Fürsten der Dunkelheit: Mandelson, Epstein und die Gangster in Politik und Finanz
Am 23. Februar um 16.30 Uhr schlagen britische Ermittler im nordlondoner Stadtteil Camden zu: Polizisten führen Lord Peter Mandelson aus seinem Haus und setzen ihn in ein wartendes Fahrzeug.
Der 72-Jährige soll vertrauliche Informationen an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben haben. Neun Stunden lang wird Mandelson verhört. Erst mitten in der Nacht kehrt er nach Hause zurück – gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.
Nur wenige Tage zuvor hatte die Metropolitan Police bereits Andrew Mountbatten-Windsor festgenommen. Ein Foto des ehemaligen Prinzen auf dem Rücksitz seines Autos nach seiner Freilassung zeigt einen sichtlich erschütterten Mann.
Der Insider: Wie Mandelson für Epstein die Türen öffnete
Das Bild landet auf den Titelseiten der britischen Zeitungen. Doch mehr noch als die Verhaftung des Prinzen löst jene von Lord Mandelson Schockwellen aus – in der britischen Politik ebenso wie in der internationalen Finanzwelt.
Der Labour-Politiker war jahrzehntelang nämlich so etwas wie der Pate der britischen Labour-Partei. Er spielte eine zentrale Rolle in den Jahren der große Krise in der Europäischen Union (EU): Mandelson gilt als einer der Hauptarchitekten von „New Labour“. Er war Abgeordneter für Hartlepool, zweimal Minister unter Tony Blair, EU-Handelskommissar von 2004 bis 2008 und wurde im selben Jahr ins House of Lords berufen. Danach diente er bis 2010 als Minister für Wirtschaft, Innovation und Qualifikationen.
Nun kommt heraus: Seine Verbindungen zu Jeffrey Epstein und dessen kriminellem Netzwerk waren weitaus enger als bisher bekannt. Seitdem Ende Januar Millionen Akten vom US-Justizministerium über das globale Netzwerk veröffentlicht wurden, wurde ein Geflecht in den obersten Etagen der Finanzwelt und Politik sichtbar – und ein exklusiver Kreis, der massiv von Insider-Wissen profitierte.
Laut den jüngsten Enthüllungen haben Mandelson und Jeffrey Epstein zwischen 2002 und mindestens November 2016 über 6.000 E-Mails ausgetauscht. Es handelt sich um eine der umfangreichsten und folgenreichsten Beziehungen innerhalb des gesamten Komplexes. Den Dokumenten zufolge besuchte Mandelson unter anderem Epsteins Privatinsel Little Saint James und leitete regelmäßig Insiderinformationen aus Regierungskreisen an ihn weiter.
Obwohl Mandelson alle Vorwürfe bestreitet, legen die E-Mails nahe, dass er als Türöffner fungierte – ein diskreter Vermittler zwischen politischer Macht und Epsteins undurchsichtigem Finanzimperium. Besonders seine Zeit als EU-Handelskommissar rückt hierbei in ein neues Licht: Es stellt sich die Frage, inwieweit politische Weichenstellungen durch dieses private Netzwerk beeinflusst wurden.
Weitere Brisanz erhält der Fall durch neu aufgetauchte Fotos aus den Epstein-Akten: Auf mehreren Aufnahmen sind sowohl Andrew Mountbatten-Windsor als auch Mandelson zu sehen. Auf einem der Bilder posieren sie gemeinsam mit Epstein. Mandelson und Andrew tragen weiße Bademäntel, während Epstein in T-Shirt und Hose vor der Kamera steht.
Die Männer sitzen an einem Holztisch auf einer Terrasse, vor sich Tassen mit der US-Flagge. Laut ITV News wurde das Foto auf Martha’s Vineyard in den Vereinigten Staaten aufgenommen. Es soll zwischen 1999 und 2000 entstanden sein, ein genaues Datum ist jedoch nicht bekannt.
