung von „Energy Dominance“.

China: Der Endgegner, den man nicht sanktionieren kann

Doch wer ist der eigentliche Adressat dieser Strategie? Iran und Venezuela sind Nebenschauplätze, Russland ein geschwächter Rivale, dessen Energiekonzern Gazprom laut Harvard-Analysen am Rande der Überschuldung steht.

Der Endgegner heißt China. Peking ist der größte Abnehmer billigen russischen und iranischen Öls, profitiert von jedem Barrel, das Washington vom Weltmarkt drängt, und hat gleichzeitig die globale Fertigung grüner Technologie monopolisiert. Zwischen 2017 und 2024 entfielen 25 von 52 weltweit begonnenen Kernkraftprojekten auf chinesische Designs. China betreibt eines der wenigen funktionierenden Small-Modular-Reactor-Kraftwerke. Und Pekings Solarfabriken produzieren mehr Kapazität, als die gesamte globale Nachfrage wächst.

Hier liegt die fundamentale Schwäche der US-Energiedominanz-Strategie: Sie bekämpft die Energiewende als „Klimakult“ – Rubios Worte –, während China genau diese Wende industriell dominiert; durchaus auch aus sicherheitspolitischen Erwägungen.

Trumps Politik der fossilen Maximierung macht die USA kurzfristig zum Energieriesen, langfristig aber zum Technologienachzügler. Die Ironie ist bitter: Je erfolgreicher Washington erneuerbare Energien im eigenen Land behindert – durch Zölle auf Solarkomponenten, Blockade von Offshore-Windprojekten, Streichung von IRA-Steuergutschriften –, desto stärker wird Chinas Position als globaler Ausrüster der Energiewende.

Die Grenzen der Dominanz

Und hier beginnen die Grenzen der Strategie sichtbar zu werden. Globale Energiemärkte gehorchen keinem Executive Order. Trotz aller Deregulierung und aller „Drill, Baby, Drill“-Rhetorik sehen US-Frackingproduzenten die Preise nicht hoch genug, um signifikant zu wachsen. Die US-Ölproduktion wird nach Prognosen in den kommenden Jahren stagnieren oder sogar leicht sinken. Kohle bleibt trotz Subventionen und Pentagon-Abnahmeverträgen in strukturellem Niedergang – die Gestehungskosten liegen deutlich über denen von Gas und Solar. Und erneuerbare Energien haben 2025 erstmals weltweit mehr Strom erzeugt als Kohle, trotz aller politischen Gegenmaßnahmen.

Auch die geopolitischen Hebel greifen nicht so sauber, wie Washington es gerne hätte. Indiens Zusage, russisches Öl durch venezolanisches zu ersetzen, entpuppte sich als bloße Absichtserklärung. Eine signifikante Steigerung der venezolanischen Ölproduktion erfordert Infrastrukturinvestitionen und Rechtsstaatlichkeit – beides steht nicht auf Washingtons Prioritätenliste. Und ob die Märkte stabil bleiben, wenn es zu einem großflächigen Angriff auf den Iran kommt, ist alles andere als sicher.

Die US-Analystin Heather Hurlburt bringt es auf den Punkt: Eine Welt, in der alle Staaten „All-of-the-above“-Energiepolitik betreiben, gibt Verbündeten in Europa und Asien Spielraum – selbst wenn Washington sie zum Gleichschritt drängt. Sie können grüne Energie vorantreiben, LNG kaufen, bei Kernkraft mit den USA kooperieren und gleichzeitig mit katarischem Gas und französischer oder koreanischer Nukleartechnologie diversifizieren.

Das Gegenteil von Dominanz ist nicht Submission

Das ist die entscheidende Erkenntnis, die Europa noch nicht verinnerlicht hat: Das Gegenteil von Energiedominanz ist nicht Energiesubmission – es ist Diversifikation. Wer sich von einem einzigen Lieferanten abhängig macht, ob er nun in Moskau oder Washington sitzt, begibt sich in strategische Erpressbarkeit. Europas Antwort auf die russische Gasabhängigkeit darf nicht die amerikanische LNG-Abhängigkeit sein. Sie muss ein Energiemix sein, der so breit aufgestellt ist, dass kein einzelner Akteur ihn als Hebel nutzen kann.

Trumps „Energy Dominance“ ist keine Wirtschaftspolitik. Es ist Geopolitik mit dem Bohrkopf. Energie wird zur Waffe – gegen Rivalen, gegen Widerspenstige, und im Zweifel auch gegen Verbündete, die nicht spuren. Die Strategie ist kurzfristig wirksam, mittelfristig riskant und langfristig selbstzerstörerisch. Denn wer die Energiewende bekämpft, um fossile Dominanz zu sichern, gewinnt vielleicht das Jahrzehnt – aber verliert das Jahrhundert. An China.

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