Nach der Sicherheitskonferenz: Warum Europa zwischen China, USA und Brics den Anschluss verliert
Die 62. Münchner Sicherheitskonferenz hätte kaum treffender betitelt sein können: „Under Destruction“ – unter Zerstörung. Was vom 13. bis 15. Februar 2026 im Bayerischen Hof verhandelt wurde, war nichts weniger als die Beerdigung einer Weltordnung, die Europa über Jahrzehnte Wohlstand und Sicherheit garantiert hatte. Doch während China, die USA und selbst Russland mit klaren Vorstellungen in diese neue Ära eintreten, steht Europa wie ein beleidigter Zuschauer am Straßenrand – unfähig zu begreifen, dass die Karawane längst weitergezogen ist.
Das Ende der Selbstverständlichkeiten
Friedrich Merz sprach in seiner Grundsatzrede aus, was viele ahnten, aber niemand hören wollte: Die bisherige internationale Ordnung existiert nicht mehr. Der Bundeskanzler benannte die Abhängigkeiten, die Versäumnisse, die Notwendigkeit europäischer Eigenständigkeit. Es war eine Rede, die Probleme präzise diagnostizierte. Was fehlte, war die Therapie.
Denn genau hier offenbart sich das europäische Dilemma: Der Kontinent hat verlernt, strategisch zu denken. Während andere Großmächte seit Jahren systematisch an ihrer Position in der neuen Weltordnung arbeiten, reagiert Europa bestenfalls – und meist zu spät.
Wer verstehen will, wie strategische Geduld aussieht, muss nach Peking blicken. Als Xi Jinping 2013 die Neue Seidenstraße verkündete, belächelten westliche Beobachter das Projekt als überdimensionierte Infrastrukturinitiative. Zwölf Jahre später hat China ein Netzwerk geschaffen, das von den Häfen Pakistans bis zu den Bahnhöfen Duisburgs reicht.
Die Belt and Road Initiative ist längst mehr als Straßen und Schienen. Sie ist das Rückgrat einer neuen geoökonomischen Architektur. China hat verstanden, was Europa bis heute nicht wahrhaben will: Wirtschaftliche Verflechtung schafft politische Abhängigkeiten. Wer die Infrastruktur baut, bestimmt die Spielregeln.
„Europa ist in die Bedeutungslosigkeit gerutscht“: Rubios Rede entfacht neuen Machtkampf
Wang Yi, Chinas Außenminister, nutzte die Münchner Bühne, um diese Vision zu untermauern. In seiner Rede zur „Conversation with China“ präsentierte er das Global Governance Initiative als Pekings Antwort auf die zerfallende Weltordnung. Die Botschaft war unmissverständlich: „Sowohl China als auch Europa sind unverzichtbare Pole in dieser multipolaren Welt.“ Doch während China weiß, was es mit dieser Multipolarität anfangen will, sucht Europa noch nach seiner Rolle.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Neue Entwicklungsbank der BRICS-Staaten verwaltet mittlerweile ein Portfolio von über 90 Projekten im Volumen von rund 30 Milliarden US-Dollar. Das Contingent Reserve Arrangement bietet Schwellenländern eine Alternative zum westlich dominierten Internationalen Währungsfonds. Währungsswap-Abkommen zwischen China und Brasilien, Rupie-Rubel-Geschäfte für russisches Öl – Schritt für Schritt wird die Dominanz des Dollars unterhöhlt.
Amerikas transaktionale Wende
Wenn China der geduldige Stratege ist, dann sind die USA unter Donald Trump der ungeduldige Geschäftsmann. Marco Rubio, der neue Außenminister, kam nach München mit einer Botschaft, die so simpel wie brutal war: Amerika first, der Rest verhandelt.