Bauernopfer Andrew: Die kalkulierte Distanzierung
Jahre später äußerten sich Epstein und Mandelson rückblickend kritisch über ihre Nähe zu Andrew. In einer E-Mail vom März 2015 schrieb Epstein: „Ich schätze, du hattest recht, dass meine Verbindung/Freundschaft mit Andrew nichts Gutes bringen würde.“ Mandelson antwortete: „Alles in Ordnung, danke. Die Zeit heilt alle Wunden.“
Im November 2016 – wenige Tage vor der US-Präsidentschaftswahl – gratulierte Epstein Mandelson zum Geburtstag: „63 Jahre alt […] du hast es geschafft!“ In derselben Nachricht bemerkte er: „Du hattest recht, dich von Andrew fernzuhalten.“ Mandelson erwiderte darauf: „Ja, ohne Andrew wäre es nicht so eskaliert.“
Ab Februar 2025 war er britischer Botschafter in den Vereinigten Staaten, wurde jedoch bereits im September desselben Jahres wegen seiner Verbindung zu Epstein wieder abberufen. Der Skandal führte zugleich zu seinem Rückzug aus dem House of Lords. Premierminister Keir Starmer räumte später öffentlich ein: „Es war mein Fehler.“
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Starmer steht unter massivem Druck, da er Mandelson trotz bekannter Warnungen des Sicherheitsapparats zum US-Botschafter ernannte. Kritiker werfen dem Premierminister vor, Sicherheitsbedenken dem taktischen Kalkül geopfert zu haben, um seinen engen Vertrauten in eine Schlüsselposition zu hieven.
Anfang März wurde auf Druck des britischen Parlaments eine erste Tranche der sogenannten „Mandelson-Papiere“ freigegeben. In den 147 Seiten finden sich E-Mails, Memos und interne Vermerke aus der Downing Street und des Außenministeriums. Sie geben Einblicke in die kontroverse Berufung Mandelsons als Botschafter und belegen, dass der britischen Regierung die potenziellen Risiken seiner Epstein-Verbindungen bewusst waren.
Die Regierung wirft dem früheren Lord vor, nicht auf alle Fragen wahrheitsgemäß geantwortet zu haben – Mandelson bestreitet dies. Was er jedoch während des Überprüfungsverfahrens genau gesagt hat, wurde bislang nicht öffentlich gemacht.
Aus den Akten geht hervor, dass Mandelson noch vor seiner offiziellen Berufung in vertrauliche Regierungsgespräche eingeweiht wurde. Der Diplomat Jonathan Powell bezeichnete den Ernennungsprozess als „überhastet“. Nach seinem Rückzug verhandelte Mandelson hart über seine Abfindung und forderte 547.000 Pfund, was seinem Gesamtgehalt entsprochen hätte; letztlich wurden ihm 75.000 Pfund gezahlt.
Der „Prince of Darkness“ und Ghislaine Maxwell
Korruption warf von Anfang an der Kern von Mandelsons politischen Geschäftsmodell: Unter Blair musste er zweimal zurücktreten – 1998 als Handels- und Industrieminister und 2001 als Nordirlandminister. Seine Fähigkeit, gefährlichen Stromschnellen zu entkommen und im Hintergrund die Fäden zu ziehen, verlieh ihm in der Downing Street den Beinamen „Prince of Darkness“ (Fürst der Dunkelheit), in Anlehnung an John Miltons Darstellung des Satans in „Paradise Lost“.
Den Kontakt zu Epstein stellte Ghislaine Maxwell her, die Tochter des verstorbenen britischen Medien-Tycoons und Labour-Abgeordneten Robert Maxwell sowie langjährige Partnerin Epsteins. Maxwell verbüßt derzeit eine 20-jährige Haftstrafe wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Mandelson war mit der Familie Maxwell bereits bestens vertraut; er verkehrte in den Machtzirkeln der Londoner Elite, lange bevor Jeffrey Epstein die Bühne betrat.
Im Juni 2002 tauschten er und die Sexualstraftäterin intime E-Mails aus: „Ich liebe das Abstoßende. Deshalb bin ich wild und gefährlich und zweimal gefallen“, schrieb der frühere Lord. Maxwell antwortete: „Benimm dich, sonst wirst du wie der böse Junge bestraft, der du bist.“
Während Mandelsons Amtszeit als EU-Handelskommissar bekannte sich Epstein im Jahr 2008 der Förderung der Prostitution Minderjähriger schuldig und saß in Haft. Mandelson erkundigte sich mehrmals über das Verfahren und sicherte Epstein seine Unterstützung zu: „Ich verfolge deine Angelegenheit aufmerksam und bin für dich da, wann immer du mich brauchst.“ Epstein reagierte darauf mit einem detaillierten Bericht der Staatsanwaltschaft.