Rubios Rede war ein Meisterwerk der diplomatischen Doppelbödigkeit. Er beschwor die transatlantische Allianz und machte gleichzeitig klar, dass diese Allianz künftig auf amerikanischen Bedingungen basieren wird. Migration, Energiepolitik, Verteidigungsausgaben – alles wurde zur Verhandlungsmasse erklärt. Die regelbasierte internationale Ordnung, jahrzehntelang amerikanisches Mantra, wurde zur verhandelbaren Größe degradiert.
Das Transkript seiner Rede, veröffentlicht von Foreign Policy, offenbart die neue amerikanische Weltsicht: Souveränität und Grenzkontrolle stehen über multilateralen Verpflichtungen. Internationale Institutionen werden nicht mehr als Rahmen verstanden, den Amerika mitgestaltet, sondern als Einschränkungen, die es zu überwinden gilt.
„Deutschland wirkt wie ein Mitläufer“: Scharfe Kritik aus Peking an Merz
Für Europa bedeutet dies einen fundamentalen Paradigmenwechsel. Die transatlantische Partnerschaft, auf der die europäische Sicherheitsarchitektur seit 1945 ruht, wird zur Geschäftsbeziehung. Und in Geschäftsbeziehungen gilt: Wer nichts zu bieten hat, zahlt drauf.
Russlands östliche Wette
Auch Moskau hat seine Lektion aus der Ukraine-Krise gezogen – nur anders, als der Westen hoffte. Statt internationaler Isolation sucht Russland den Anschluss an die aufstrebenden Mächte des Ostens. Der Staatsbesuch Putins in Indien im Dezember 2025 markierte diese Neuausrichtung. „Eine gerechte, multipolare Weltordnung" mit „zentraler Rolle der Vereinten Nationen" – so formulierte der Kreml seine Vision.
Es ist eine Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Russland, das mit seinem Angriff auf die Ukraine das Völkerrecht mit Füßen trat, präsentiert sich nun als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung – nur eben einer anderen als der westlichen. Die BRICS-Koordination, der indische BRICS-Vorsitz 2026, die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – Moskau hat verstanden, dass es in einer multipolaren Welt Optionen braucht.
Indiens strategische Autonomie
Wenn ein Akteur auf der Münchner Konferenz die Kunst des Sowohl-als-auch perfektioniert hat, dann ist es Indien. Außenminister S. Jaishankar sprach von „strategischer Autonomie“ – ein Begriff, der in europäischen Ohren vertraut klingt, in der indischen Praxis aber eine ganz andere Bedeutung hat.
Indien kauft russisches Öl und pflegt gleichzeitig die Partnerschaft mit Washington. Es sitzt in den BRICS und trifft sich mit den G7. Es fordert Reform des UN-Sicherheitsrats und arbeitet pragmatisch mit allen Vetomächten zusammen. Neu-Delhi hat begriffen, was Berlin noch lernen muss: In einer multipolaren Welt ist Flexibilität keine Schwäche, sondern Stärke.
Das Treffen der G4-Staaten – Deutschland, Japan, Brasilien und Indien – am Rande der Konferenz zeigte diese Dynamik exemplarisch. Man diskutierte „reformierten Multilateralismus“, wie Jaishankar auf X mitteilte. Doch während Indien und Brasilien als Brics-Mitglieder bereits alternative Strukturen mitgestalten, bleibt Deutschland auf die Reform bestehender Institutionen fixiert – Institutionen, deren Reformierbarkeit täglich fraglicher wird.
Was in München nur am Rande diskutiert wurde, hatte sich bereits im Juli 2025 in Rio de Janeiro manifestiert: Der Brics-Gipfel unter brasilianischer Präsidentschaft markierte einen Wendepunkt. Die Rio-Erklärung forderte einen „wiederbelebten und reformierten Multilateralismus" mit „zentraler Rolle der UN“ – eine Formel, die harmlos klingt, aber eine fundamentale Machtverschiebung einfordert.
Präsident Lula sprach vom „beispiellosen Kollaps des Multilateralismus“ und leitete daraus die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen ab. Südafrikas Präsident Ramaphosa verknüpfte die Debatte mit Zukunftsthemen wie KI-Governance. Die Botschaft war einheitlich: Der globale Süden will nicht mehr Bittsteller sein, sondern Mitgestalter.
Die sechs Schwerpunkte des Gipfels – globale Gesundheit, Handel und Investitionen, Entwicklungsfinanzierung, Klimapolitik, KI-Governance und Reform der globalen Sicherheitsarchitektur – zeigen den Anspruch: BRICS ist längst mehr als ein Wirtschaftsforum. Es ist der institutionelle Ausdruck einer Welt, die sich nicht mehr vom Westen allein regieren lassen will.
Und Europa? Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte, wies die amerikanische Rhetorik von der „zivilisatorischen Auslöschung“ Europas empört zurück. Johann Wadephul, der deutsche Außenminister, betonte die „regelbasierte internationale Ordnung“. Es waren die richtigen Reflexe – und doch symptomatisch für das europäische Problem.
Außenminister Wang Yi: Die EU und China sind „keine systemischen Rivalen“
Denn Europa definiert sich in München vor allem durch das, was es nicht ist und nicht will. Nicht amerikanische Vasallen, nicht chinesische Marionetten, nicht russische Opfer. Aber was will Europa sein? Welche Rolle beansprucht der Kontinent in der multipolaren Ordnung? Welche Instrumente hat er, um diese Rolle durchzusetzen?
Die ehrliche Antwort lautet: Europa weiß es nicht. Und schlimmer noch – Europa hat auch keinen Prozess, um es herauszufinden.
Die verpassten Jahrzehnte
Um das Ausmaß des Versäumnisses zu verstehen, muss man 26 Jahre zurückblicken. Im September 2000 versammelten sich 149 Staats- und Regierungschefs zum Millennium Summit der Vereinten Nationen in New York. Es war ein Moment des Optimismus. Der Kalte Krieg war Geschichte, die Globalisierung versprach Wohlstand für alle, die regelbasierte Ordnung schien sich durchzusetzen.
Die Millenniumserklärung benannte die Herausforderungen: Reform des Sicherheitsrats, Armutsbekämpfung, Konfliktprävention, gerechte Globalisierung. Es waren die richtigen Themen. Doch was folgte?
Europa nutzte die folgenden zwei Jahrzehnte, um sich in internen Debatten zu verlieren. Während China die Belt and Road Initiative aufbaute, stritten Europäer über Haushaltsregeln. Während die Brics-Staaten alternative Finanzinstitutionen schufen, diskutierte Europa über Grenzwerte. Während Indien und Brasilien ihre strategische Autonomie entwickelten, machte sich Europa von russischem Gas und chinesischen Lieferketten abhängig.
Die Millenniumsziele wurden 2015 durch die Sustainable Development Goals ersetzt – ein breiterer Ansatz, aber kein strategischerer. Europa blieb der größte Geber von Entwicklungshilfe, ohne daraus politisches Kapital zu schlagen. Es blieb der wichtigste Handelspartner vieler Schwellenländer, ohne diese Beziehungen geopolitisch zu nutzen. Es blieb die Heimat von Weltkonzernen, ohne deren Macht in staatliche Handlungsfähigkeit zu übersetzen.
Der Munich Security Index als Spiegel
Der Munich Security Index 2026, erstellt von Kekst CNC, offenbart die Kluft zwischen westlicher und BRICS-Wahrnehmung in erschreckender Klarheit. Während G7-Bürger Cyber-Angriffe und Desinformation als größte Risiken sehen, priorisieren BRICS-Bevölkerungen Klimawandel und soziale Ungleichheit.
Es sind nicht nur unterschiedliche Prioritäten – es sind unterschiedliche Weltbilder. Der Westen sieht sich bedroht von außen, der globale Süden kämpft mit strukturellen Ungerechtigkeiten. Europa hat es versäumt, diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, geschweige denn zu überbrücken.