Als Epstein im Juni 2008 zu 18 Monaten Haft verurteilt wurde, schrieb ihm der amtierende EU-Handelskommissar: „Ich schätze dich sehr und bin fassungslos und wütend über das Geschehene. Ich kann es immer noch kaum begreifen. So etwas wäre in Großbritannien einfach nicht möglich gewesen.“ Seine „Freunde“ würden ihm beistehen und ihn „lieben“, hieß es weiter. Mandelsons Partner Reinaldo Avila da Silva fügte hinzu: „Alles kann zu einer Chance werden.“
Laut Unterlagen soll Epstein zwischen 2003 und 2004 insgesamt 75.000 Dollar in drei Raten an Konten überwiesen haben, die mit Mandelson oder Avila da Silva verbunden waren. Bankauszüge nennen Mandelson teils direkt als Begünstigten. Zusätzlich soll Epstein mehrere Tausend Pfund an Avila da Silva für einen Osteopathie-Kurs gesendet haben. Mandelson leugnet dies und bestreitet die Authentizität der Papiere.
Lord Mandelson als „stellvertretender Premierminister“
Doch die Dokumente enthüllen ein Verhältnis, das weit über Freundschaft hinausging. „Nun ja, praktisch gesehen ist Petie jetzt stellvertretender Premierminister“, schrieb Epstein am 6. Juni 2009 an Maxwell. „Petie“ – so wurde der „Prince of Darkness“ im Epstein-Zirkel offenbar ebenfalls genannt. So zumindest heißt es in einem Artikel der Financial Times vom Juni 2023, dessen Screenshot im Epstein-Archiv abrufbar ist.
Im November 2009 riet Epstein Mandelson im Umgang mit Premier Gordon Brown: „Ergreife nicht die Initiative, sag ihm, dass du die Zeichen der Zeit erkannt hast und ihm treu ergeben bist [...] Ich rate dir nicht, ihn zum Rücktritt aufzufordern.“ Mandelson antwortete: „Er wird sofort in Panik geraten – er reagiert extrem empfindlich auf jede Bewegung meiner Augenbraue.“
Im Dezember 2009 erklärte Mandelson, damals Wirtschaftsminister, er werde sich dafür einsetzen, eine Steuer auf Bankerboni zu senken. Er empfahl Epstein zudem, JPMorgan-Chef Jamie Dimon solle Schatzkanzler Alistair Darling direkt anrufen, um Druck auszuüben. Als der Schattenbankier sich erkundigte, mit welcher Tonalität Dimon dieses sensible Gespräch führen solle, gab Mandelson eine unverblümte Anweisung. Seine knappe Antwort lautete: „Ja – und leicht drohen.“
Im selben Jahr leitete Mandelson Epstein ein internes Regierungsdokument weiter, das ursprünglich für Premier Brown verfasst worden war. Es enthielt Vorschläge für Vermögensverkäufe im Umfang von 20 Milliarden Pfund sowie Einschätzungen zur Steuerpolitik. Mandelson kommentierte: „Interessante Notiz, die an den Premierminister gegangen ist.“
Am 31. März 2010 erhielt Mandelson eine interne Notiz über ein Treffen zwischen dem britischen Schatzkanzler und dem damaligen US-Finanzminister Larry Summers. Das Protokoll („Summers/CX readout“) enthielt vertrauliche Einschätzungen zur US-Finanzregulierung, darunter zur „Volcker Rule“ und zum „Dodd-Frank“-Reformgesetz.
Die „Volcker Rule“ sollte Banken daran hindern, mit eigenem Kapital spekulative Eigenhandelsgeschäfte zu betreiben. Das Gesetz „Dodd-Frank“ wiederum war die umfassende US-Finanzmarktreform nach der Krise von 2008 und führte strengere Regeln für Banken, den Derivatehandel und die Finanzaufsicht ein.
Mandelson leitete dieses Dokument direkt an Epstein weiter. Dieser antwortete mit Vorschlägen zur Besteuerung von Hedgefonds und fragte gezielt nach dem Wortlaut der Regeln – ob im Gesetz „kann“ statt „muss“ stehen solle. Ein feiner sprachlicher Unterschied, der potenziell Milliarden wert sein konnte. Am nächsten Tag traf Mandelson Larry Summers persönlich.