Die Diagnose ist klar, die Therapie kompliziert. Europa fehlt erstens eine gemeinsame strategische Kultur. Die nationalen Reflexe – französischer Grandeur, deutsche Exportfixierung, osteuropäische Sicherheitsängste – überlagern jede europäische Gesamtstrategie. Was als „strategische Autonomie“ diskutiert wird, bleibt Rhetorik ohne operative Substanz.
Zweitens fehlt Europa die institutionelle Fähigkeit zur schnellen Entscheidung. Während China seine Belt and Road Initiative per Dekret vorantreibt und die USA unter Trump per Executive Order regieren, braucht Europa Jahre für jeden Richtungswechsel. Die Einstimmigkeitsregel in der Außenpolitik ist kein Schutz der Souveränität, sondern eine Garantie der Handlungsunfähigkeit.
Drittens fehlt Europa ein Narrativ. China bietet den „Chinesischen Traum“, Amerika „Make America Great Again“, selbst Russland hat seine „Russische Welt“. Europa hat die „regelbasierte Ordnung“ – ein Konzept, das niemanden begeistert und dessen Regeln zunehmend von anderen geschrieben werden.
Viertens – und vielleicht am wichtigsten – fehlt Europa die Bereitschaft, Macht als legitimes Instrument zu akzeptieren. Jahrzehntelang konnte sich der Kontinent hinter amerikanischen Garantien verstecken und gleichzeitig moralische Überlegenheit beanspruchen. Diese komfortable Position existiert nicht mehr. In einer multipolaren Welt muss Europa entweder Macht projizieren oder irrelevant werden.
Die unbequemen Fragen
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat Fragen aufgeworfen, die Europa nicht länger verdrängen kann. Ist die EU bereit, eine gemeinsame Armee aufzubauen – nicht in zehn Jahren, sondern jetzt? Ist Deutschland bereit, seine Exportinteressen geopolitischen Notwendigkeiten unterzuordnen? Ist Frankreich bereit, seinen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu europäisieren? Ist Osteuropa bereit, Sicherheit nicht mehr primär über Washington zu definieren?
Die ehrliche Antwort auf alle diese Fragen lautet wahrscheinlich: nein. Und genau darin liegt das Problem. Europa diskutiert seine Zukunft, als hätte es unbegrenzt Zeit. Doch die neue Weltordnung wartet nicht auf europäische Selbstfindung.
Ein Kontinent am Scheideweg
Wang Yi hatte recht, als er Europa und China als „unverzichtbare Pole“ einer multipolaren Welt bezeichnete. Doch ein Pol muss Anziehungskraft entwickeln. Er muss wissen, wofür er steht und was er will. Er muss Ressourcen bündeln und Macht projizieren können.
Europa hat all das – theoretisch. Die größte Wirtschaftsleistung der Welt, wenn man die EU als Einheit betrachtet. Technologische Exzellenz in vielen Bereichen. Soft Power, um die andere Mächte es beneiden. Eine Geschichte, die zeigt, dass aus Feinden Partner werden können.
Doch Potenzial ist keine Politik. Und die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat gezeigt, dass Europa sein Potenzial nicht in Handlungsfähigkeit übersetzt hat. Der Kontinent steht am Straßenrand und schaut der Karawane nach. „Wir waren auch mal groß“, scheint er zu rufen. Aber Größe muss täglich neu erarbeitet werden.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Europa diese Lektion lernt. Die Alternative ist nicht Untergang – aber Bedeutungslosigkeit. In einer Welt, die von China, Amerika und aufstrebenden Mächten gestaltet wird, könnte Europa zum Museum seiner eigenen Geschichte werden. Schön anzusehen, aber ohne Einfluss auf die Gegenwart.
Das wäre das eigentliche „Under Destruction“: nicht die Zerstörung durch äußere Feinde, sondern die Selbstmarginalisierung durch strategische Untätigkeit. Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 war eine Warnung. Ob Europa sie hört, ist die entscheidende Frage der kommenden Jahre.
Brics Pay gegen den Dollar: Droht den USA der Verlust ihrer Sanktionsmacht?