Regierungsbildung per E-Mail
Innenpolitisch stützte sich Epstein bei der Beobachtung der britischen Regierungsbildung im Mai 2010 massiv auf Mandelson. Während der Koalitionsverhandlungen schrieb Epstein: „Na?“ Mandelson antwortete direkt aus den Gesprächen: „Den ganzen Tag erst mit Großbritannien [den Konservativen], dann mit den Liberalen. Die sind schon alle ziemlich verrückt.“ Epstein gab daraufhin den politischen Rat: „Warum lassen wir die Konservativen nicht mit einer Minderheit regieren? Ohne Koalition kriegt man das doch nicht hin.“
Am nächsten Tag verriet Mandelson Epstein strikt vertrauliche Finanzinformationen vor der offiziellen Bekanntgabe. Es ging um den sogenannten Euro-Rettungsschirm (EFSF), eine massive konzertierte Aktion der EU-Staaten, um den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und einen Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung zu verhindern. „Meine Quellen sagen, das 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket ist fast fertig“, schrieb Epstein. Mandelson bestätigte: „Wird heute Abend angekündigt.“
Diese Information war eine Marktsensation: Da der Euro-Bailout die finanzielle Stabilität des gesamten Euroraums garantieren sollte, war die Vorabkenntnis über den exakten Zeitpunkt und das Volumen in Wall-Street-Kreisen Milliarden wert. Investoren konnten so bereits Positionen einnehmen, bevor die Märkte auf die offizielle Nachricht reagierten.
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Als Mandelson schließlich aus der Regierung ausschied, half ihm Epstein bei der Gestaltung seiner Karriere. Mandelson gestand: „Ich mache mir große Sorgen darüber, wie ich ab dem 13. August meinen Lebensunterhalt verdienen soll!“ Im Juli 2010 leitete er Epstein eine Nachricht von Jes Staley, damals JPMorgan-Chef, weiter, der Mandelson Hilfe beim „nächsten Kapitel“ anbot.
Es etablierte sich ein enger Austausch zwischen Mandelson, Epstein und der JPMorgan-Spitze. Im April 2013 trafen sie sich zum Abendessen in Epsteins New Yorker Residenz, unter den Gästen waren auch US-Schauspieler Woody Allen und der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak.
Im Januar 2010 schrieb Epstein an Mandelson bezüglich der Stornierung eines Londoner Bauprojekts durch JPMorgan: „Nein, es lag allein an deinen Steuern und der Sorge vor künftigen Erpressungen.“ Er fügte hinzu: „Ich möchte mir überlegen, wie DU das zu deinem Vorteil nutzen könntest.“
Die Drehtür der Macht: Von der Regierung zur Lobbyfirma
Bevor Mandelson noch seine Beratungsfirma Global Counsel Ende 2010 gründete, berichtete er Epstein von einem Abendessen mit Lee Kuan Yew, dem ehemaligen Premier von Singapore, der ihm in China helfen wolle. Mandelson suchte dafür einen „Stützpunkt“, eine Bank. Er leitete Epstein ein Angebot der Deutschen Bank weiter, dass eine jährliche Vergütung zwischen 4 und 10 Millionen US-Dollar für den Zugang zu Regierungen und Unternehmen auf internationaler Ebene vorsah.
Gegenüber dem Handelsblatt äußerte sich dazu ein Sprecher der Deutschen Bank: „Herr Mandelson hat nie bei oder für die Bank gearbeitet.“
Mittlerweile hat Global Counsel Insolvenz angemeldet. Die Firma hatte unter anderem seit 2018 den US-Datenkonzern Palantir Technologies vertreten und bei der Vergabe britischer Regierungsaufträge in dreistelliger Millionenhöhe unterstützt.
Die geöffnete Büchse der Pandora
Obwohl der Epstein-Skandal zum Rücktritt seines ehemaligen Stabschefs Morgan McSweeney führte, hofft Premierminister Starmer immer noch, die Angelegenheit auszusitzen. Der hat es schon lange vor den Epstein-Files geschafft, in den Umfragen zum unbeliebtesten Premier seit Jahrzehnten abzusinken.
Nun ist die Büchse der Pandora längst geöffnet – und britische Medien und Beobachter spekulieren immer intensiver über ein unrühmliches Ende der Amtszeit von Sir Keir Starmer.
